Der zweite Wettbewerb um den Entwurf eines Völkerschlacht-National-Denkmals bei Leipzig

Dem unmittelbar vor dem Weihnachtsfeste des vergangenen Jahres zur Entscheidung gelangten zweiten Wettbewerb um den Entwurf eines Völkerschlacht-National-Denkmals bei Leipzig ging im Jahre 1895 eine Vorkonkurrenz vorauf, welche den Zweck hatte, den Nachweis zu führen, dass es möglich sei, auf dem von der Stadt Leipzig für das Denkmal zur Verfügung gestellten Platze unter Benutzung eines aufzuschüttenden Berges von etwa 30 m Höhe ein seinem Gedanken entsprechendes Denkmal zu errichten.

Dieser vorläufige Wettbewerb, über dessen Ergebniss wir auf S. 629, Jahrg. 1895 ausführlich berichteten, war an eine Vorschrift für die Gestalt des Denkmals nicht gebunden, hatte aber, wie das Programm für den neuen Wettbewerb meinte, das unzweifelhafte Ergebniss, dass auf dem Denkmalsplatze „nur an die Ausführung eines mächtig in die Höhe strebenden Monumentalbaues in Form eines Thurmes, Obelisken, einer Pyramide oder Säule gedacht werden kann, in deren Innerem der Aufstieg zu einem Plateau führt, von dem aus das gesammte Schlachtfeld“ zu übersehen ist. Der Rieth’sche Entwurf brachte den Nachweis, dass auch eine ändere Gestaltung des Denkmals nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. Nichtsdestoweniger wurden dem neuen Wettbewerb die genannten Denkmalsformen als Grundlage gegeben und weiter bestimmt, dass das Denkmal als Völkerschlacht-Denkmal weithin leicht erkennbar sein, keine Anlehnung an Bestehendes enthalten, vielmehr eigenartig in seiner Gestalt die ganze Umgebung beherrschen solle. Die historische Bedeutung des Denkmalgedankens erforderte ferner die Verwendung eines entsprechenden bildnerischen Schmuckes, sodass, zusammenfassend, das der grossen Zeit, zu deren Erinnerung es errichtet wird, würdige Denkmal sein sollte: „ein Dankeszeichen für den Allmächtigen, der die Waffen der Verbündeten segnete, ein unvergängliches Ruhmeszeichen für die Helden der Befreiungskriege voll Selbstverleugnung und Todesmuth, ein Wahrzeichen für die gewaltige Erhebung. des deutschen Volkes“. Das Denkmal sollte ausserdem den Worten Ausdruck verleihen, mit welchen der erste Grundstein zu demselben im Jahre 1863 geweiht wurde: „Der erste Schlag gilt dem Erwachen des deutschen Volkes in seinem nationalen Bewusstsein, gilt allen denen, welche dafür gekämpft, gelitten und geblutet haben! Der zweite Schlag gilt dem treuen Ausharren in der begonnenen Arbeit für die grossen Endziele deutscher Nation! Der dritte Schlag gilt dem endlichen Siege des deutschen Volkes im Ringen nach nationaler Macht und Grösse, Einheit und Freiheit des heissgeliebten Vaterlandes!“ Das der geistige Inhalt des Denkmals. Der körperliche Inhalt ‚sollte neben dem Denkmalkörper selbst bestehen in einer monumentalen Platzanlage für Festversammlungen für etwa 10 000 Personen, zugleich Ehrenhof zur Aufstellung von Standbildern der Helden der Befreiungskriege und aus einer in Nebenräumen untergebrachten Wohnung des Denkmalwärters.

Als Denkmalsplatz wurde dem „Deutschen Patriotenbund“, welcher sich zur Errichtung eines Völkerschlacht-Denkmals bei Leipzig gebildet hatte, seitens der Stadt die historische Stätte zur Verfügung gestellt, an welcher sich Napoleon am 18. Oktober 1813 für besiegt hielt und den Rückzug anordnete. Auf unserem Lageplan ist der Platz an der rechten unteren Ecke bezeichnet. Das Gelände liegt im Südwesten Leipzigs, südlich von Stötteritz, nordwestlich von Probstheida. Es misst etwa 42 500 qm; seine Höhenlage ist erhöht über dem Gelände der Stadt und den umgebenden Schlachtfeldern.. Im Hintergrund tauchen die oberen Theile der bedeutendsten Monumentalbauten Leipzigs auf, am Horizont die Schlachtfelder nördlich von Leipzig.

