Anlage einer inneren Ringstrasse in Halle a. S.

Oberhalb der Stadt Halle theilt sich die Saale in zahlreiche Flussarme, welche in einem ausgedehnten Ueberschwemmungsgebiete eine Reihe von Inseln bilden, um sich erst unterhalb der Stadt wieder zu einem einzigen Flusslaufe zu vereinigen.

Die Stadt liegt mit ihren sämmtlichen Stadttheilen auf dem rechten (östlichen) Ufer des Flusses; nur einige der östlich gelegenen Inseln haben ebenfalls eine städtische Bebauung erfahren, während für die westlichen Inseln und die westlich des Flusses gelegene Niederung ausgedehntere Anbauten nicht zulässig sind. Die nicht bebauungsfähigen Inseln sind zumeist mit Graswuchs bedeckt und mit Bäumen bestanden, und dienen, namentlich in ihren weiter nördlich gelegenen, von zahlreichen Promenadenwegen durchzogenen Theilen, der gesammten Einwohnerschaft der Stadt zu parkartigen Erholungsplätzen. Am besuchtesten ist die am linken Ufer des Mühlgrabens gelegene, von der Moritzburg nach Norden hin sich erstreckende sogenannte „Kleine Wiese“, weiterhin dann die „Ziegelwiese“ und endlich die „Peissnitz-Insel“ mit ihrem prachtvollen Bestande an alten Eichenbäumen und dem besuchtesten Vergnügungslokale der Stadt. Der Peissnitz-Insel gegenüber am rechten Ufer des Hauptstromes, und dann weiter stromab, zu beiden Seiten des wiedervereinigten Flusslaufes erheben sich schroffe Felsenwände, von denen die Ruine Giebichenstein in das romantische Saalthal hinabblickt.

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Dieser vielbesuchte natürliche Volksgarten der Stadt war indessen bis vor kurzem von der inneren Stadt (Altstadt) aus, welche der beistehende Plan darstellt, leider nur auf Umwegen zu erreichen. Das Gleiche galt auch für die südlich und östlich der Altstadt gelegenen neueren Stadttheile. Namentlich konnte man von der, die Altstadt im Süden, Osten und Westen annähernd halbkreisförmig umziehenden Promenaden-Strasse aus, welche anstelle der alten Stadtbefestigungen angelegt ist, nur durch ein Gewirr von engen Gassen in die Saale-Aue gelangen. Diesem schwer empfundenen Misstande kann dadurch abgeholfen werden, dass man die bestehende Promenaden-Strasse im Norden der Altstadt von der Grossen Ulrich-Strasse, der Hauptgeschäftsstrasse der Stadt, nach Westen hin bis über den Mühlgraben hinaus verlängert und dann im Westen der Stadt von diesem Punkte aus bis zum südwestlichen Ende der bestehenden Promenadenstrasse an der Moritzbrücke eine Verbindungsstrasse anlegt, wodurch eine in sich geschlossene Ringstrasse um die ganze Altstadt hergestellt wird. Durch den Ausbau einer solchen Ringstrasse würden nicht nur die besuchtesten Punkte der Saale-Aue für alle Stadttheile leicht zugänglich gemacht werden, es würde auch der gesammte übrige städtische Verkehr ganz wesentliche Verbesserungen erfahren und das Aussehen der Stadt durch Schaffung neuer reizvoller Strassenbilder erheblich gewinnen. In der That ist denn auch die Herstellung der inneren Ringstrasse vor etwa 1 ½ Jahren beschlossen worden und heute nahezu vollendet. In dem beistehenden Plane ist der Zug der neuen Strassen durch stärkere Linien gekennzeichnet. Da es sich hierbei um mehrfache bedeutende und zumtheil eigenartige Strassendurchbrüche und Brückenbauten handelt, so dürfte eine kurze Beschreibung aller dieser Bauausführungen und Entwürfe auch für weitere Kreise von einigem Interesse sein.

