X. Vergnügen – Reisen

Der liebe Gott mag keine Kopfhänger, keine Mucker. Wozu hat er uns des Waldes Grün, Blüthen und Blumen, des Himmels Bläue, Sonnenschein und Mondes- und Sternenlicht gegeben und die unendlichen Wunder seiner Allmacht, als daß wir uns deren freuen und ihm dienen in unserer Freude.

Frohe Menschen sind gute Menschen, denn nur bei guten Menschen kann die wahre, die reine Freude einkehren und wohnen. Aus ganzem Herzen froh sein, konnten die genügsamen kölner Bürger, sie suchten die Freude und fanden sie, und umgekehrt.

Den Reicheren brachte der Winter die Familien-Tractamentcher, Ramponächer, und unter diesen müssen als zufällige Momente das so genannte „Waendbegiessen“ hervorgehoben werden, wenn ein neugebautes Haus bezogen, wozu die ganze Sippschaft und Freundschaft geladen wurde, und die alten humoristischen Sprüche nie fehlten, dann die Pfänderspiele, Spielpartieen, ihre Redouten, Concerte und das Theater.

Theater auf dem Klocker-Wäldchen, in der Schmierstraße

Die Zeit der französischen Schauspieler, welche im vorigen Jahrhunderte auf dem Quattermarkte oder in einer auf dem Heumarkte erbauten Thespis-Bude die Honoratioren entzückt hatten, war vorüber. Viel wurde uns Kindern von der deutschen Komödianten-Truppe unter Böhm erzählt, die in einer Bude auf dem Klöcker-Wäldchen, der Westseite des Neumarktes gespielt hatte, aber selbst bei den frommen Leuten, ihrer sittlichen Haltung wegen, in gutem Andenken stand.

Herr und Madame Böhm, die Herren Bilau, Amor und Habekorn wurden mit Achtung und Anerkennung ihres großen Talentes genannt. Die Preise waren 20 Stüber, 8 Stüber und 4 Stüber, der hohe Adel und Skandespersonen zahlten nach Belieben. Lebendigen Sinn haben die Kölner fürs Schauspiel. In der Zeit, von der ich rede, hatte Köln schon einige dramatische Kunst-Notabilitäten geliefert, und Wunder berichtete man über den Sänger Hill, der Chorknabe im Dome gewesen, und, ein geachteter Künstler, wenn ich nicht irre, in Frankfurt a. M. sein Grab fand.

De Noël’s Schilderung

Im Jahre 1806 bestand schon das Schauspielhaus in der Schmierstraße, jetzt Komödienstraße, denn wir besitzen noch ein Gedicht von De Noël in unserer Mundart:

„Ein nagelneues Büchelein, worinnen ausdrücklich beschrieben sein, alle Bildchen und Figuren, Kännchen und Posituren, welche im Komödienhaus angebracht und mit Couleuren auf die Wand gemacht, die sonsten niemals da gewesen, gar amusirlich zu lesen. Sehr hochgelehrt und sittlich und fein, gebracht in folgende Reimelein – vom Herrn Auctore – bei seinem Leben in schönem Druck herausgegeben, im Jahre, wo man nach dem vorigen Tert zuerst wieder schrieb 18 hundert und 6.“

Preise

Besucht war das Theater, wenn auch die Preise schon zu 44, 22 und 11 Stüber gestiegen. Unter Frambach’s und Backhof’s Aegide, welcher Ersterer mit Zumbach als dramatischer Dichter aufgetreten, muß das Theater in besonderem Flor gewesen sein.

Repertoire

Daß man sich viel dafür interessirte, beweis’t der Nachdruck der beliebtesten Stücke jener Periode, die bei Langen erschienen. Außer den Schauspielen von Iffland, Kotzebue, Frau von Weissenthurm fanden die Schröder’schen Bearbeitungen Shakespeare’scher Stücke besonderen Anklang; die beliebtesten Schauspieler waren die Herren Golbrig, Frühling, die Damen Bio und Frühling.

