Ein Besuch bei Jules Verne

Der weltberühmte Verfasser der Erzählungen „Fünf Wochen im Ballon“, „Die Reise nach dem Mond“ und zahlreicher ähnlicher Werke lebt in dem friedlichen und malerischen Amiens, der Hauptstadt der ehemaligen Picardie im nördlichen Frankreich. Dort war es auch wo ich vor kurzem das Vergnügen hatte, Jules Verne zu begrüßen, den ich in stiller Zurückgezogenheit im Lesezimmer der „Societé Industrielle“ dieser Stadt fand.

Von mittlerer Größe, weißem Bart, geröteter Gesichtsfarbe und von einer noch seltenen Lebenskraft – so gleicht der ungefähr 75 Jahre zählende Schriftsteller einem Schiffskapitän, der den Abend seines Lebens auf dem festen Land zu verbringen gedenkt. Obgleich er noch immer an einer Wunde am Fuß leidet, die ihm vor einigen Jahren die Kugel eines Wahnsinnigen riß und ihm das Gehen ziemlich erschwert verweilt Jules Verne doch noch einen großen Teil seiner Zeit in freier Luft und widmet sich sogar noch überaus lebhaft den städtischen Interessen seiner adoptierten Heimat.

Jules Verne erzählte mir, daß er in Nantes geboren sei, fügte aber gleichzeitig nicht ohne Stolz hinzu, Pariser Abkunft zu sein. Nur durch die Geschäfte des Vaters hätten sich seine Eltern seiner seit von der heimatlichen Scholle trennen müssen.

Das Wohnhaus Jules Vernes in Amiens – links Jules Verne, rechts Frau Verne

„Meine Jugend verbrachte ich in meinem Geburtsort und beendigte dort die Universitätsstudien, um dann nach Erlangung des juridischen Doktorgrades nach Paris überzusiedeln. Infolge meiner natürlichen Neigung zur Litteratur verließ ich aber bald den mir vom Vater vorgezeichneten Weg. Als ich kaum mein einundzwanzigste Lebensjahr erreicht hatte, glückte es mir schon, meine erste Bühnendichtung „Les Pailles rompues“ im Theater Vaudedbille (1850) aufgeführt zu sehen. Es folgten dann noch einige andere Stücke bis ich mich endlich im Jahr 1863 dem wissenschaftlich belehrenden Roman zuwandte, einer Litteraturgattung, die man bis dahin noch nicht kannte. Jede Art von Wissenschaft hatte stets die größte Anziehungskraft auf mich ausgeübt, und deshalb war es natürlich, daß meine ersten Essays aus dieser nie versiegenden Quelle geschöpft waren.

Jules Verne

„Fünf Wochen im Ballon“ war mein erster Versuch in dieser Richtung, und der lebhafte Beifall, den meine Entdeckungsreise überall fand, ließ in mir den Entschluß reifen, auf dem Pfad weiterzugehen, den ich mir selbst vorgezeichnet hatte.“

„Und seit dieser seit ist Ihre Feder wohl stets thätig gewesen ?“

„Ja, bis heute habe ich ungefähr hundert Bücher geschrieben, die in fast alle europäischen Sprachen übersetzt wurden.“

„Und Ihr nächstes Buch ?“

„Mein nächstes Buch wird ein Trauerspiel im stillen Ozean behandeln. Die Erzählung, die auf Thatsachen beruht, trägt den Titel „Die Brüder Keepe“ und beschreibt hauptsächlich die tragischen Abenteuer zweier Brüder. Ich will gleichzeitig bemerken, daß es mein Grundsatz ist, jährlich zwei Bücher zu schreiben, die stets halbjährlich erscheinen.“

„Und wie ist es Ihnen möglich, so viel Arbeit im Lauf eines Jahres zu bewältigen ?“ fragte ich weiter. „Vermutlich gebrauchen sie die Hilfe eines Sekretärs ?“

„Keineswegs!“ antwortete der liebenswürdige Schriftsteller. „Jede Seite meiner Werke ist von meiner eigenen Hand geschrieben. Ich benutze weder Schreibmaschine, noch irgend andere fremde Hilfe. Augenblicklich will jedoch die Arbeit nur langsam vorwärtsschreiten, da ich am rechten Auge leide. Ich hoffe aber, daß mir ein operativer Eingriff demnächst das Augenlicht vollkommen wiedergeben wird. Trotzdem lese ich täglich doch, so viel es eben geht; denn es ist von jeher mein Prinzip gewesen, mich über alle Vorgänge, sei es in der Litteratur, sei es auf dem Gebiet der Erfindungen und Entdeckungen, möglichst auf dem laufenden zu halten. Sie möchten auch gern wissen, welche Methode ich bei meiner Arbeit verfolge? Ich beginne damit, die Resultate meiner fortgesetzten Lektüre, sowie erschöpfender Forschungen in Gestalt von Notizen aufzuhäufen, die ich dann mit Rücksicht auf den Gegenstand, den ich behandeln gedenke, sorgfältig prüfe. Hierauf entwerfe ich die Zentralidee meiner Erzählung, die mir dann gleichsam als Gerüst für meine gesammelten Aufzeichnungen dient. Erst wenn der psychologische Moment zur Arbeit gekommen ist, mache ich mich ans Werk, schreibe jeden Tag mehrere Stunden und raste nicht eher, als bis die letzte Seite vollendet ist.“ Jules Verne teilte mir dann weiter mit, daß in früheren Jahren, als er noch nicht jene Fußverletzung erlitten sein bevorzugtester Sport die Schiffahrt gewesen sei. Er hat in seiner eigenen Jacht „St. Michel“ die hauptsächlichsten Küsten Europas, Amerikas sowie Afrikas besucht, und gerade diese reizvollen Fahrten bildeten die Hauptquelle für seine „phantastischen Entdeckungsreisen“.

Von allen Wissenschaften war Geographie sein Lieblingsstudium, und vor allem sind es wohl seine bedeutenden naturwissenschaftlichen Kenntnisse, sowie ungewöhnliche Beschreibungsgabe gewesen, welche Werke entstehen ließen, die gewiß noch lange einen ersten Platz in den Jugendbibliotheken behaupten werden.

„Und nun,“ fragte ich zum Schluß, indem ich mich zum Gehen anschickte, „gestatten sie mir noch die eine Frage: welche seltsamen Entdeckungen hat die Wissenschaft der Zukunft dem kommenden Mann wohl noch zu offenbaren? Werden wir den Globus in lenkbaren Luftschiffen umfahren? Wird es uns möglich sein, eine Verbindung mit den Bewohnern des Mars zu eröffnen ?“

Blick in Jules Vernes Arbeitszimmer

Der alte Schrifisteller schüttelte sein Haupt und lächelte: „Das ist wirklich mehr, als ich Ihnen sagen kann. Aber, daß uns die Wissenschaft noch einige staunenswerte Wunder bringt, die die Lebensbedingungen auf dieser Erde vollständig ändern, das glaube ich sicher und noch mehr: viele dieser Wunder werden gewiß noch in unserer Zeit erscheinen.

Die Wissenschaft, hauptsächlich die der Elektrizität, steckt ja bis jetzt noch in ihren Kinderschuhen. Und wenn ihre Mysterien sich uns noch weiter und voller entfalten, dann wird die Zeit gekommen sein, wo die Wunder des Schriftstellers bedeutungslos vor den tieferen und selteneren der Gegenwart verschwinden müssen.“

Dieser Artikel von F. P. Freyberg erschien zuerst am 16.08.1902 in Die Woche.