Der Hasselbach-Brunnen in Magdeburg

Am 30. November vorigen Jahres hat in Magdeburg die Enthüllung eines Brunnen-Denkmals zu Ehren des verewigten Ober-Bürgermeisters Hasselbach stattgefunden, das vor nunmehr 7 Jahren Gegenstand eines allgemeinen Wettbewerbs gewesen ist und an dessen Vorgeschichte zu erinnern nicht uninteressant sein dürfte.

Am 13. September 1883 wurden von der Stadtverordneten-Versammlung die Mittel zur Errichtung eines Monumental-Brunnens, in dankbarem Gedächtniss der hohen Verdienste Hasselbach’s um die Stadt Magdeburg, bewilligt, dem der bedeutende Aufschwung der alten Stadt an der Elbe zufolge ihrer Befreiung von dem die Entwickelung hemmenden Festungsgürtel im Westen und Süden, durch thatkräftige Leitung und Förderung in erster Linie zuzuschreiben ist. Und zwar sollte das Denkmal, dessen Kosten auf 60.000 M. bemessen wurden, an der Stelle errichtet werden, wo die Stadt-Erweiterung thatsächlich ihren Anfang nahm, an der Kreuzung der Ulrichs- mit der Kaiserstrasse, genau auf der Grenze von Alt- und Neu-Magdeburg.

Es ging eine sehr bedeutende Anzahl von Entwürfen von Architekten und Bildhauern in Zeichnungen und Modellen ein, zusammen 83, nämlich 29 architektonische und 54 plastische, deren öffentliche Ausstellung im Rathhause stattfand und das höchste Interesse der Bürgerschaft erregte, wie überhaupt das Ergebniss des Wettbewerbs mit Rücksicht auf die Fülle künstlerischer Ideen, zum Theil in meisterhaften Darstellungen vorgetragen, ein berechtigtes Aufsehen in der Fachgenossenschaft wohl hervor rufen durfte. Das Preisgericht war zusammen gesetzt aus den Hrn. Geh, Reg.-Rath Dombaumeister Voigtel, Brth. Prof. Ende, Brth. Kyllmann, Prof. R. Begas, ausserdem aus Vertretern des Magistrats und der Stadtverordneten-Versammlung, welche sich in der Ertheilung des ersten Preises an den Bildhauer Bergmeier, derzeit in Rom, einigten. Der Entwurf zeigte, der ausgesprochen dreieckigen Grundform des für die Errichtung des Monumental- Brunnens in Aussicht genommenen Platzes zufolge, einer Aufbau mit dreiseitigem Obelisken auf einen von drei Seiten mit Figuren besetzten Postament, deren phantasievolle, echt künstlerische Behandlung im Modell besonders anerkannt wurde.

Lagepläne

Wenngleich von vornherein die Errichtung eines Brunnen-Denkmals gerade auf diesem Platze, an dem Treffpunkte zweier Haupt-Verkehrsstrassen wie Ulrichs- und Kaiserstrasse, beschlossen und dem Preisausschreiben zugrunde gelegt war, so machten sich doch sofort mannichfache Einwendungen in der Bürgerschaft geltend, als man der Verwirklichung der Idee näher schritt. Man erklärte, dass der an dieser Stelle überaus lebhafte Verkehr nach dem neuen Stadttheil, insbesondere nach dem Zentral-Bahnhof, die Errichtung eines Monumental-Brunnens von solchen Abmessungen geradezu unmöglich erscheinen lasse, der, von den Doppelgleisen zweier hier zusammen laufender Strassenbahn-Strecken eng umschlossen, kaum in Musse würde betrachtet werden können.

Allerdings muss zugestanden -werden, dass der Platz für die Errichtung des Brunnens nach dem Bergmeier’schen Entwurfe bei der aus der Lageplan-Skizze I ersichtlichen Anordnung der Pferdebahn-Gleise, deren anderweitige Führung aber kaum möglich erscheint, überaus knapp ist; ein Herantreten an das Denkmal zum näheren Betrachten der Einzelheiten ist in der That zur Zeit regsten Verkehrs in den Mittags- und Nachmittags-Stunden mit Schwierigkeit, ja mit Gefahr verbunden!

Um diesen Bedenken, welche die öffentliche Meinung s. Z. in aussergewöhnlicher Weise beschäftigten, wirksam zu begegnen, andererseits, um sich selbst über die wichtige Frage schlüssig zu werden, wurde die Errichtung eines Brettermodells an der bewussten Strassenkreuzung beschlossen, das in seinem rohen Zustande nur die Grössen-Verhältnisse darlegen sollte, aber doch keineswegs sich geeignet erwies, das Magdeburger Publikum mit der Idee der Ausführung an dieser, bis dahin von maassgebender Seite als am passendsten bezeichneten Stelle auszusöhnen.