Die eigentliche Bürgerclasse, Männer und Frauen begnügen sich mit dem Parterre, das auch bei allen inneren Theater-Angelegenheiten die entscheidende Stimme hatte, und an Wochentagen schämen sich die Männer auch nicht, in den Olymp zu steigen. Beim geistigen Genusse vergißt der Kölner nie den leiblichen, und das „Jett jefaellig?! Jett jefaellig?!“ in den Zwischenacten in Logen, im Parterre und auf der Galerie, mahnt an die Bedürfnisse des Magens. Außer Zuckerwerk, Caramellen, Gerstenzucker wurd auch Punsch herumgereicht. Unsere Mütter ermangelten übrigens nie, beim Theaterbesuche den Pompadour oder Ridicule gehörig zu spicken. Ein Foyer oder Büffet kennt man nicht.

Straßenbeleuchtung

Straßenbeleuchtung, mächtige Laternen mit Oellampen in ziemlicher Entfernung von einander aufgehängt, hatte eben eine Rubrik im Budget der Stadt gefunden. Jede Haushaltung hat aber noch ihre große Leuchte, um die Herrschaft Abends heimzuholen, außerdem haben der Herr und die Mafrau ihre kupfernen Laternchen, Morgens früh, im Winter zum Kirchgang benutzt, um zugleich die Bänke der Kirche zu erleuchten, will man das Gebetbuch gebrauchen.

Fackelträger und Leuchtenmänner

Am Anfang der Franzosen-Herrschaft durfte sich Abends Niemand, unter schwerer Strafe, ohne Laterne auf der Straße zeigen. Die Leuchtenmänner bilden eine eigene Classe der kölnischen Lazzaroni. Sie sind Abends an allen Straßenecken zu finden und werden den Vorübergehenden nur zu oft lästig durch ihre Zudringlichleit. Am Ausgange des Theaters stehen immer Haufen mit helllodernden und qualmenden Pechfackeln, dem Publicum mit lautem Geschrei ihre Dienste anbietend.

Straßensperre

Nach altreichsstädtischem Brauche wird jeden Abend, wenn Vorstellung, die Schmierstraße am Ostende an St. Paul am Kettenhäuschen mit einer schweren eisernen Kette abgesperrt, damit die Schauspieler oder Sänger nicht durch Wagengerassel gestört werden.

Zu den Sicherungsmitteln der Stadt gehörte im Mittelalter das Absperren der Hauptstraßen durch Ketten, das die Wachtordnung vom Jahre 1583 schon als alten Brauch bezeichnet. Die einzelnen Kirchspiele hatten ihre Hauptleute und Thurmherren, welche besonders den Schluß der Thore und der Ketten zu überwachen hatten. In Kriegsläuften waren die Rottmeister und Rottgesellen aufs strengste verpflichtet und vereidet, von ihren Ketten nicht zu weichen, dieselben ohne besonderen Befehl nicht zu verlassen oder aufzuschließen. Durch dieses äußerst zweckdienliche Mittel, das Absperren der Straßen durch Ketten, was jeden Abend um 9 Uhr geschah, wurde die Stadt in eine Menge Reviere getheilt, die um so leichter zu überwachen.

Bei den Ketten, zu deren Aufbewahrung man später 50 Kettenhäuschen aufführte, waren in bedenklichen Zeiten Wachen aufgestellt, die sich unter einander visitirten, und von den Hauptwachen an den Hauptthoren visitirt wurden. Vor dem Jahre 1794, in welchem Köln von den Franzosen besetzt wurde, war die Bürgerschaft in acht Koronellschaften getheilt, deren jede zwei Alarm- oder Sammelplätze hatte, so der Platz vor der Severinskirche, Georgsplatz, Heumarkt, Altenmarkt, Elogiusplatz, Stadthausplatz, Cunibertskloster und St.Paulus, Gereonsdriesch und St.-Ursulakloster, der Neumarkt, Apostelnstraße und St.-Apern, St.-Pantaleon und Perlengraben, welche auch die achte Koronellschaft benutzte. Im Jahre 1798 theilten die Republicaner die Stadt in fünf Sectionen: Section de la liberté, de l’égalité, de la fraternité, de la réunion, de la frontière, welche Eintheilung bis 1801 bestand.

