Die Insel in der Binnenalster für das Kaiserfest in Hamburg zur Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals am 19. Juni 1895

1896, von F. Andreas Meyer, Oberingenieur der freien und Hansestadt Hamburg. Als des deutschen Kaisers Majestät beschlossen hatte, den vom deutschen Reiche erbauten Nordostsee-Kanal feierlich zu eröffnen und sich zu diesem Zwecke mit seinen Gästen am 19. Juni 1895 in Hamburg zu versammeln, um die Reihe der Festlichkeiten am 20. Juni mit einer Kanalfahrt von der Elbe nach der Ostsee zu beginnen, wollte es sich die Stadt Hamburg nicht nehmen lassen, den Kaiser und die Kaiserin, die deutschen Bundesfürsten und die übrigen hohen Gäste des Kaisers in ihren Mauern zu empfangen und zu bewirthen, und sie fühlte sich durch die Zusagen, welche von allen Seiten auf die von dem Hamburgischen Senat erlassenen Einladungen einliefen, hoch geehrt.

Der Kaiser nahm auf dem im Hamburger Hafen liegenden „Kaiseradler“, die kaiserlichen Gäste nahmen bei den Bürgern der Stadt Quartier. Die Stadt schmückte sich mit hohem Festesglanze und gar viele Veranstaltungen wurden geplant, um den so hoch verehrten Gästen den Aufenthalt angenehm zu machen. Aber für die eigentliche Festlichkeit standen nur ein Nachmittag und Abend zur Verfügung und so musste im Hinblick auf die bevorstehenden Anstrengungen der Kanalfeier ein enger Rahmen gezogen werden damit nicht aus der Wohlthat eine Plage werde.

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Es galt, den Schauplatz des Festes eng mit dem neuen Rathause zu verbinden, in welchem um 6 1/2 Uhr Nachmittags das Bankett angesetzt war. In der Nachbarschaft des Rathhauses ist das Bassin der Binnenalster mit den umgebenden Promenaden der Jungfernstiege der gegebene und berufene Festplatz. Mitten in der Stadt, mit dem Blick auf die hohen Thürme über den Häuserreihen, in der Abwechselung der steinernen Stadtbauten, mit den anmutigen Brücken- und Parkansichten des Lombardsbrückenwalles , nahe dem Dammthorbahnhof, von welchem um Mitternacht die Sonderzüge der Festtheilnehmer nach Brunsbüttel abfahren sollten, erschien die Binnenalster wohl geeignet für einen erfrischenden Abendaufenthalt, welchem auch durch die ausreichende Räumlichkeit zu Lande und zu Wasser ein charakteristisches und volksthümliches Gepräge gegeben werden konnte. Die Strassenfläche dieser Uferstrassen hält 53 570 qm und kann mit den hinzuzurechnenden Wallanlagen und Nachbarplätzen, auch wenn die für den Verkehr erforderlichen Streifen offengehalten werden, weit über 100 000 Schaulustige aufnehmen, wozu noch die Fenster- und Dachplätze der umgebenden Häuser kommen. Die Wasserfläche der Binnenalster misst 20,17 ha und hat ihre Aufnahmefähigkeit für die nach Tausenden zählenden Ruder- und Segelboote schon oft bewährt. Da sie mit dem Rathhausmarkt durch die fünf Durchfahrten der Reesendammsbrücke und das Alsterschlussbassin in offener Wasser-Verbindung steht, so konnte der Senat seine Gäste nach dem etwa um 8 Uhr zu erwartenden Schlusse des Banketts mit wenigen Schritten aus dem Rathhaus nach der grossen Festtreppe bei der Schleusenbrücke geleiten, an welcher die geschmückte Flotte der Alsterdampfboote zur Wasserfahrt einlud. Da die Dunkelheit im Junimonat erst um 9 Uhr beginnt, so war es möglich, der Bankettgesellschaft auf ihrer Ausfahrt das Festgewand des Alsterbassins noch bei Tageslicht vorzuführen, um sie alsdann zu gemeinschaftlichem behaglichen Abreise zusammenzuhalten. So reifte bei Festkommission des Hamburgischen Senats der Plan, eine Erfrischungsinsel in der Mitte der Binnenalster anzulegen, und der Verfasser wurde mit der Ausführung dieses Planes beauftragt.