Lageplan

Gleichwohl aber ist die Höhenlage keine solche, dass sie einen übersichtlichen Rundblick ermöglicht. Zu diesem Zwecke hat man bereits begonnen, einen 30 m hohen Berg anzuschütten, auf welchem sich der Denkmalskörper erheben und einerseits den völligen Rundblick über die Stadt und die rund um sie liegenden Schlachtfelder gewähren, anderseits aber auch von hervorragenden Punkten der Stadt aus gesehen werden soll. Den letzteren Zweck zu unterstützen, ist eine 40 m breite Strassenanlage geplant, welche vom Denkmal unmittelbar über bisher noch grösstentheils unbebautes Gelände zum Bayerischen Bahnhof führt und in der auf den Königsplatz ausmündenden Windmühlenstrasse eine Fortsetzung auf die Promenade findet. In wie weit diese Denkmalsstrasse nach der Umgestaltung der Leipziger Bahnhöfe und nach der etwaigen Verlegung des Bayerischen Bahnhofs vor ihrer Einmündung in die Windmühlenstrasse eine platzartige Erweiterung im monumentalen Sinne und als Vorbereitung zum Völkerschlacht-Denkmal erfahren wird, muss der Zukunft überlassen bleiben. Die natürliche Zugangsstrasse zum Denkmal führt heute durch den Stadttheil Thonberg, hat in keiner Weise die Eigenschaften einer Denkmalstrasse und wird sie auch in Zukunft nicht erwerben können. Dagegen sind bei der geplanten Denkmalstrasse alle Vorbedingungen für eine monumentale Ausgestaltung vorhanden, welche letztere eine, erhöhte Bedeutung erhalten wird, wenn etwa, worüber später noch zu sprechen sein wird, durch die jüngst angeregten Nationalfestspiele der Denkmalsgedanke eine Erweiterung erfahren wird, die schon von einigen Theilnehmern des Wettbewerbs vorgesehen ist.

Der letzte war diesmal ausserordentlich reich und gut beschickt. Unter 72 Entwürfen war kaum einer, den man, wie es bei früheren Denkmals-Konkurrenzen nicht selten der Fall war, zu den künstlerischen Unmöglichkeiten zu rechnen gehabt hätte. – Das mittelmässige Gut befand sich in der Minderzahl, das künstlerisch beachtenswerthe bildete den weitaus grösseren Theil des Wettbewerbs. Anlehnungen an bekannte Gestaltungen waren wohl nicht vereinzelt vorhanden, aber auch wirklich ursprüngliche und eigenartige Gedanken fanden sich nicht vereinzelt vor. Die Entscheidung des Preisgerichts ist bereits auf S. 666, Jahrg. 1896 bekannt gegeben, das Protokoll, das in No. 3 der „Mittheilungen des deutschen Patriotenbundes“ zum Abdruck gelangt ist, ist ausserordentlich dürftig; es bekundet lediglich die stattgefundene Siebarbeit, ohne sich auf eine Würdigung der preisgekrönten und der in die engere Wahl genommenen Entwürfe einzulassen.

Der mit dem ersten Preis ausgezeichnete Entwurf des Hrn. W. Kreis in Charlottenburg trägt das Kennwort „Walküre“, das von der Gestalt einer reitenden Walküre eingegeben ist, welche einen halbrunden Denkmal-Vorbau krönt und etwa die Dahn’schen Worte:

Sieg – riefest du selig
Sieg, Sieg allerwärts!“ zum Ausdruck bringt. Das Denkmal ist ein Thurmbau mit quadratischem Grundbau, der in seiner einfachen und wuchtigen Ausbildung an die griechischen Telamonenhallen der Frühzeit erinnert. An der Vorderseite geht die Halle in einen Rundbau über, welchen die Walküre krönt. Der Thurm hat eine feine Umrisslinie; er endigt in einer von jeder Ueberlieferung freien Form in ein zum Ausblick durchbrochenes Obergeschoss mit einer Adlerbekrönung.