Außer dem Theater gehörten zu den Schauseligkeiten, besonders um die Zeit der Gottestrag, die Menagerieen und die damals so beliebten Wachsfiguren-Cabinette, in welchen neben den hohen und, höchsten Potentaten die abgefeimtesten Gauner und Spitzhuben, die gräßlichsten Mörder, Giftmischer und Mordbrenner zur Schau geboten wurden. Bei sehr geringen Eintrittspreisen fanden sie vielen Zuspruch und jagten uns Kindern nicht selten eine Gänsehaut über den Leib, schafften uns böse Träume und Alpdrücken.

De Krep oder Hänneschen

Das Schauspiel der Jugend war „de Krép“ oder „et Haenneschen“, an dessen Schnurren und Faren die Alten sich aber nicht minder ergötzten, und für welches ein Wallraf, ein DeNoél und die olympische Gesellschaft zu dichten sich nicht schämen. Hier hatte sich der echte „kölsche Kläf“ noch erhalten. Rivalin der Krèp in der Lintgasse war die auf der Ahr, welche übrigens in nicht so classischem Rufe stand, wie jene. Außer den Extra-Vorstellungen wurde gewöhnlich per Stunde zu 2 und 1 Stüber gespielt, wobei in den Zwischenacten der Bevva, de Mariezebel, et Haennesche, der Nober Tunnes und der Nober Mehlwurm nebst dem Amtmann die Haupt-Acteurs.

Mainacht

Ging man auch vor dem ersten Mai schon auf den Graben Veilchen suchen, so brachte dieser aber erst das Blumenfest und in der Mainacht den Mädchen Maien und Ständchen, und den Blumenmarkt, der von Arm und Reich, von Alt und Jung besucht.

Blumenmarkt

Sehr bescheiden war aber das Reich der Flora. Mattgöscher, wie wir die Maasliebchen nennen, Aurikeln, ägyptische Röschen, Je-Länger-je-Lieber, einfache Nelken, oder kölnisch, Fletten“ (2), unter denen ein gefüllter kölnischer Bauer, roth und weiß gestreifte Blumen, als ein Wunder bestaunt wurde, Rosenstöckchen, Monatsrosen, einige Oleander- oder Orangen-Bäume, und dann die damalige Modeblume, die in wenigen Bürgerhäusern auf Fenstern und in den Gärten fehlte, die japanische Rose, die so genannte Hortensia, nach der Königin von Holland, der Mutter des jetzigen Kaisers der Franzosen, machten die ganze Herrlichkeit aus. Einen wahren Stolz setzte man in den Besitz einer blaublühenden Hortensia, denn nur Wenigen war das Geheimniß des Hammerschlags und der Eisenfeilspäne bekannt. Man meinte aber, es wäre nicht Recht gewesen, wenn man den Blumenmarkt nicht besucht, nicht ein Blumenstöckchen gekauft hätte.

Maitrank

Mit dem Mai kam auch der „Maitrank“, der altrheinische Kräuterwein. War auch der Zucker, der Caneel noch so theuer, einmal in der Saison mußte in jeder däftigen Familie wenigstens ein Maitrank angesetzt werden. Die Kräuter, einige zwanzig an der Zahl, wurden in der Glaserhütte auf dem Domhofe oder in Jacorden auf der Machabäerstraße geholt und mußten wenigstens vierundzwanzig Stunden ziehen. Zu diesem Zwecke hat jede Familie eine blaue steinerne Rumpfkanne, die, wenn der Maiwein angesetzt, mit einer Schweinsblase zugebunden wurde.

Noch eine besondere Würze gab man dem Maitrank durch Citronen und Zimmet in Stangen. Apfelsinen waren vor fünfzig Jahren dem Kölner unbekannt, gehörten zu den Seltenheiten.