Die Insel sollte nicht einen geschlossenen Festbau vorstellen, wie viele Leser dieser Zeitschrift ihn noch aus den Tagen der Hamburger Wander-Versammlung deutscher Architekten und Ingenieure im September 1868, oder aus dem zu Ehren der Anwesenheit König Wilhelm’s in demselben Monat aufgeführten Schloss Babelsberg in Erinnerung haben werden. Diesmal handelte es sich um eine offene Garten- und Strandinsel von romatischer landschaftlicher Entwicklung, mit Spaziergängen und Plätzen für mindestens 1500 Personen, und mit denjenigen Einrichtungen, welche der mehere Stunden währende Aufenthalt einer so grossen Gesellschaft erfordert. Deshalb mussten Zelte gegen etwaige Unbill des Wetters vorgesehen werden, in denen zugleich die ganz beträchtliche Wirthschaft und die Musik unterzubringen waren. Ferner musste für grosse Beleuchtung, für Anlage von Toiletten usw. gesorgt werden.

Kaiserzelt und Kompassbeet

Der angenehmen Aufgabe dieses Inselbaues hat der Verfasser sich mit vielem Vergnügen entledigt und ist dabei von den Mitarbeitern seines Ressorts, zumal von Hrn. Bauinspektor Wulff, welcher mit den ihm unterstellten Hamburgischen Baubeamten die Pläne detaillirt und die Ausführung geleitet hat, und von Hrn. Bildhauer Engelbert Peiffer, welcher rastlos modellirte und Felsen auf Felsen thürmte, aufs beste unterstützt worden. Auch die Wassersportwelt Hamburgs stellte sich ihm für das Korsofahren in begeisterter Weise zur Verfügung und mit ihr wetteiferte unter der Leitung des Hrn. Professor Krug die Sängerwelt, welcher eine Bühne am Alsterthor erbaut wurde. So ist also die „insula in flumine nata“ nach einer nur 58tägigen Bauzeit am 16. Juni fertig ausgewachsen, hat am 19. Juni den deutschen Kaiser und fast sämmtliche Bundesfürsten getragen, hernach noch hunderttausende von Besuchern, und ist endlich, nachdem sie am 31. Juli mit einem Wohlthätigkeits-Konzert zum Besten armer Kinder ihre irdische Laufbahn abgeschlossen, in 23 Tagen abgebrochen worden, sodass ihre Spur am 24. August erloschen war und jetzt nur noch viele Photographien, Briefbogen und Wandbilder, sowie insbesondere die bildnerischen Darstellungen dieser Zeitung von ihr Kunde geben. Zu diesen letzteren, welche die Lage und Einrichtung der Insel dem Fachmann genügend erläutern dürften, soll hier noch folgende ergänzende Beschreibung gegeben werden:

Der Flächenraum der Insel betrug 5993 qm, bildete also den 34. Theil der 20,17 ha grossen Binnenalster. Vom Lande aus sah sie verhältnissmässig klein aus und Viele befürchteten, dass sie nicht geräumig genug angelegt sei.

Aber sie bewies sich grösser als ihr Ruf und schien, wenn man ihr nahte, zu wachsen. Konnten doch am Festabend der Reichstag und die hamburgische Bürgerschaft vor dem Eintreffen der wohl 800 Köpfe starken Bankett-Gesellschaft in dem Gastzelt und der anstossenden halbrunden Piazetta ihren Imbiss einnehmen, ohne den Hauptraum der Insel überhaupt nur zu berühren.

Die Insel in der Binnen-Alster für das Kaiserfest im Hamburg am 19. Juni 1895

Der Punkt der Insel, welcher als Ausgangspunkt aller Absteckungen, und gleichsam als Inselmitte angenommen war (das Kompassbeet), lag in der Verbindungslinie von der Mitte des Jungfernstiegs nach der Mitte der Lombardsbrücke, von ersterem etwa 200, von letzterer etwa 300 m entfernt. Dieser letztere grössere Abstand war geboten durch die Anordnung der beiden zwischen Insel und Lombardsbrücke auf Fahrzeugen (Schuten) erbauten Feuerwerksinseln, welche die Leuchtthürme von Cuxhaven (im Westen) und Holtenau (im Osten) mit Schanzen darstellten, und zwischen denen die illuminirte und von Feuerkaskaden überfluthete Lombardsbrücke von der hinter dem Kompassbeet aufsteigenden Felsparthie des Kaiserzeltes aus frei gesehen werden konnte. Bei dem Feuerwerk der 80 m von einander entfernten Schanzen sollte ein grosser Luftbogen in feurigen Wellen von beiden Seiten als symbolische Verbindung des Nord- und Ostmeers zusammenlaufen, um in der Mitte das Reichswappen erscheinen zu lassen. Aber das Krachen des Gewitters, das der Weltenlenker für diesen Abend vorgesehen hatte, war stärker und schöner als das Krachen der Schanzen und vereitelte dieses Werk von Menschenhand.