Entwurf des Hrn. W. Kreis in Charlottenburg (I. Preis)

Alle diese Bildungen, nicht minder die der unteren Halle, sind von einem feinen Empfinden durchsetzt, das ursprünglich ist und nicht aus verstandesmässiger Erwägung entspringt. An die besten Blätter der Schwarzweisskunst erinnert die zeichnerische Darstellung, insbesondere des Blattes, welches wir zur Wiedergabe gewählt haben. Es kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Art der zeichnerischen Darstellung und namentlich die Behandlung des landschaftlichen Theils des hier wiedergegebenen Blattes wesentlich zu der ernsten und feierlichen Wirkung des Ganzen beigetragen hat und es kann daher immerhin die Frage auftauchen, ob der Entwurf in der Ausführung, wenn eine solche beabsichtigt wäre, das hält, was er in der Zeichnung verspricht. Jedenfalls aber zeugt er von hohen künstlerischen Fähigkeiten bei einem merkwürdigen Gefühl für seelische Wirkungen.

Entwurf des Hrn. Otto Rieth in Berlin (II. Preis)

Der mit dem zweiten Preise bedachte Entwurf des Hrn. Otto Rieth in Berlin knüpft an die Bedeutung des zum Kennwort gewählten Wortes: „Seid einig, einig, einig!“ an. Da die Geschichte der Befreiungskriege wie die des französischen Krieges von 1870/71 kein eindringlicheres Gebot kenne und dem deutschen Volke geben könne, als die Einigkeit, so besteht der Hauptgedanke des Denkmals in der sitzenden Figur der Mutter Germania, welche die Hand zu dem angeführten Mahnruf erhoben hat. Diese Kollossalfigur, die gegen 18 m Höhe erreicht und in Kupfer getrieben gedacht ist, ist eine praktische Anwendung eines Lieblingsgedankens des Künstlers, der in seinen Skizzen wiederholt wiederkehrt und in erster Linie auf eine eindrucksvolle Fernwirkung des Bildwerkes rechnet. Sehr eigenartig und künstlerisch fein empfunden ist die Postamentbildung für die Statue, wenn diese Bezeichnung bei einer so selbständigen Ausbildung des unteren Denkmalstheiles überhaupt ein Recht zur Anwendung besitzt. Der architektonische Aufbau, die Umrisslinie, die Grössenverhältnisse der einzelnen Theile untereinander und namentlich der vorgelegten Reiterfiguren Lützow’s und Theodor Körners, die sich dem Gesammtgedanken unterordnen und nicht den Anspruch erheben, mit der Hauptgestalt in Wettbewerb zu treten, all das ist mit einem ungewöhnlichen Aufwand künstlerischen Feingefühls zur Darstellung gelangt. Was hier ein reicher künstlerischer Sinn geboten hat, ist von solcher Eigenart, so neu in der Gestaltung und prägt sich dem Gedächtniss mit solcher Macht bezwingend ein, wie es kein Thurmbau vermag und sei er noch so abweichend von allem Herkömmlichen aufgebaut.

Entwurf der Hrn. K. Spaeth und O. Usbeck (III. Preis)

Den dritten Preis errang der Entwurf: „Morgengrauen“, eine gemeinsame Arbeit der Hrn. Karl Spaeth und Oskar Usbeck in Berlin, ein Entwurf, der namentlich in seinem figürlichen Theil sehr viel ungewöhnliche Schönheiten enthält und eine vorzügliche zeichnerische Darstellung erfahren hat, dessen Gesammtgestalt aber für deutsches Empfinden des fremdartigen Eindrucks nicht entbehrt. Jedenfalls aber ist die architektonische Anlage des Denkmalhaupttheiles wie auch die der Freitreppe aus hervorragendem Können entsprungen.

Entwurf des Hrn. Prof. Bruno Schmitz (IV. Preis)

Ex ungue leonem, konnte der mit Schmitz’scher Eigenart vertraute Beschauer des mit dem vierten Preise gekrönten Entwurfs mit dem Kennwort „St. Michael“ sich sagen. Ein zylindrischer Thurmbau, zyklopisch gefügt, in seinem unteren Geschoss von einer kreisrunden Halle mit vier Portalen umgeben, oben in der Art des Theodorich-Grabes in Ravenna bekrönt und von einem gewaltigen, aus dem gemauerten Quader gehauenen St. Michael in Hochrelief beschützt, erhebt sich der trotzige Thurm bis zu einer Höhe von 75 m. Am Fusse der nördlichen Freitreppe lagert der Ehrenhof, der von Hallenanlagen umgeben ist.