Plan

Zunächst ist, um im Norden zu beginnen, die bestehende Promenaden-Strasse, welche bisher an der Grossen Ulrich-Strasse endigte, nach Westen hin bis zum „Paradeplatz“ fortgeführt worden. Anstelle der hier früher vorhandenen, zur Universitäts-Reitbahn gehörigen alten Gebäulichkeiten ist jetzt eine mit Baumreihen versehene und mit einem Blumenparterre geschmückte stattliche Strasse vor einigen Wochen dem Verkehr übergeben worden. Die Kosten dieses Strassendurchbruchs einschliesslich der Kosten für die Erwerbung des Reitbahn-Grundstücks nebst aufstehenden Gebaulichkeiten belaufen sich zwar auf rund 230 000 M.; es ist jedoch zu erwarten, dass die Stadtgemeinde durch Verkauf der äusserst werthvollen Baustellen, welche auf der Südseite der Durchbruchstrasse, zwischen dem Garten des physikalischen Instituts der Universität und der Grossen Ulrich-Strasse noch verblieben sind, ihre Auslagen bis auf einen verhältnissmässig geringen Restbetrag zurückerhalten wird.

Zwischen der Durchbruchstrasse und dem Paradeplatz erhob sich noch bis vor wenigen Wochen an der mit A bezeichneten Stelle (s. Plan) ein grösseres Privathaus. Dieses Haus ist für die weitere Kostensumme von 80 000 M. von der Stadt erworben und bei Herstellung des Durchbruches mit niedergelegt worden. Nun geniesst man von der Durchbruchstrasse aus einen freien Einblick in den seitlich sich Öffnenden, mit schönen alten Platanen bestandenen Paradeplatz und vor allem auf die westlich an den Paradeplatz angrenzende mächtige Ruine der Moritzburg, welche ohne die umgebenden Gräben einen Flächenraum von rd. 6800 qm einnimmt. Der jetzige ruinenhafte Zustand der Burg besteht seit dem dreissigjährigen Kriege, in welchem die stolze Zwingburg der Magdeburger Erzbischöfe viel umstritten war und nach mannichfachen wechselnden Kämpfen einem aus Unvorsichtigkeit der Besatzung entstandenen Brande am 7. Januar des Jahres 1637 zum Opfer fiel.

Siehe Schönermark, „Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler der Stadt Halle und des Saalkreises“ Halle a. S., Druck und Verlag von Otto Hendel, 1886.

Der Erbauer der Burg war Erzbischof Ernst von Magdeburg, welcher sie an der Stelle des nicht näher bekannten „Schwarzen Schlosses“ als Zwingburg für die Stadt Halle errichtete und im Jahre 1503 bezog. Der berühmteste Inhaber der nach dem Patron des Erzstiftes, dem heiligen Moritz, benannten Burg war der Nachfolger des Erbauers, der Kardinal Albrecht von Brandenburg, welcher die Burg weiter ausbaute und in ihr eine überaus prächtige und üppige Hofhaltung führte.

Die Burgruine ist von tiefen Gräben umgeben und jetzt nur auf einer schmalen, später erbauten massiven Brücke vom Paradeplatz aus zugänglich. Man betritt den Burghof durch einen sechsseitigen sehr interessanten, verhältnissmässig auch gut erhaltenen Thorthurm. An den Thorthurm stösst nördlich ein äusserst geschmackloses, im vorigen Jahrhundert (1777) als Militärlazareth errichtetes Gebäude, welches gegenwärtig vom Bezirkskommando benutzt wird.

In der nordöstlichen Ecke der Burgruine befindet sich die noch gut erhaltene Burgkapelle, welche zur Zeit durch die Universitäts-Verwaltung zu Zwecken des akademischen Gottesdienstes wiederhergestellt wird. Der übrige Theil des Nordflügels der Burg, westlich der Kapelle, ist zu einer Turnhalle für die Universität ausgebaut. Der Bau wurde aus Anlass der im vorigen Jahre stattgehabten zweihundertjährigen Jubelfeier der hiesigen Universität auf Kosten eines hiesigen Bürgers in äusserst geschickter Weise durch den Landbauinspektor Lohse mit einem Aufwande von rund 50 000 M. hergestellt. Von dem Westflügel, der ehemals die Festräume der Burg enthielt, sind die Umfässungsmauern noch in gutem Zustande erhalten.