Selbst eine Citrone war eine Kostbarkeit, nur in kleinen Theilen wurde sie gebraucht, und die angeschnittene sorgfältig im Salzrumpf aufbewahrt, und war es selbst nur noch ein Stück Schale.

Bei den Maitrank-Partieen wurde der Maitrank aus großen grüngläsernen, geringten Humpen getrunken, welche, nach alter Vätersitte, in die Runde gingen. Die Maitrank-Humpen haben die Form eines Fäßchens und vier Vertiefungen im Bauche, in welche man beim Trinken Daumen und Mittelfinger setzte, um die Last zu bewältigen. In den stammkölnischen Familien hieß der Maitrank-Humpen der „Wibbel“. Auf dem Knaufe des Deckels war eine elastische Feder mit einem silbernen Vogel angebracht, der sich natürlich, nahm man den Deckel ab, bewegte, kölnisch „wibbelte“, woher die Benennung. So lange der Vogel wibbelt, muß der, an welchem die Reihe, trinken, und sie trinken oft so lange in der Runde, bis keiner mehr den Vogel wibbeln sieht.

Denn was der Kölner in solchen Dingen thut, das thut er recht – nichts halb.

Makai und Erdbeeren-Kalteschale

Im Sommer erlabte man sich am „Makai“, dicke Milch mit Sahne, Zucker und Zimmet angemacht, und im fröhlichen Familienkreise, unter der Freundschaft, an der „Erbelekascholl“, der Erdbeeren-Kalteschale. Bei festlichen Veranlassungen wurde im Sommer auch wohl Kalteschale aus Wein, Korinthen, Zucker und Zimmet und kölnischen Bretzelchen bereitet.

Johannisfest / Johannissegen

Der 24. Juni brachte uns im Dom und in St. Johann den Johannissegen; es wurde nach altem Brauche gesegneter Wein zum Trunk gespendet. Die Johannisliebe, wie man auch den Johannissegen nannte, reichte man vor Alters den Neuvermählten bei der Trauung am Altare. Die Johannisfeuerchen fehlten in vielen Familien nicht, man verbrannte Kräuterbüschel, um die bösen Geister zu bannen und besteckte Abends einen Blumentopf mit Lichtern, der „Johannispott“.

Am 15. August wurde die Würzweihe, kölnisch der „Kruckwösch“ in den Kirchen geweiht, den man bei Gewittern anzündete und auf den Heerd legte, wie auch geweihte Kerzen angezündet wurden und die Donatus-Schelle klingelte.

Ausflüge

Stehende Freudentage sind die Ausflüge nach Kalk, nach Melaten, nach Rodenkirchen, wo bestimmte Andachten gefeiert werden, wie auch nach Wendelinus oder Müngersdorf, wo sich Bürger und Bauern mit Spinnrädern versehen. Welchen trostlosen Anblick boten die verfallenen Lehmhütten dieser Dörfer, und welche Krüppel- und Bettler-Schar umlagerten nicht die Kirchen und Straßen dieser Bittfahrt-Oerter? Eine größere Fahrt war die nach St. Gizelinus, einem berühmten Waldfeste, wo ein wunderbarer Born quillt. Gewöhnlich wird an den oben augeführten Orten Kaffee getrunken, den die Hausfrau mitnimmt und nur aufschütten läßt, und bei dem „Böhre- Platz“, Kirmeß-Weck, verzehrt wird. Bei weiteren Ausflügen, den übrigens seltenen Landpartieen, wird Pickenick gemacht, sind die Wagen schwer bepackt mit Wein und Körben voller Eßwaaren aller Art; sind es Fußpartieen, brechen die Knechte und Mägde fast unter der Last der Fleischtöpfe Aegyptens zusammen, denn der Kölner thut, wie schon bemerkt, in dieser Beziehung nie etwas halb, kann keinen „hungrije Kröm“ leiden.