Entwurf des Hrn. Arnold Hartmann in Grunewald bei Berlin (V. Preis)

Der mit dem fünften Preis ausgezeichnete Entwurf des Herrn Arch. Arnold Hartmann in Kolonie Grunewald bei Berlin trägt das Kennwort: „So wollen wir, was Gott gewollt, in rechter Treue halten.“ Der Künstler erläutert seinen interessanten Entwurf mit den Worten: „Stark und festgefügt wie das deutsche Reich, trägt der ernste Bau den kraftvollen deutschen Mann, der das Reichsschwert zu Gott emporstreckt als das Symbol der von den Vätern so heiss ersehnten deutschen Einheit, deren Grundstein sie: auf dem Felde bei Leipzig für uns schufen.“ Frisch und neu entworfen ist der obere Theil des Denkmals und sein Aufbau von guter, auf Fernwirkung berechneter Umrisslinie. Nicht von gleich glücklicher Haltung ist der untere Theil. Im Ganzen ist auch diese Arbeit ein in hohem Grade bemerkenswerther Versuch zu der nicht leicht zu lösenden Frage eines Völkerschlachtdenkmals bei Leipzig, das in gleicher Weise künstlerische Ansprüche und die Forderungen zu stellen hat, die das unbefangene Volksgemüth an ein Denkmal zu stellen berechtigt ist, welches den wichtigsten, in aller Seele lebenden Abschnitt seiner Geschichte zur Darstellung bringen soll.

Entwurf des Hrn. Th. Fischer in München

Nicht sehr weit stand hinter dem künstlerischen Durchschnitt der preisgekrönten Entwürfe der Durchschnitt der Gruppe der in die engere Wahl gelangten Entwürfe zurück. In dieser Gruppe befanden sich hochbedeutsame Leistungen; unter ihnen an erster Stelle der Entwurf des Hrn. Theod. Fischer in München (s. S. 40), der das Kennwort „St. Michael“ trug und eine nur sehr wenig veränderte Wiedergabe des im ersten Wettbewerb mit Auszeichnung genannten Entwurfes war.

Ein nach Art der vorgeschichtlichen Steingehege in elementarer Weise gegliederter Steinhag umgab den Kamm des regelmässigen Hügels, auf dem sich eine Art Zwillingsthurm mit gemeinsamer grosser Plattform erhob, auf welcher in Erz St. Michael thronte. Thurm und Figur waren in strengen archaischen Formen gehalten; mit Unerbittlichkeit war jede Regung zu einer das nackte Bedürfniss überschreitenden künstlerischen Zuthat unterdrückt,- und diese Enthaltsamkeit war es, aus welcher die eindrucksvolle Wirkung des Entwurfes entsprang. Er kam. deshalb auch mit 2 Stimmen für den III. Preis, mit 3 Stimmen für den IV. Preis und mit 5 Stimmen für den V. Preis inbetracht. Die Stimmenmehrheit fand er leider nicht.

Entwurf mit dem Kennwort Ein deutsches Olympia – Vorderansicht
Entwurf mit dem Kennwort Ein deutsches Olympia – Rückansicht

Auf breiterer Grundlage war, wie es sein Kennwort andeutet, der Entwurf: „Ein deutsches Olympia“ angelegt, eine fein durchgearbeitete, liebenswürdige und dabei doch des grossen Zuges und Inhaltes nicht entbehrende Arbeit, in welcher wir auf S. 41 Abbildungen der Vorder- und der Rückseite des auf dem Hügel errichteten Theiles des Gesammt-Denkmals geben. Dem Entwurf war ein Wort Richard Wagner’s beigegeben:

„Es strahlt der Menschheit Morgen,
Nun dämmere auf, du Göttertag,“
ein Wort, das zunächst an die historischen Ereignisse anknüpft, vielleicht aber auch in der tieferen Absicht einer Bezugnahme auf die im Denkmal zum Ausdruck gelangte Kunstrichtung angeführt wurde. An der Vorderseite des Denkmals ist das zum nationalen Bewusstsein erwachte Volk bildlich durch einen mächtigen Löwen dargestellt, welcher die Fesseln zerreisst. Eine umfangreiche Anlage am Fusse des Hügels ist aus dem Gedanken der National-Festspiele entsprungen, die, als nationale Heldengesänge und turnerische Wettspiele ausgeübt, „einen moralischen und erziehlichen Einfluss auf das Deutschthum unseres Volkes“ ausüben. Durch ihre Abhaltung würde nach der Meinung des Verfassers das urdeutsche Leipzig „ein neuer Mittelpunkt deutscher Kunst und Sitte.“ Diesen Ueberlegungen entsprechend ist der Denkmalstheil, welcher den Festplatz bildet, von grosser Auffassung und reicher architektonischer Durchbildung.

