Bilder aus Bädern und Kurorten

1900 – Wir haben während der Winterzeit unsern Lesern vielfach Bilder aus der Gesellschaft gebracht, wie sich diese in großen Festsälen, in intimen Salons gesellig oder zu Beratungen in Sachen der Wissenschaft, der Kunst und des Wohlthuns zusammenfand.

Die Sommerzeit treibt aber die Gesellschaft in alle Himmelsrichtungen auseinander, und neu gruppiert findet sie sich wieder in der schönen Natur zusammen. Hat doch fast jeder irgendein, wenn auch noch so kleines Leiden zu heilen, und die Aerzte verteilen unsere Damen und Herren über die verschiedenen Badeorte. Von unsern Bädern und dem sommerlichen Kurleben, das sich dort entwickelt, wollen wir im nachstehenden einiges erzählen und im Bild vorführen.

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Das bayrische Bad Kissingen im reizenden Wiesenthal der fränkischen Saale, wiewohl schon seit 400 Jahren als Kurort benutzt, ist eigentlich im großen Stil erst zur Entwicklung während der letzten dreißig Jahre gelangt. Vorher war der Name Kissingen durch das einzige blutige Gefecht zwischen Preußen und Bayern vom 10. Juli 1866 zur Berühmtheit gekommen. Der Altreichskanzler hat diesen traurigen Ruf des Orts wettgemacht, als er durch eine Reihe von Jahren regelmäßig während einiger Sommerwochen dort als Kurgast erschien und damit die Heilkraft des Rakoczysprudels und der andern Salzquellen allen seinen Leidensgenossen der großen Gesellschaft empfahl. Seine Statue prangt deshalb mit besonderem Grund in den Anlagen bei der Saline, in der er regelmäßig Wohnung nahm. Die wundervollen Waldpromenaden um Kissingen und die mustergiltigen Badeeinrichtungen haben dem Ort auch seither die vornehme Kundschaft erhalten, die sich meist schon in der ersten Hälfte des Sommers dort zusammenfindet, um dann noch Zeit für eine Nachkur an der See oder im Gebirge zu gewinnen. Auch Adolf v. Menzel ist ständiger Kurgast, und mit Ehrfurcht sieht das Publikum diesen kleinen großen Mann durch die Kurpromenaden pilgern, allein oder mit ernsthaften Männern – nie mit Frauen.

Königin Marie von Hannover mit ihrer Tochter, Prinzessin Marie, auf der Kurpromendae von Kinningen. Oben das Kurhaus

Unser Bild zeigt unter den Kurgästen die greise Königinwitwe von Hannover in Begleitung ihrer Tochter, Prinzessin Marie. In allen schweren Bitternissen ihres Schicksals ist die Königin ihren deutschen Bädern treugeblieben.

Während Kissingen mehr das wirklich erholungsbedürftige Publikum anzieht, ist Homburg der Ort des Luxus und der schönen Feste. Die herrliche Stadt vor der Höhe am Taunus, die mit ihren eisenhaltig salinischen Säuerlingen für gleiche Leiden wie Kissingen sich empfiehlt, hat sich schon seit einer Reihe von Jahrzehnten zum Rendezvousplatz der vornehmen europäischen Gesellschaft entwickelt. Der Prinz von Wales weilt fast alljährlich in diesem mit allen Lurxuseinrichtungen für Sport und Vergnügen – auch mit einem Cercle des étrangers – ausgestatteten Badeort, dem der Taunus den reichen Waldzauber und die durch Kaiser Wilhelm zur Wiedererstehung bestimmte römische Saalburg die historische Weihe geben. Unser Bild zeigt den Elisabethbrunnen, an dem eine aristokratische Gesellschaft gerade ihre Trinkkur nimmt.

