Die Gewerbe- und Industrie-Ausstellung in Hamburg

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Nach dem vollzogenen Zollanschlusse entstand in Hamburg der Gedanke, durch eine Ausstellung zu zeigen, was die dortige Industrie zu leisten vermöge, um auf diese Weise diejenigen Abnehmer aus dem Binnenlande zurückzugewinnen, welche durch die bis zum 15. Oktober 1888 aufgerichteten Zollschranken verloren gegangen waren. Auch die zu dem gleichen wirthschaftlichen Gebiet gehörigen Nachbarstädte Altona, Ottensen, Wandsbeck und Harburg wurden hinzugezogen; es bildete sich ein Ausschuß, reiche Mittel wurden zur Verfügung gestellt, und so konnte denn am 15. Mai 1889 die Gewerbe- und Industrie-Ausstellung (siehe unser Bild auf S. 76 u. 77) eröffnet werden, die als eine außerordentlich wohlgelungene und interessante bezeichnet werden muß und sicherlich auch die neugeschaffene wirthschaftliche Verbindung Hamburgs mit dem Reich ausgestalten und fördern wird.

Das Terrain der Ausstellung, ein Stück des alten Stadtgrabens und seiner Umgebung, umfaßt gegen 135,000 Quadratmeter und bot durch die darauf stehenden alten Bäume und die tiefe Thalbildung des Grabens Gelegenheit zu reicher landschaftlicher Gestaltung.

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Garteningenieur Jürgens hat das ganze Terrain in einen herrlichen Park voll abwechselungsvoller Schönheiten umgegeschaffen. Ueber den von zahlreichen Booten belebten Wasserspiegel spannen sich zahlreiche Brücken, deren größte Skizze 1 darstellt. Ingenieur Hagn hat dieselbe als Hängebrücke gebaut, welche in einer Höhe von 11 Meter über den dort 76 Meter breiten Stadtgraben führt. In diesen schönen Parkanlagen erhebt sich nun eine große Zahl von Bauten, die eine Grundfläche von 22,000 Quadratmieter bedecken.

Die Gewerbe- und Industrie-Ausstellung in Hamburg. Originalzeichnung von C. Schildt. (links)
Die Gewerbe- und Industrie-Ausstellung in Hamburg. Originalzeichnung von C. Schildt. (links)
Die Gewerbe- und Industrie-Ausstellung in Hamburg. Originalzeichnung von C. Schildt. (rechts)
Die Gewerbe- und Industrie-Ausstellung in Hamburg. Originalzeichnung von C. Schildt. (rechts)

Skizze 5 zeigt uns die ganze Ausstellung aus der Vogelperspektive gesehen, während Skizze 8 eine von unten aus aufgenommene Gesammtansicht gibt. Wir betreten von außen kommend zunächst die 8000 Quadratmeter große Haupthalle, welche außer den Meisterschöpfungen des Kunstgewerbes die Erzeugnisse der Elfenbein- Stock-, Jute-Industrie, der Instrumenten-Fabrikation, der Herren- und Damen-Konfektion, der graphischen Künste, der Buchbinderei u. s. w. umfaßt. In einer zweiten großen Halle (3000 Quadratmeter) wurden die Erzeugnisse der Großindustrie untergebracht, während die dritte Haupthalle (4750 Quadratmeter) dem Maschinen und Ingenieurwesen geweiht ist. Diese stellt Skizze 3 (mit dem gefesselten Ballon des Luftschiffers Rodeck im Hintergrunde) dar; von zwei angebauten Thürmen dient der eine als Wasserreservoir für den imposanten Springbrunnen vor der Haupthalle, der andere als Träger eines sogenannten Torpedosuchers, der am Abend sein außerordentlich intensives elektrisches Licht ausstrahlen läßt.

Zu erwähnen ist ferner die Kunsthalle mit Werken hamburgischer Maler und die Halle der Wagner, Sattler und Schuhmacher. Am 12. Juli wurde auch die Handelsausstellung eröffnet, welche eine einzig dastehende Sammlung der in dieser Welthandelsstadt einlaufenden überseeischen Halbfabrikate und Rohprodukte bietet.

Neben dem Ernst kommt aber auch die Heiterkeit des Lehens in der Hamburger Ausstellung zu ihrem Rechte. Den Glanzpunkt aller darauf bezüglichen Veranstaltungen bietet die großartige Festhalle (Skizze 2), eine mächtige Rotunde von 2000 Quadratmeter Grundfläche, die Raum für 4000 Personen bietet. In derselben wird auch das große dreitägige Musikfest im September unter H. v. Bülow’s Leitung abgehalten werden. Im Freien lassen auf dem Konzertplatze (Skizze 6) täglich drei Militärkapellen ihre Weisen ertönen.

Die eine Seite der Parkanlagen längs des Stadtgrabens mit ihren zahlreichen Restaurationen und Pavillons hat sich die Bezeichnung „Wurstlprater“ erworben. Ihr macht das „Wurstglöckchen“ (Skizze 7) alle Ehre, eine nach Art einer Künstlerkneipe mit lustigen Bildern und Schildereien genial ausstaffirte Bierhalle. Hier befindet sich u. A. auch das Taucherbassin, in dem Taucher ihre Künste zeigen, und der chinesische Pavillon (Skizze 4) überhaupt ist überall für leibliche Stärkung wie für fröhliche Kurzweil bestens gesorgt.

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An dem einem Ende der Ausstellungsanlagen befindet sich eine große Fisch-Kosthalle (Skizze 9), von E. W. H. Stück, welche sich eines lebhaften Zuspruchs erfreut. Dort werden u. A. frische Störe von seltener Größe gezeigt; meistens dagegen wird das Störfleisch geräuchert genossen. Wir haben vorstehend natürlich nur Einiges aus der Fülle des Sehenswerthen und Interessanten hervorheben können, das die Hamburger Gewerbe- und Industrie Ausstellung ihren Besuchern bietet, die ein anschauliches Bild von dem mächtigen Emporstreben jener großen Hafen- und Handelsstadt und seiner Nachbarorte, wie von der gewaltigen Leistungsfähigkeit ihrer Gewerbe und Industrien gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst in Heft 3/1890 von Das Buch für Alle.