Entwurf mit dem Kennwort Simson

Ein höchst eigenartiger Entwurf war der mit dem Kennwort „Simson“, von welchem wir S. 33 eine Darstellung gegeben haben. Es bekundet sich in ihm ein merkwürdiges Gemisch strenger und, man möchte beinahe sagen, symbolistischer Auffassung in der Architektur und ihrem ornamentalen Schmuck wie in den bildnerischen Darstellungen, welche an die harte Auffassung archaischer Bildwerke erinnerten, aber doch wiederum einen Zug jener Weichheit hatten, wie sie der Kunstauflassung der älteren Nazarehner bei aller asketischen Strenge doch eigen war.

Der Verfasser des gross gedachten Entwurfes mit dem Kennwort: „Ein’ feste Burg“ hatte den als vierseitige abgestumpfte Pyramide aufgeschütteten Hügel an seinem Fusse mit einer monumentalen Mauer mit Eckthürmen begrenzt und auf der Plattform der Pyramide einen mächtigen Bau aufgerichtet, der – damit soll die ungefähre Form gekennzeichnet, nicht aber eine Anlehnung ausgesprochen sein – an den Aufbau des Denkmals des Kaisers Hadrian entfernt erinnerte. Der Entwurf zeugte von einer ausgereiften Beherrschung der architektonischen Mittel.

Nicht minder interessant war der Entwurf mit dem Kennwort: „Wahrzeichen“, ein quadratischer romanischer Thurmbau mit Vorhalle und loggienartiger Durchbrechung im Obergeschoss, mit starkem Anzug und einem polygonalen Aufbau auf der quadratischen Plattform, eine fein empfundene Arbeit, bei welcher die Behandlung des Hügels mit Anerkennung bemerkt wurde, die aber durch die den 4 Ecken in diagonaler Richtung vorgestellten Figuren von lebhaften Bewegungen etwas an ihrer strengen und monumentalen Geschlossenheit einbüsste,

Auf antike Motive hatte bei eigenartiger Durchbildung der Entwurf mit dem Kennzeichen der drei verschlungenen Fische zurückgegriffen. Der Verfasser schuf auf dem Hügel einen quadratischen Unterbau, vor welchen sich in den Axen vor 4 Seiten dorische Tempelfronten Meier, die jedoch nicht die ganze Breite des Unterbaues einnahmen.

Dieser war vielmehr seitlich der dorischen Vorbauten und bis zu den Ecken reichend als Telamonenhalle ausgebildet.

Das Ganze überragte in der Mitte ein Obelisk von so stattlichen Abmessungen, dass die Absicht, den Unterbau als Sockel für denselben erscheinen zu lassen, erreicht wurde.

Den Grundgedanken der politischen Vorgänge, welche zu dem glücklichen Ausgang der Freiheitskriege beitrugen, die Vereinigung der Gegner Napoleons zum Dreibunde, suchte architektonisch der Entwurf: „Dreibund“ in geistreicher Weise dadurch zum Ausdruck zu bringen, dass er ein Baldachin-Denkmal schuf, das auf drei thurmartigen Stützen ruhte, die auf einem Unterbau mit reichem Wappenschmuck standen. Auf 3 Reliefs von grossen Maassen sollten die Volkserhebung, die Völkerschlacht und Sieg und nationale Freiheit zur Darstellung gelangen.

Als ein vierseitiges Baldachin-Denkmal mit Renaissanceformen hatte der Entwurf mit dem Kennwort: „Soli deo gloria“ versucht, den Gedanken des Völkerschlacht-Denkmals zu lösen; auch eine Lösung, die in grosse Verhältnisse gesteigerte Grundform des Sarkophages in Verbindung mit einem Obelisken auf das Denkmal anzuwenden, ist in dem Entwurf „Sarkophag“ nicht unversucht geblieben. Der Entwurf zeichnete sich durch eine stattliche Vorhalle aus.

