Der Automat als Notenschreiber

Eine sehr interessante Erfindung auf musiktechnischem Gebiet dürfte bald die Aufmerksamkeit der Musikverständigen, vor allem der Komponisten, auf sich ziehen.

Ein Amerikaner, Mr. William Thanle, der sich in Oberloßnitz bei Dresden ankaufte und selbst als hervorragender Klaviervirtuose und Komponist sich vielfach in den Dienst der Wohlthätigkeit stellte, baute eine Maschine, die es ihm ermöglicht, eine eben gespielte Komposition oder Improvisation festzuhalten und auch, sofort nach dem Vortrag, auf automatisch-mechanischem Weg wiederholen zu können, so daß der Komponist – unbekümmert um das Niederschreiben – ohne Störung seiner Stimmung folgen kann und doch seine Schöpfung dauernd erhält.

Das „Niederschreiben“ erfolgt durch eine Maschine, der Schreibmaschine zu vergleichen, die durch elektrische Leitungen mit der Klaviatur in Verbindung steht und durch einen kurzen Hebeldruck vom Piano aus eingeschaltet werden kann. Diese Maschine kann nach Belieben auch in einem andern – entfernten Raum Aufstellung finden. Der bespielte Papierstreifen wird abgeschnitten und, wenn man will, mittels einer am Piano angebrachten, ebenfalls durch elektrische Kraft getriebenen Maschinerie automatisch abgespielt, mit allen Nuancen in Bezug auf Tempo und Vortrag. Die Wiedergabe ist durchaus genau und giebt dem Komponisten Gelegenheit zur Selbstbeurteilung seiner Schöpfung, oder zur Aenderung vor der eigentlichen Verwendung oder Veröffentlichung. Auch können die bedruckten Papierstreifen auf andern modernen Wiederholungsinstrumenten sofort abgespielt werden.

Die elektrische Wiederholungsvorrichtung am Klavier

Die äußerst sinnreich konstruierte Aufnahmemaschine ist ein kleines Wunderwerk, das für gewöhnlich im eleganten Schrein verborgen arbeitet, das wir aber zur photographischen Aufnahme freilegten, gleich der elektrischen Wiederholungsvorrichtung am Klavier, die für gewöhnlich nicht sichtbar ist. Beide Vorrichtungen können mit jedem Piano oder Flügel in Verein gebracht werden.

Mr. Thanle, dessen Bild wir neben dem „Musical transwriter“ bringen (die Dame am Piano ist eine junge amerikanische Pianistin) hat fast zehn Jahre ernstlich an der Ausführung seines Gedankens gearbeitet manches Projekt verworfen – bis er endlich zum Ziel kam.

Der Erfinder zwischen seinen Instrumenten. Rechts die freigelegte Aufnahmemaschine.

In nähere Details einzugehen, verbietet die Rücksicht gegen den Erfinder, da die Patentvergleichung noch nicht verfaßt wurde. Der vollendete Erfolg tritt aber in prägnantester Weise dem Zuschauer vor Augen, und eine Reihe von kunstinteressierten Größen besucht fast täglich Mr. Thanles Villa, um die erstaunliche Leistung musik-maschineller Technik zu bewundern.

Dieser Artikel erschien zuerst am 18.10.1902 in Die Woche, er war gekennzeichnet mit „F. v. D. C.“.