Wallfahrten

Die Monotonie der Alltäglichkeit ward für die Mittelclasse durch die Bitt- und Wallfahrten nach Nyvenheim, Ballhausen, Sprokhövel und Kevelaer unterbrochen, und ein Feiertag ist für Viele das Abholen der Pilger, die nach Kevelaer gewallfahrtet, denen man bis Nippes, selbst bis Fühlingen entgegen zieht. Bei diesen Gelegenheiten werden nie die Kümmel-, kölnisch „Kühm-Bretzel“ vergessen, besonders Leckerbissen für die Kinder, die überglücklich, wurden sie von einem Pilger mit einem papiernen Kevelaerer-Fähnchen beschenkt.

Mülheimer Gottestrag

Ein Freudentag ist auch der Besuch der mülheimer Gottestrag zu Fuß und zu Schiff, da hier die Procession unter fortwährendem Pelotonfeuer auf dem Rheine manövrirt. Es wurde bei dieser Gelegenheit, in Mülheim auch eine Controvers-Predigt gegen die Protestanten gehalten, und zwar über den stehenden Tert: „Kein Protestant kann selig werden“.

Kirmeß in Deutz und am Nippes

Haufenweise strömt Alt und Jung nach den Kirchweihfesten in Nippes und Deutz. Alte Herren machten sich wohl eine Unterhaltung daraus, die Leute zu zählen – wozu der Rosenkranz diente -, welche mit der fliegenden Brücke übersetzten, um darüber Abends in ihren Estaminets zu berichten.

Martinsfest

In den stammkölnischen Familien darf am Martinstage die mit Aepfeln, Rosinen und Castanien gefüllte Gans nicht fehlen, zu der Most oder „Wirz“, wie man den in Gährung übergegangenen Weinmost nennt, getrunken wird. Kränze aus Weinlaub, welche die Weinschilder oder die Ladenfenster schmücken, laden in den Weinschenken zum frischen Most ein. Mit den alten Martinsliedern zogen wir Kinder an den Häusern umher, um Brennmaterial für die Martinsfeuer zu sammeln. Zu Hause wird, nachdem die Gans verzehrt, über das Licht gesprungen.

Wie wir gesehen, beschränkt sich des Kölners Leben auf die Ringmauern der Stadt, auf ihre nächste Umgebung. Ein Familien-Ereigniß ist es, holt ein mit dem weißen Tuch überspannter Kirmeß-Karren den Herrn und die Mafrau zu einer Land-Kirchweihe der Nachbarschaft, geht eine Herrschaft im Herbste auf ihr Weingut in die Lese.

Reisen nach Paris

Macht ein Kölner mal eine größere Reise nach Holland, oder geht er gar nach Paris und nach Wien, so gibt dies den reichsten Stoff der Unterhaltung der ganzen nachbarschaft und auch in weiteren Kreisen, namentlich in den Estaminets. Die Erlebnisse Einzelner auf weiteren Touren werden bei jeder Gelegenheit aufgetischt, und denselben stets mit dem andächtigsten Staunen das aufmerksamste Ohr geliehen gleich Wundermährchen. Ulysses, der vielgewanderte, konnte nicht mehr bewundert werden. Schwer würde es mir sein, die Vorstellungen und Ideen anzugeben, die bei mir dem Knaben auftauchten bei den Namen: Gau, Hittorf, Elkendorf, Gebr. Nückel, Weyer, Wilmes, die zu ihrer höheren Ausbildung, ihrer Studien wegen nach Paris gegangen; es waren keine gewöhnliche Menschen in meiner Idee.

Postreisen

Das Postreisen war auch eine eigene Sache. Zu einer Reise nach Bonn wird Morgens um vier Uhr aufgebrochen. Um Mittag trifft der Postwagen in Wesselingen ein, wo im „Grünen-Wald“ gemüthlichst zu Mittag gespeis’t wird, und von Glück kann man nachsagen, kommt man am späten Abende in Bonn an. Zwei volle Tage brauchte man zu einer Reise per Postwagen nach Aachen, und dann mußten die Passagiere, der halsgefährlichen Wege halber, noch gute Strecken zu Fuß gehen. Zwischen Köln und Jülich wurde immer in Bergheim Mittag gehalten, und die siedend heiße Suppe der bergheimer Table d’hote war zum Sprüchworte geworden. Ein solcher Mittag der Postreisenden bildet den Vorwurf zu der originellen bei DuMont-Schauberg erschienenen kölnischen Posse: „Die Poststation“.