Bilder vom Rosenfest in Wiesbaden am 17.Juni – Prinz Nikolaus von Nassau

Enger in der Landschaft als die beiden vorgenannten Bäder, in das gegen Norden geöffnete Thal des vom Brocken abfließenden spiegelklaren Radaubachs eingeschlossen, ist das „Reiche – Leute – Bad“ Harzburg. Man giebt hier für die Heilkraft der Salzquelle, für die in reizenden Villen mit allem Komfort eingerichteten Wohnungen, in den eleganten Restaurants für quellfrische Forellen aus dem oberen Radaubach und für das Atmen der herrlichen, waldgewürzten Luft gleichsam im intimen Kreis das viele Geld aus, das sonst die Bäder großen Stils beanspruchen. Aber es ist schön in Harzburg, und oben auf dem großen Burgberg, dem letzten nördlichen Ausläufer des Brockens, grüßen den Besucher die geweihten Reste der von Kaiser Heinrich IV. gebauten Harzburg und neben ihnen die dem Andenken Bismarcks gewidmete Kanossasäule mit der Inschrift: „Nach Kanossa gehen wir nicht.“ Die Brockenteufelinnen, die am jenseitigen Abhang des Bergs ihren Hexentanzplatz haben, wagen sich freilich in dieses tugendhafte Bad niemals hinein. Darum thut’s auch den Kindern so gut, die man „mit Fräulein“ unbesorgt in den Bergwald wandern läßt, zur Sennhütte, zur Rabenklippe, zum romantischen Radaufall. Hier weilt auch der Dichter der „Familie Buchholz“ gern, unser trefflicher, gut bürgerlicher Julius Stinde.

Bilder vom Rosenfest in Wiesbaden am 17.Juni – Blumenverkäuferinnen aus der Gesellschaft

Von Wiesbaden selbst noch nach seinen Festspielen und Festwochen erzählen wollen, hieße für den unbelesensten Leser Eulen nach Athen tragen. Seine wunderbare Lage zwischen dem Südwestabhang des Taunus und den bewaldeten Nordostgehängen des Rheingaugebirges verleiht dem von allen Seiten geschützten Thalboden des Rambaches ein stetig mildes Klima, und so gedeiht auch die Villenstadt in Wiesbaden zu einem der schönsten und üppigsten Blumengärten in Deutschland. Die schon den Römern bekannten warmen Salzquellen, die Plinius die Fontes Mattiaci nannte haben sich gegen rheumatische und gichtische Leiden als Heilmittel ersten Ranges bewährt, und das giebt auch der äußeren gesellschaftlichen Erscheinung der Badestadt die eigentliche Charakteristik. Homburg und Harzburg bergen wenig ernste Patienten, und auch die meisten Besucher Kissingens haben nur leichtere Leiden wegzukurieren.

Auf der Morgenpromenade in Bad Harzburg

Wiesbaden dagegen ist die Hoffnung der Aerzte für schwere Gichtkranke, die, vielfach des Gebrauchs ihrer Glieder beraubt, auf Wagen in den entzückenden Promenaden des Kurgartens zwischen ihren Wohnungen und Bädern herumgeführt werden und so mit dem oft schmerzdurchfurchten Ausdruck ihrer Gesichter in Wahrheit das Bild der leidenden Menschheit darstellen, die hier Genesung sucht. Alle diese eigentlichen Patienten Wiesbadens und ihre Leidensgenossen, die zu den großartigen Sonderkliniken pilgern, fehlen im Publikum der Festspiele und Festwochen. Ihre Angehörigen und die große Menge der leichteren Patienten, die der schöne Ort mit seinen reichen Veranstaltungen anzieht, machen das gesellschaftlich sichtbare Publikum aus, und dieses findet sich hier zusammen aus allen Ständen und Berufsklassen. Wiesbaden ist mit allem Reiz und Luxus kein Luxusbad, es ist ein Heilbad für Leidende. Darin liegt sein wahrer Charakter. In diesem großen Weltbad mit seinen berühmten Thermen hört das Badeleben und das Gesellschaftsleben zu keiner Jahreszeit auf.

Junimorgen am Elisabethbrunnen in Homburg

Wir bringen aus den letzten gesellschaftlichen Ereignissen in Wiesbaden Bilder vom Rosenfest, das der dortige Regierungspräsident Dr. v, Wentzel kürzlich veranstaltete. Unser erstes Bild zeigt einen fürstlichen Badegast, den Prinzen Nikolaus von Nassau, das andere eine anmutige Gruppe jugendlicher Blumenmädchen aus der Gesellschaft im Alter von 10 bis 20 Jahren – höchstens natürlich!

Dieser Artikel erschien zuerst 1900 in Die Woche.