Von dem ganzen Südflügel und dem Ostflügel, bis zu dem oben erwähnten Thorthurme, stehen nur noch die Aussenwände. Der bauliche Zustand der gewaltigen zweigeschossigen Kellerräume der Burg im Nord-, West- und Südflügel lässt nichts zu wünschen übrig; der Ostflügel ist nicht unterkellert. Von den 4 runden Eckthürmen der Burg sind 3 in ihrem Mauerwerk noch gut erhalten. Der vierte, südwestl. Thurm fehlt dagegen ganz; er wurde von den Schweden im dreissigjährigen Kriege fortgesprengt. Durch die oben beschriebene Weiterführung der Promenade bis zum Paradeplatze hin und durch die bereits beschlossene Fortsetzung dieser Strasse durch den nördlichen Burggraben bis zum vielbesuchten Saalethal ist die Moritzburg neuerdings in den Vordergrund des öffentlichen Interesses getreten. Aufgrund eines Entwurfes über den Ausbau und die theilweise Wiederherstellung der Burg haben die städtischen Behörden daher vor einem Jahre beschlossen, die Staatsregierung um Ueberlassung der von der Universitäts-Verwaltung noch nicht inanspruch genommenen Theile der Moritzburg zu Museumszwecken zu bitten, und zwar besteht die Absicht, ausser der städtischen Kunstsammlung auch das Provinzialmuseum und die reichhaltige Sammlung des hiesigen Kunstgewerbe-Vereins in den entsprechend auszubauenden Theilen der Burgruine unterzubringen. Falls die noch schwebenden Verhandlungen, wie in es den Anschein hat, zu einem günstigen Abschlusse gelangen sollten, so wird die Stadt Halle zweifellos demnächst im Besitze einer ganz eigenartigen Museumsanlage sein. Der Verfasser wird gegebenen Falles nicht verfehlen, das Nähere über den geplanten Ausbau der Burgruine mitzutheilen; heute mag nur erwähnt sein, dass der nördliche und östliche Burggraben mit gärtnerischen Anpflanzungen versehen werden sollen, durch welche sich vom Schlossberg her bis zum Mühlgraben ein Fussweg, und vom Paradeplatz bis zum Mühlgraben eine Strassenanlage – die Fortsetzung der Promenaden-Strasse nach Westen hin – hindurch ziehen sollen. Die letztgenannte, auch dem Fahrverkehr dienende Strasse soll durch eine im Charakter der Burg gehaltene Futtermauer, welche zum Ausblick auf die Burg hervortretende Kanzeln für die Spaziergänger erhält, gegen den übrigen Theil des Burggrabens abgeschlossen werden. Die Höhe der Futtermauer würde, entsprechend dem starken Gefälle der Strasse zum Mühlgraben hin, nach Westen zu sich mehr und mehr vermindern, sodass der auf der Solle des Grabens anzulegende, vom Schlossberg kommende Fussweg durch eine niedrige Treppenanlage oder durch eine Rampe mit der verlängerten Promenaden-Strasse in Verbindung gebracht werden kann, und zwar unmittelbar vor der Brücke, mittels welcher die Promenaden-Fortsetzung den Mühlgraben überspannt und an das westliche Ende der Robert Franz-Strasse sich anschliesst.

Die weitere Fortsetzung der inneren Ringstrasse bildet die Robert Franz-Strasse, vor wenigen Jahren noch ein schmaler, unbefestigter Fusspfad, welcher im vorigen und im laufenden Jahre auf der Strecke bis zur Ankerstrasse hin zu einer Allee-Strasse ausgebaut worden ist.

Im laufenden Jahre ist nun ferner mit einem Kostenaufwande von 150 000 M. ein weiteres sehr wichtiges Glied der Ringstrasse, nämlich die Strecke zwischen Ankerstrasse und Mansfelder Strasse, als Fortsetzung der Robert Franz-Strasse nach Süden hin, fertig gestellt worden. Diese Strassenstrecke führt ebenfalls als Uferstrasse in schlanker Krümmung über Grundstücke, welche noch bis zu diesem Frühjahre mit Häusern besetzt waren und grösstentheils in Privathänden sich befanden. Durch freihändigen Ankauf wurden die Privat-Grundstücke erworben und innerhalb 3 Monaten erfolgte die Ausführung der Uferstrasse nebst der zugehörigen, aus Stampfbeton mit Quaderverblendung hergestellten Ufermauer. Durch den Verkauf der verbleibenden Restgrundstücke, welche streifenförmig an der Westseite der Durchbruchstrasse vor den daselbst befindlichen Privatgrundstücken liegen, wird die Stadtgemeinde voraussichtlich einen ganz erheblichen Theil der Anlagekosten später wieder zurückgewinnen. Um möglichst viel verwerthbares Gelände zu behalten, ausserdem aber der Uferstrasse eine derartige Lage zu geben, dass der Verkehr ohne wesentliche Schwierigkeiten in schlanken Kurven zur Dreyhaupt-Strasse, der natürlichen Fortsetzung der Uferstrasse, gelangen kann, wurde der Fussweg auf der ganzen südlichen, etwa 50 m langen Strecke der Uferstrasse über die Ufermauer konsolartig ausgekragt. Durch diese Auskragung wird in Verbindung mit der geplanten Verbreiterung der Klausbrücke, wie dieselbe in dem Lageplan durch punktirte Linien angedeutet ist, eine Verbindung zwischen der Uferstrasse und der bestehenden Dreyhaupt-Strasse geschaffen werden, welche den zu erwartenden Verkehrsbedürfnissen in ausreichendem Maasse genügen dürfte.