Ein zweiter Entwurf des Verfassers der mit dem V. Preis ausgezeichneten Arbeit ist gleichfalls in die engere Wahl gelangt. Der Entwurf gestaltete die Form des Obelisken, den nahe der Spitze drei Adler umfliegen, so schlank, dass er an die Form der Schwertklinge erinnerte.

„Gleich einem Schwerte, gewaltig und riesenhaft, soll das Denkmal das Schlachtfeld beherrschen, auf dem das deutsche Schwert seinen schönsten Sieg erstritt“.

Von den in die engere Wahl gelangten Arbeiten verbleiben noch, die Entwürfe „Eisernes Kreuz“, bei welchem sich auf einem Unterbau, der an den Unterbau des Niederwald-Denkmals erinnert, ein Thurmbau erhebt, der als eine Gruppe verbundener Bäume mit verwachsener Krone aufgefasst ist; „Flammenzeichen“, ein schlichter Thurmbau mit bekrönender Opferschale, mit 4 Ecklöwen, geschwungenem Fries und einem Untertheil, der gleichfalls an den des Niederwald-Denkmals erinnert; und der Entwurf „Für’s Vaterland“, ein Thurmbau mit flankirenden Obelisken. Es darf anerkennend hervorgehoben werden, dass das Preisgericht durch die Erweiterung der Grenzen für die engere Wahl einer grösseren Anzahl von ausgezeichneten Entwürfen eine Anerkennung vor der Oeffentlichkeit gewährt hat. Für den hohen Durchschnittswerth des Wettbewerbs spricht es aber, dass auch unter den bisher nicht genannten Entwürfen sich nicht nur vereinzelte finden, welche sich, namentlich in Einzelheiten, durch diese oder jene Schönheit und geistreiche Gestaltung auszeichnen, Doch auf sie einzugehen, kann nicht in der Absicht eines nur übersichtlichen Berichtes liegen.

Wie aus dem Vorstehenden hervorgeht, hatte sich die grösste Mehrzahl der Künstler in der Gestaltung des Theiles des Denkmals, welcher auf Fernwirkung berechnet ist, an Motive mit einfacher Umrisslinie gehalten und den Thurmbau mit rundem, quadratischem oder länglichem Querschnitt, mit konkaver Linie des Aufbaues oder Abtreppung, mit begleitenden Architekturtheilen wie Obelisken, Vorhallen, Löwen, Figuren usw., den Obelisken, den Baldachin,die Pyramide allein und mit Unterbau usw. gewählt. Ein Entwurf hat die Kolossalfigur als Hauptmotiv des Denkmals, ein anderer die Bogenform, in dem vorliegenden Falle einen Spitzbogen in Anwendung gebracht. Mit Ausnahme des letzteren und einiger anderer Entwürfe waren demnach die meisten Arbeiten von dem Gedanken der Fernwirkung einer geschlosenen Masse ausgegangen. Dieser, wenn man will, natürlichen Uebereinstimmung stand eine grosse Verschiedenheit in der künstlerischen Behandlung des künstlichen, aus einer flachen Ebene sich erhebenden.Hügels, gegenüber. Es hat nicht an Auffassungen gefehlt, welche ihm die Gestalt eines mit Felsbildungen usw. ausgestatteten natürlichen Gebildes zu verleihen versuchten in einer Umgebung, die eine solche Auffassung nicht rechtfertigen kann. Es fanden sich ferner Auffassungen, und zu ihnen gehört die des ersten Preises, welche den Hügel als eine leicht erhobene Fortsetzung des anzulegenden Parkes ausbildeten und den Hügelcharakter an sich durch Baumpflanzungen möglichst zu unterdrücken suchten, ein Vorschlag, der volle Zustimmung finden dürfte. Es hat endlich Auffassungen gegeben, welche den Hügel zu einem Gegenstand architektonischer Lösung machten, ihn als pyramiden- oder kegelförmigen Tumulus ausbildeten und architektonisch einfassten, ein Vorschlag, dem man sich gleichfalls anschliessen darf und für welchen u. a. der Entwurf des Hrn. Schmitz ein Beispiel ist. Endlich sind Lösungen versucht worden, bei welchen an der Vorderseite des Denkmals der Hügel überhaupt nicht zur Mitwirkung kam, sondern die Architektur des Denkmals bis auf die natürliche Bodenfläche fortgesetzt und mit dem Ehrenhof in eine organische architektonische Verbindung zu bringen versucht worden ist. Hierzu ist der Entwurf des Hrn. Bernh. Schaede unter mehren zu nennen.

