Der Kanal von Corinth

Der Kanal von Corinth, seit 2 ½ Jahren nach männichfachen Schicksalen beendet, ist trotz seiner geringen Länge von 6 km und trotz der Dürftigkeit des Verkehrs, den er zu bewältigen ins Leben gerufen sein wird, ein Werk hohen technischen Ranges, da die Landenge, welche er durchbricht, aus kompaktem Fels besteht und das niedrige Vorland an beiden Küsten nur von geringer Breite ist.

Am östlichen Ende beginnt er bei dem kleinen armseligen Kalamaki, am östlichen Ende liegt die Mündung ein Stück nördlich von der Stadt Corinth, die aber in ihrem heutigen Zustande auf den Namen einer Stadt kaum Anspruch erheben kann. Denn auf ödem sandigen Strande belegen, besteht sie nur aus einer mässigen Anzahl Häuser niedersten Ranges, mit denen einige wenige Häuser nur etwas besserer Haltung untermischt sind. Die Strassen liegen, soweit sie überhaupt vorhanden sind, ungepflegt und theils ohne Pflasterung da; meist handelt es sich um blosse Wege, in denen Staub und Sand ihr Wesen treiben.

Nach dem blossen Anblick scheint die Stadt, welche in alten Zeiten etwa 500 000 Einwohner gehabt haben soll, heute nicht mehr als vielleicht ein Tausendstel davon zu beherbergen, doch soll die Einwohnerzahl thatsächlich zwischen 4000 und 5000 betragen. Jedenfalls handelt es sich bei Corinth um eine Wandlung des Schicksals, an welche bei der relativen Gunst der Lage kaum hätte gedacht werden können.

Dass der Besitz des Kanals in kurzer Zeit eine Aenderung herbeiführen wird, erscheint kaum glaublich, da der Zeitgewinn bei seiner Benutzung zu gering und übrigens auch der Schiffsverkehr jener Meeresgegenden allem Anschein nach nur wenig bedeutend ist. Auch die Thatsache, dass Corinth Station der von Athen herführenden Eisenbahn ist, welche sich hier theilt, um in nordwestlicher Richtung an der achäischen Küste entlang zu laufen und in südwestlicher Richtung den Peloponnes zu durchqueren, wird an den armseligen heutigen Zuständen wohl nicht so bald eine wesentliche Aenderung zum Besseren mit sich bringen.

Der Kanal hat 23 m Spiegelbreite und 8 m Wassertiefe. Auf ein paar Kilometer Länge durchbricht er einen Felsenrücken, der sich bis zu fast 80 m über den Kanalspiegel erhebt. Die Eisenbahn läuft eine Strecke am Nordufer des Kanals entlang, um denselben alsdann mit scharfer Wendung in 52 m Höhe über Wasserspiegel zu kreuzen; sie füllt schliesslich mit starkem Gefälle auf kurzer Länge zum Bahnhof Corinth hinab.

Der Kanal von Corinth

Die beigefügte, nach einer photographischen Aufnahme hergestellte Abbildung giebt eine gute Vorstellung von der Gewaltigkeit der Arbeit, welche zur Durchstechung des Isthmus von Corinth zu bewältigen war.

Dieser Artikel erschien zuerst am 14.12.1895 in der Deutsche Bauzeitung.