Die Anlegung der Uferstrasse, durch welche die Grundstücke an der Robert Franz-Strasse mit dem Zentrum der Stadt in unmittelbare Verbindung gebracht sind, hat übrigens zum ersten male den städtischen Behörden Veranlassung gegeben, diese Grundstücke nach Maassgabe des neuen Kommunalabgabe-Gesetzes zu besonderen Beiträgen heranzuziehen. Bei der Neuheit der Materie ist es nicht leicht, für jedes Grundstück denjenigen Vortheil herauszurechnen, der seinen Besitzer aus der neuen Strassenanlage erwächst und den einzuziehen die Gemeinde nach, dem erwähnten Gesetze berechtigt sein soll. Es wird abzuwarten sein, inwieweit die lobenswerthen Absichten des Gesetzgebers in der Praxis sich durchführen lassen werden. Bei günstigen Ausfall dieser noch schwebenden Angelegenheit für die Stadt erscheint die Hoffnung berechtigt, dass so manche Verkehrs-Verbesserungen und manche Maassregeln auf gesundheitlichem Gebiete, von welchen die Stadtverwaltungen der hohen Kosten wegen bisher absehen mussten, nunmehr durchführbar werden, nachdem auch die durch diese öffentlichen Arbeiten besonders begünstigten Privatleute zu entsprechenden Beiträgen herangezogen werden können. Jeder mit den kommunalen Verhältnissen vertraute Techniker hat gewiss schon oft empfinden müssen, wie das bestehende Enteignungsgesetz mehr auf die Eisenbahnen als auf die Kommunal-Verhältnisse zugeschnitten ist und wie auch das Fluchliniengesetz ganz dringend der zeitgemässen Abänderung bedarf. Gar zu oft sieht man sich der Thatsache gegenüber, dass ein Privater aus Gemeindemitteln aufgrund der Gesetze hohe Entschädigungen zugebilligt erhält, während doch sein Grundstück durch die anderweitige Fluchtlinien Festsetzung nur besser benutzbar und darum werthvoller geworden ist, dass somit eigentlich umgekehrt die Entrichtung eines Theiles dieser Werthsteigerung als Abgabe an die Gemeinde gerechtfertigter erscheinen müsste. Es trägt wohl das zu starre Festhalten an der römischen Anschauung von der Unverletzlichkeit des Privateigenthums die Schuld an diesen Zuständen. Hoffentlich wird die freiere, im Kommunalabgaben-Gesetz hervortretende Rechtsanschauung für unsere heutigen, von den altrömischen doch so sehr verschiedenen städtischen Verhältnisse noch weitere Besserungen schaffen. —

Wir kommen nun zur letzten neugeschaffenen Strecke unserer inneren Ringstrasse. Zwischen der Klausbrücke und der Moritzbrücke bestand bis vor 2 Jahren ein Flussarm der Saale, die sogenannte „Gerbersaale“, welche durch die zahlreichen angrenzenden Betriebe, vor allen die Gerbereibetriebe, und durch die fortdauernde Aufnahme aller Abfälle aus den angrenzenden Häusern derart verschlammt war, dass sich seine Anwesenheit auf weite Strecken hin dem Geruchsinne auf das empfindlichste offenbarte. Ein weiterer Uebelstand, welcher durch diesen Flusslauf herbeigeführt wurde, war der, dass der ganze Stadttheil westlich der Gerbersaale, welcher von etwa 3500 Menschen bewohnt wird, obgleich fast unmittelbar im Mittelpunkte der Stadt gelegen, von dem Haupt-Geschäftsverkehr dennoch nahezu abgeschnitten war. Seitdem vor einigen Jahren die sogen.