Auch über die Gestaltung des Ehrenhofes sind die verschiedensten Vorschläge gemacht worden; am weitesten ist in der Anlage von Hallen und Bauwerken vielleicht der Entwurf „Ein deutsches Olympia“ gegangen. Insbesondere dieser Theil des Denkmals ist es, welchem bei dem in Aussicht genommenen dritten, engeren Wettbewerb eine genaue und klare Programmfassung, welche vielleicht auch die in Aussicht genommenen Nationalfestspiele berücksichtigt, zugrunde gelegt werden müsste. Das der zweite Wettbewerb um den Entwurf eines Völkerschlacht-National-Denkmals bei Leipzig. So werthvoll sein künstlerisches Ergebniss auch war, das praktische Ergebniss hält nicht gleichen Schritt; denn ein unmittelbar zur Ausführung geeigneter Entwurf ist nicht gewonnen worden. Der deutsche Patriotenbund hat deshalb bereits die Vorarbeiten zu einem dritten, jedoch engeren Wettbewerb eingeleitet, zu welchem die Sieger des ersten und des zweiten Wettbewerbs aufgefordert worden sind. Die Theilnehmer dieses Wettbewerbs ringen um die Ausführung des Denkmals als einzigen Preis. Das ist ein im allgemeinen begehrenswerther Preis; die Begehrlichkeit für ihn wird aber gedämpft durch die etwas vorsichtige Art, in welcher die Schriftstücke, die zur Theilnahme an dem engeren Wettbewerb einladen, die Verleihung dieses Preises in Aussicht stellen. Da heisst es: …. „jedoch wird der Vorstand des Bundes mit dem Verfasser des im engeren Wettbewerbe am meisten entsprechenden Entwurfes in Verhandlung treten, um diesen Herrn dann für die Ausführung des Denkmals zu gewinnen“. Daraus ist zunächst – und das könnte die Theilnehmer dieses Wettbewerbs allenfalls beruhigen – zu schliessen, dass mit Sicherheit ein Entwurf dieses dritten Wettbewerbs zur Ausführung gelangt; denn es wird sich unter allen Umständen ein Entwurf finden lassen, der „am meisten entspricht“. Wem aber soll er am meisten entsprechen? Von der Ernennung eines fachmännischen Preisgerichts verlautet zunächst noch nichts, obwohl, daran zweifeln wir nicht, sämmtliche Theilnehmer dieses Wettbewerbs doch nur einem solchen ihre Entwürfe zur Prüfung vorlegen würden. Aber selbst wenn ein fachmännisches Urtheil ergehen würde, ist es bei der ausgesprochenen Stellungnahme, die der Vorstand des deutschen Patriotenbundes in No. 3 der Mittheilungen dieses Bundes zu dem verflossenen Wettbewerb eingenommen hat, sicher oder auch nur wahrscheinlich, dass er sich dem Urtheil des Preisgerichts anschliessen wird? – Es ist aber auch die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass von der Ernennung eines Preisgerichts überhaupt Abstand genommen wird und dass der Vorstand des deutschen Patriotenbundes als solcher die Entscheidung fällt. So viel uns bekannt, befindet sich in demselben aber nur ein Fachmann. Wir setzen nicht die geringsten Zweifel in die künstlerische Urtheilskraft dieses Fachmannes, wir setzen sogar weiter voraus, dass er auf die einzelnen Vorstandsmitglieder einen weitreichenden Einfluss besitzt und doch ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass er zugunsten eines Entwurfs überstimmt wird, der just dem Laienelement des Vorstandes der geeignetste zu sein scheint, künstlerisch aber keineswegs der werthvollste zu sein braucht. Und das sollte er doch aber sein; denn wir besitzen leider in Deutschland Nationaldenkmäler nicht vereinzelt, die künstlerisch nicht die volle Reife erkennen lassen und den Vergleich mit ähnlichen Denkmälern des Auslandes nicht aushalten.