Grundrisse und Querschnitt

Obwohl Hr. Prof. Ende, der um eine gutachtliche Aeusserung über die Zulässigkeit des in Aussicht genommenen Standorts vom Magistrate nochmals ersucht wurde, sich ganz entschieden dafür aussprach und nur einige Abänderungen der Platz-Anlage zur Erwägung gab, so konnte schliesslich der fast allgemein sich dagegen aussprechenden Volksstimme um so weniger entgegen getreten werden, als auch schliesslich der Polizei-Präsident im November 1884 vom Gesichtspunkte des öffentlichen Verkehrs-Interessens dagegen Einspruch erhob. Damit war der Gedanke der Errichtung eines Brunnen-Denkmals für den Ober-Bürgermeister Hasselbach an der Kreuzung von Kaiser- und Ulrichsstrasse ein für allemal gefallen! 6 Jahre sollte es dauern, bis der Hasselbach-Brunnen an anderer Stelle und natürlich in veränderter Gestalt, zur Zierde des von Hasselbach geschaffenen neuen Magdeburg enthüllt werden konnte. Dem Unterzeichneten fiel die Aufgabe zu, die Lösung der Frage weiterhin im Auge zu behalten, demnächst seinerseits Vorschläge für die Errichtung eines Brunnen-Denkmals, möglichst unter Beibehaltung des Bergmeierschen Modells, zu unterbreiten.

Es konnten verschiedene Plätze der neuen Stadt-Erweiterung inbetracht kommen, von denen jedoch nur der sogen. „Gabelungsplatz“, d. h. der Kreuzungspunkt des verlängerten Breiten Wegs mit der Stern-, Kaiser- und Tauenzien-Strasse, allen zu stellenden Anforderungen zu entsprechen geeignet erschien. Wie aus der beigegebenen Lageplan-Skizze II ersichtlich, handelt es sich um einen Strassen-Treffpunkt, der zu einer platzartigen Ausbildung Veranlassung geboten hat, von unregelmässiger zehnseitiger Gestalt. Da, wo bisher eine Insel von 20 m Durchmesser sich aus den umgebenden Fahrdämmen heraus hob, sollte das Denkmal errichtet werden, dessen Obelisken-Aufbau gerade an dieser Stelle besonders wirksam den Gedanken verkörpern musste, ein Markzeichen des neuen Magdeburg zu bilden, nicht am Anfangspunkt der Stadt-Erweiterung, wie beim erst ausgewählten Platze an der Ulrichs- und Kaiserstrasse der Fall gewesen wäre, vielmehr zur Kennzeichnung des Abschlusses des von Hasselbach so glücklich geplanten und erfolgreich durchgeführten Unternehmens.

Hasselbach-Brunnen in Magdeburg

Der Vorschlag der Errichtung des viel besprochenen Monumental-Brunnens auf dem „Gabelungsplatze“ – anstelle dieses wenig geschmackvollen, nur vom Volksmunde so gewählten Namens ist inzwischen die Bezeichnung „Hasselbach-Platz“ getreten – fand denn auch allseitig Anklang und der schon mehrfach für die Stadt Magdeburg beschäftigt gewesene Bildhauer Hundrieser-Charlottenburg wurde mit der Anfertigung eines Modells unter Zugrundelegung einer Skizze des Unterzeichneten betraut. Hierauf wurde von der Stadtverordneten-Versammlung am 22. September 1887 die Genehmigung zur Errichtung des Hasselbach-Brunnens und zwar in Form eines Obelisken-Denkmals ausgesprochen, dabei aber schon der Wunsch geäussert, dass die weitere Bearbeitung und die Ausführung durch den s. Z. mit dem ersten Preise gekrönten Bildhauer Bergmeier in Berlin erfolgen solle, welcher Künstler nach seinem damaligen Erfolge die erste Anwartschaft auf diese Uebertragung habe. Es fanden Verhandlungen mit Hrn. Bergmeier statt, der schliesslich die Ausführung des Denkmals aufgrund einer inzwischen von ihm gefertigten neuen Modellskizze zum festen Preise von 65 000 M. übernahm. Um diese Summe sollte dasselbe in allen Theilen, einschliesslich sämmtlicher Materialen, auch der Wasserleitungs-Gegenstände, von Oberkante Mosaikpflasterung der Insel aufwärts gerechnet, fertig hergestellt werden. Das Porträt Hasselbach’s auf der Haupt-Schauseite des Denkmals sollte von Hundrieser, der mit dem verewigten Ober-Bürgermeister wiederholt in persönliche Berührung getreten war und bereits ein wohlgelungenes Marmor-Relief für den Magistrats-Sitzungssaal des Rathhauses geliefert hatte, für den Bronzeguss modellirt werden. Die Kosten der Fundamentirung und Platz-Herstellung fielen der Stadt zu.