Als ich in späteren Jahren, nachdem die Eilwagen schon eingeführt, einen alten Postillon, der sein Leben lang den Wagen zwischen Köln und Bonn gefahren hatte, auf den Unterschied des Reisens in alter Zeit und in damaliger hinwies, meinte der ehrliche Schwager allen Ernstes: „In seiner Jugend hätten die Leute beim Postreisen doch noch etwas für ihr Geld gehabt.“

Reise nach Frankfurt a. M. per Wasser-Diligence

Bei den jährlichen Reisen nach der frankfurter Messe machen die dahin gehenden Kaufleute gewöhnlich ihr Testament. Wochen lang währen die Vorbereitungen, wird gesotten und gekocht für die Reise, um die Schließmanden mit allen nur erdenklichen Vorräthen zu spicken. Die Fahrt wird per „Wasser-Diligence“ gemacht, so nennt man kleine, einmastige Schiffchen mit einem Oberdecke, als Passagierstube, welche von zwei oder drei Pferden rheinaufwärts gezogen werden. Am Rheinthore ist die Abfahrt. Hier nehmen sämmtliche Familienglieder in pleno von dem Scheidenden Abschied und begleiten, das Ufer entlang spazirend, die Diligence bis Rodenkirchen, wo beigelegt und der rührende Abschied nochmals wiederholt wird.

Auf der Diligence selbst läßt man es sich gut sein, ein Maitre de plaisir oder, Krützjesmaecher“ befindet sich immer bei der Gesellschaft. Essen und Trinken ist eine Hauptsache und in den Nachtsherbergen ist man wie zu Hause, denn Manche haben die Fahrt schon, Gott weiß wie oft! gemacht. An tollen Schwänken, gemüthlichem Humor war kein Mangel. Und was wissen die Reisenden, kehren sie heim, werden sie am Ufer von der ganzen Familie und Freundschaft bewillkommt, nicht Alles zu erzählen! Wer wollte behaupten, daß diese Schneckenfahrten nicht ebenfalls ihre Poesie hatten! Die Reisenden hatten etwas für ihr Geld. Die Ufer des Rheines selbst prangten noch in ihrer vollen alterthümlichen romantischen Pracht, Städtchen, Dörfer und Weiler in der ganzen malerischen Oede des Verfalles, wie sie uns das Mittelalter übererbt hatte.

Diese sich jährlich wiederholenden Reisen zur frankfurter Messe waren übrigens für die kölner Kaufleute wichtige Lebens-Ereignisse, denn auch das Allergewöhnlichste, das sie aus dem Geleise der Alltäglichkeit bringt, ist den Genügsamen etwas Außerordentliches, wird in ihren Augen zum Abenteuer. Ihr kindliches Gemüth weiß jeder Seite des Lebens etwas Anziehendes abzugewinnen, Uebersättigung hat ihnen den reich schillernden Flügelstaub des Lebens-Schmetterlings noch nicht verwischt, sie genossen das Leben, weil ihnen nicht jeder Tag neue Bedürfnisse schuf.

Und nun die Seligkeit der Heimkehr, das Abholen, die Reisegeschenke für Alt und Jung, für Knecht und Magd! Bei jeder, auch noch so kleinen Reise wird etwas mitgebracht, ein so genannter „Kirmess“, und ist es auch nur ein Lebkuchen; wie durfte da das Meßstück fehlen?

Dies ist ein Auschnitt aus dem Buch Köln 1812, mehr Infos dazu hier. Das Inhaltsverzeichnis zum Buch, in dem die online verfügbaren Abschnitte verlinkt sind, ist hier zu finden.

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