Und noch ein Punkt der erwähnten Stelle des Schriftstückes, das zur Theilnahme an dem Wettbewerb einladet, giebt zu Bedenken Anlass. Der Vorstand des Bundes tritt mit dem Verfasser des am meisten entsprechenden Entwurfes in Verhandlung. Schön. Wenn nun aber die Verhandlung mit diesem Verfasser zu einem Ziele nicht führt, etwa wegen künstlerischer oder materieller Forderungen, die dem Vorstand nicht entsprechend zu sein scheinen, was dann? Ein Entwurf muss doch endlich einmal zur Ausführung bestimmt werden. Wird man dann um ein Haus weiter gehen und so lange verhandeln, bis man einen Künstler findet, der sich den Bedingungen des Vorstandes zu unterwerfen erklärt, wenn er auch nur der Verfasser irgend eines Entwurfs letzter Stelle z. B. ist? So dürfte es also nicht gehen. Wenn wir uns mit dieser, sagen wir einmal etwas „kaufmännischen“ Art der Behandlung der geschäftlichen Seite der Denkmals-Angelegenheit nicht einverstanden erklären können, so geschieht es nur des Gelingens des schönen Denkmalsgedankens wegen. Wir können die Befürchtung nicht unterdrücken, dass so, wie die Einladung lautet, sie nicht den Erfolg haben wird, den man sich von ihr verspricht; sie ist zu vorsichtig gehalten.

Ferner „wenn du nehmen willst, so gieb“. Auch in nationalen Dingen hat die „uneigennützige Förderung“ einer Angelegenheit eine Grenze, welche durch die natürlichen Verhältnisse des Mitwirkenden gezogen wird. Und diese Grenze ist bei einzelnen Mitwirkenden schon nahe erreicht.

Man erkläre daher klipp und klar: „Es wird ein engerer Wettbewerb unter den Siegern des ersten und zweiten Wettbewerbes ausgeschrieben. Jeder Theilnehmer erhält als Entschädigung für geleistete Arbeit 1000 M. Diese entfallen beim Sieger, welcher dafür die Ausführung unter bestimmt festgesetzten und bekannt zu gebenden Bedingungen erhält. Den Sieger ermittelt ein aus hervorragenden Fachleuten zusammengesetztes Preisgericht (vielleicht das des verflossenen Wettbewerbes). Seinen Entscheidungen schliesst sich der Vorstand des Deutschen Patriotenbundes ohne Vorbehalt an“. Damit ist eine klare, der Denkmals-Angelegenheit nur zum Vortheil gereichende Sachlage geschaffen.

Nicht geringe Schwierigkeiten wird die bestimmte Fassung des neuen Programms bieten. Zunächst wird es die Form des Denkmals, sodann seine einzelnen Theile zu behandeln haben. Wie schon erwähnt, wird für das Denkmal ein 30 m hoher Hügel aufgeschüttet, in welchem umfangreiche Gründungen angelegt werden müssen. Es ist daher der berechtigte Wunsch aufgetaucht, diese soweit in die künstlerische Erscheinung des Denkmals einzubeziehen, dass die gegen Leipzig gewendete Seite desselben bis nahezu auf die natürliche Bodenfläche herabgeführt werde. Dadurch ist die Möglichkeit gegeben, mit dem Denkmal eine nothwendige monumentale Vorhalle und vielleicht noch Räume für ein Völkerschlacht-Museum zu gewinnen. Es ist weiter dadurch die Möglichkeit gegeben, mit dem Denkmal den geforderten Ehrenhof in eine organische Verbindung zu bringen, wie sie in nur wenigen Entwürfen des Wettbewerbes, darunter in dem schon erwähnten Entwurf des Hrn. Bernhard Schaede versucht worden war. Endlich ist zu erwägen, welche verbreiterte Grundlage die Denkmals-Angelegenheit durch Berücksichtigung der in Anregung gebrachten deutschen Nationalfeste gewinnen könnte. Einzelne Theilnehmer des Wettbewerbes waren auch diesem Gedanken bereits näher getreten.

In weit höherem Maasse als sonst wohl die Erfolge von Wettbewerben von den Programmen abhängen, wird daher der Erfolg dieses dritten Wettbewerbes von der bestimmten Fassung des Programms abhängig sein. Der Vorstand des Deutschen Patriotenbundes scheint das erkannt zu haben und damit ist schon Manches gewonnen. In kurzer Zeit hoffen wir dem dritten Wettbewerb eine vorläufige Besprechung widmen zu können.

Albert Hofmann.

Dieser Artikel erschien zuerst am 16.01.1897 in der Deutsche Bauzeitung.