Bereits zum Herbst 1890 waren die Arbeiten des Bildhauers soweit gefördert, dass mit dem Aufrichten des Denkmals hätte begonnen werden können, wenn nicht unvorherzusehende Schwierigkeiten bei der Verlegung von Haupt-Wasserleitungs-Röhren und Entwässerungs-Kanälen entstanden, die unglücklicherweise die für die Errichtung des Brunnens in Aussicht genommene Stelle kreuzten. Bei dem aussergewöhnlich früh die Bauarbeiten zur Einstellung zwingenden Winter 1890 konnten die letzten Pflasterungs-Arbeiten am Denkmal, sowie die Herstellung des Terrazzo-Bodens für das Brunnenbecken nicht mehr erledigt werden, wie auch unter diesen Umständen auf das Fliessen des Wassers am Tage der Enthüllung, 30. November, Verzicht geleistet werden musste.

Im Wesentlichen ist der Hasselbach-Brunnen ein architektonisches Werk mit reichem figürlichem Schmuck. Für die Architektur des Unterbaus, aus welchem sich der Obelisk erhebt, sind die gerade für Magdeburg so charakteristischen reicheren Barockformen mit einem Anfluge an das Rokoko gewählt, welcher Stilrichtung übrigens auch die Ausbildung der den „Hasselbach-Platz“ umschliessenden Häuser-Fassaden im allgemeinen zuneigt, Die Höhe des Brunnen-Denkmals bis zur Spitze des Obelisken, von Oberkante-Pflasterung der Insel aus gemessen, beträgt 13,25 m, wozu noch 2,00 m für die in Schmiedeisen und Kupfer ausgeführte, vergoldete Blumenspitze treten, zusammen also 15,25 m, ein sehr ansehnliches Maass, welches nichts destoweniger bei der sehr erheblichen Höhe der umgebenden Hausfronten, deren Hauptgesimse zum Theil höher als 20 m über Strassenpflaster sich befinden, mit steilen Dächern, Kuppel- und Thurmaufbauten darüber, nach der Ansicht mancher Kritiker in Magdeburg wohl noch etwas hätte gesteigert werden dürfen! Nach Ansicht des Unterzeichneten würde das schöne Verhältniss des stattlichen Denkmals entschieden Benachtheiligung erfahren haben, wenn der Obelisk zu solcher Höhe wäre heraus gereckt worden, dass er sich damit den gewaltigen Fassaden-Gestaltungen der Nachbarschaft gegenüber allerdings hätte noch grössere Geltung verschaffen können.

Der äussere Durchmesser des den Fuss des Denkmals umgebenden \Wasserbeckens beträgt 10 m, der Durchmesser der Insel selbst 21 m.

Im allgemeinen ist der Grundgedanke des zur Ausführung gelangten Hasselbach-Brunnens dem ursprünglichen preisgekrönten Bergmeier’schen Entwurfe entsprechend; nur lag kein Grund mehr vor, die dreieckige Ausbildung des letzteren, der Gestalt des früher in Aussicht genommenen Platzes am Treffpunkt der Ulrichs- mit der Kaiserstrasse gemäß, für die jetzt getroffene Wahl der Denkmalstelle noch beizubehalten. Es ist ein vierseitiger Obelisk angenommen, mit 4 sitzenden Figuren auf den Ecken des Postaments. Die Hauptschauseite mit dem Bronze-Porträt des gefeierten Ober-Bürgermeisters befindet sich genau in der Axe des Breiten Weges, als der auf das Denkmal zuführenden Hauptstraße. Im übrigen treffen die anderen Strassen-Axen mit den Axen des Monuments nicht zusammen. Das auf eine solche genaue Einhaltung bei den bedeutenden Abmessungen des Platzes und der einmündenden Strassen nicht der geringste Werth zu legen ist, dürfte klar sein, da nur dem sich bewusst der Gefahr des Ueberfahrenwerdens aussetzenden Spaziergänger die Möglichkeit gewährt würde, sich in der mathematischen Denkmals-Axe zu nähern und die meistentheils übrigens weniger interessante geometrische Ansicht zu geniessen. Dass ein leichtes Ueberecksehen, wie aus der beigegebenen Abbildung ersichtlich, ein weit reizvolleres Schaubild bieten muss, geht gerade aus dem vorliegenden Beispiel hervor. Es muss bei dem Bergmeier’schen Hasselbach-Brunnen besonders anerkannt werden, dass sogar die Diagonal-Ansicht, die namentlich der von der Kaiserstrasse her sich Nähernde geniesst, den gelungensten Umriss abgiebt, da hier der breit gelagerte Unterbau mit seinem lebendigen Schmuck der sitzenden Figuren mit dem hochragenden Obelisken in das glücklichste Verhältniss tritt.