„Halle“, d. h. das zwischen Marktkirche und Gerbersaale früher vorhandene wüste, nur mit einzelnen niedrigen Hütten besetzte Gelände, welches der Pfännerschaft („Hallorenbrüderschaft“) gehörte, von der Stadt erworben und zu einem von stattlichen Strassen umgebenen grossen Marktplatze umgestaltet wurde, machte sich dieser Uebelstand noch mehr fühlbar.

Es wurde daher aufgrund eines vorgelegten Entwurfes von den städtischen Behörden vor 2 Jahren beschlossen, den ganzen Lauf der Gerbersaale von der Moritzbrücke bis zur Klausbrücke zu überwölben und zu überschütten, da eine gänzliche Beseitigung in Rücksicht auf die Hochwasserverhältnisse und auf die bestehenden Gerbereibetriebe nicht angänig war. Dieser Beschluss ist mittlerweile mit Kostenaufwande von rd. 300 000 M. ausgeführt worden. Auf der Strecke zwischen der Moritzbrücke und dem unteren Marktplatze folgt die Flussüberwölbung, welche in Stampfbeton ausgeführt wurde, dem alten Bette der Gerbersaale; von hier aus bis zur Klausbrücke ist der Flusslauf unter die bestehende 17,5 m breite Dreyhauptstrasse verlegt worden. Hierdurch verblieb das gesammte, von dem früheren Lauf der Gerbersaale inanspruch genommene Gelände von dem unteren Marktplatze an bis zur Klausbrücke der Stadt.

Es steht nun zu erwarten, dass dieses Gelände in den früheren Anliegern der Gerbersaale willige Käufer finden wird, da auf diese Weise anstelle der alten, an dem verschlammten Flusslaufe belegenen Hintergebäude nunmehr unmittelbar an dem Markte Geschäfts- und Wohnhäuser entstehen können. Ueber der oben erwähnten Flussbett-Ueberwölbung auf der Strecke von dem unteren Marktplatze bis zur Moritzbrücke ist eine 15 m breite Strasse angelegt und vor einigen Tagen dem Verkehr übergeben worden. Diese neue Strasse stellt, wie schon erwähnt, das letzte Verbindungsglied in dem Zuge der inneren Halleschen Ringstrasse dar, da sie im Süden an der Moritzbrücke auf die alte Promenade stösst. Mehre Durchbrüche von dieser neuen Strasse westlich, nach dem sogenannten „Strohhofviertel“, sind geplant und wie aus dem Lageplan ersichtlich in den Fluchtlinien bereits förmlich festgestellt.

Das gleiche gilt von einem Durchbruch von der neuen Strasse östlich nach dem Moritzkirchhof, bei welchem das im Wege stehende Haus schon von der Stadt erworben ist. Ob späterhin auch die weiteren zwischen diesem Durchbruche und der Moritzkirche gelegenen minderwerthigen Häuser ebenfalls niedergelegt werden, steht noch dahin. Wünschenswerth wäre dies jedenfalls, da erst dann die schöne, zurzeit leider in einem traurigen Zustande der Vernachlässigung befindliche, aus dem 12. Jahrhundert stammende, und im 14. und 15. Jahrhundert umgebaute Moritzkirche wirksam zur Geltung kommen würde. So wird denn, wenn der Strassenzug durch den Graben der Moritzburg und die anschliessende Brücke hoffentlich im nächsten Jahre zur Ausführung gebracht ist, die Stadt Halle im Besitze einer Ringstrasse sein, welche mit ihrem Ausblick auf die Moritzburg-Ruine an dem seitlich sich öffnenden Paradeplatze, mit ihrer durch den romantischen Burggraben schlangenförmig sich hindurchziehenden Viaduktstrasse, mit ihrer schlanken Bogenbrücke über den Mühlgraben, mit ihrer Alleestrasse an den Ufern der Saale und mit ihrem an der schönen Moritzkirche vorüberführenden, von einem Flusslaufe unterirdisch durchströmten Strassenzuge, eine Reihe eigenartiger Bauwerke und anregender Strassenbilder enthält, wie sie in ähnlicher Weise nicht viele Städte aufzuweisen haben werden.

Halle a. S., im Dezember 1895. Genzmer.

Dieser Artikel erschien zuerst am 18.06.1896 in der Deutsche Bauzeitung.