Der Hasselbach-Brunnen in Magdeburg

Die vier in bekannter Meisterschaft Bergmeier’s behandelten figürlichen Darstellungen auf den Ecken des Postaments stellen dar: Wissenschaft und Landwirthschaft in zwei weiblichen, Handel und Industrie in zwei männlichen Gestalten; insbesondere ist der die letztere überaus charakteristisch verkörpernde Schmied als eine Meisterleistung des Bildhauers zu bezeichnen.

Wie schon erwähnt, ist auf der Vorder- und Hauptschauseite das wohlgetroffene Bildniss Hasselbach’s, von Gladenbeck & Sohn in Bronze gegossen, von Hundrieser modellirt, in einer reichen Cartouchen-Umrahmung angeordnet, während die Widmung sich auf der entgegen gesetzten Postament-Fläche, nur in einfachen Buchstaben aus der Sandstein-Fläche heraus gearbeitet, befindet: „Ihrem hochverdienten Ober-Bürgermeister Hasselbach die Stadt Magdeburg. Errichtet 1890.“ Die Seitenfelder sind geschmückt durch das Wappen des Königreichs Preussen und das der Stadt Magdeburg, über letzterem ein Spruchband mit den Worten: „Gottes Wort bleibt in Ewigkeit“.

Ueber dem den Unterbau für den Obelisken abschliessenden Hauptgesimse lagern sich, zur Krönung der als Pilaster mit Voluten-Auflösung gebildeten Eck-Ausbildungen, vier Delphine, welche jedoch nur als wasserspeiende charakterisirt sind. Dagegen liefern die Löwenköpfe zwischen den Figuren den wirklichen Wasserstrahl, der über den Rand der in polirtem Granit hergestellten Schaalen hinweg sich schleierartig ausbreitet und schliesslich in das den Fuss des Monuments umfassende Brunnenbassin gelangt.

Die Ausführung in Sandstein und Granit ist durch die wohlbekannte Firma Wimmel & Co., Berlin, in vorzüglichster Weise erfolgt, und zwar unter Verwendung von bläulichem bayrischen (Passauer) Granit für die Stufen, die Bassin-Einfassung und den Unterbau; von rothem schwedischen Granit für die Wasserbecken unter den Löwenköpfen; ferner von bestem schlesischen Sandstein aus den Brüchen der Firma Zeidler & Wimmel in Bunzlau für die Figuren und den Aufbau mit dem Obelisken. Hierbei ist für eine Abtönung in der Weise Sorge geschehen, dass die Figuren, aus dem feinsten, weissen Bildhauerstein gemeisselt, sich von dem architektonischen Kern des Aufbaues abheben, für welchen sammt dem Obelisken ein gelblicheres Material gewählt ist. Letzterer ist von einem mächtigen, ungefähr 20 cbm grossen Block im Bruche gespalten, im Rohgewicht von über 200 Zentnern nach der Baustelle geschafft und dort erst bearbeitet. Die ganze künstlerische Ausführung des Werks lag in den Händen des Hrn. Bildhauer Bergmeier, welcher auch in der letzten Zeit die Aufstellung und letzte Ueberarbeitung an Ort und Stelle leitete.

Die Gesammtkosten des Denkmals, ausschliesslich der auf die Verlegung der Wasserrohre und des Kanals entfallenden Kosten, haben rd. 75 000 M. betragen, wobei also 10 000M. auf die Fundamentirung und Herstellung des Mosaik-Pflasters der Insel, sowie der Pflaster-Anschlüsse entfallen.

Die Stadt Magdeburg hat mit der Errichtung des Hasselbach-Brunnens in würdigster Weise den Zoll der Dankbarkeit ihrem hochverdienten Ober-Bürgermeister dargebracht, an dessen hervor ragendste Leistung, die Stadt-Erweiterung, für alle Zeiten dies bedeutsame, der Stadt zur Zierde, der Bürgerschaft zur Ehre gereichende Werk erinnern wird!

Dieser Artikel erschien zuerst 1891 in der Deutschen Bauzeitung, er war gekennzeichnet mit „Magdeburg 1891. Peters.“.