Ein von den Schanzen ausgehender Ring, aus Rammpfählen in 10 m Abstand von einander, mit zwischengeketteten schwimmenden Schienen, umgab die Insel in einem Durchmesser von 240 m, einen Innenbezirk für die Inselbewohner und für die Korsofahrt von einem Aussenbezirk für das allgemeine Publikum abtrennend, welches sich auf Booten daselbst frei bewegen oder auf Schutentribünen Platz nehmen konnte. Diese schwimmenden Schuten-Tribünen mit 9000 Sitzplätzen lagen den Uferkaimauern nahe. Es wurden zu diesem Zweck immer zwei mit der Längsseite nebeneinander liegende Schuten durch ein Podium überdeckt und mit den an beiden Enden anstossenden Schutenpaaren fest, verbunden. Auf dem Fussboden wurden Sitzbänke amphitheatralisch errichtet, aber nirgends höher als die Uferstrassen, sodass das Strassenpubhikum durch die gefüllten Schutentribünen nirgends am freien Anblick der Wasserfläche und der Insel gehindert war,

Die für 1000 Sänger bestimmte Tribüne mit einem Flächeninhalt von rd. 500 qm erhielt ihren Platz im Innenbezirk am Alsterdamm, dem Alsterthor gegenüber, wo der Kaiser nach Schluss des Festes landete, um mit seinen erlauchten Begleitern noch am Abend die Elbfahrt nach Brunsbüttel zu beginnen.

Unterkonstruktion

Die Insel ist nicht auf Flössen oder Schiffen, sondern auf 723 Rammpfählen von 26 – 30 cm Durchmesser, welche 3 m von einander entfernt standen, gegründet worden. Diese Pfähle waren. wie alles Holzwerk der Insel, mit der Verpflichtung der Lieferanten zur Zurücknahme nach dem Gebrauch angeschafft worden. Sie brauchten, wie beistehende Abbildung zeigt, nur etwa 3 m in den Grund gerammt zu werden, sodass die Dampframmen das gesammte Pfahlnetz, welches in dem mitgetheilten Lageplan der Insel schwach zu erkennen ist, in 15 Tagen eingerammt hatten, und die Pfahlauszieher beim Abbruch der Insel mit ihren Dampfwinden jeden Pfahl in wenigen Minuten beseitigen konnten. Diese Gründung war sicher und billig und hatte zudem den Vortheil der schnellen Ausführung und der Anpassung an jedes beliebige Höhenrelief der Inseloberfläche. Auch konnten Hohlräume unter dem Inselplateau nach Bedarf leicht ausgebildet und übersichtliche Verbindungswege unter dem ganzen Inselfussboden durch Boote unterhalten werden, was für die Anbringung und Beaufsichtigung der vielen, die ganze Insel durchziehenden Leitungsnetze (Wasser, Abwasser mit eisernen Tanks, Elektrizität usw.) sehr wichtig war. Um den Zimmerleuten (wie später den Felsenbauern und Gärtnern) stets eine Lehre für die richtige Ausbildung der ziemlich bewegten Bodenlage der Insel an die Hand zu geben, wurden Gipsmodelle derselben im Maassstab von etwa 1:80 auf dem Arbeitsplatz vertheilt, an welchen jeder die stehenzulassende Pfahlhöhe für jeden Punkt der Insel leicht abmessen konnte. Auf diese Weise ist das Relief der Insel ohne irgend welches Versehen richtig zur Ausführung gekommen. Auf die Pfahlköpfe wurden 24/24 cm starke, mit eisernen Dübeln verbundene Holme und auf die Holme in Abständen von 1 m kantige Lagerhölzer von 24 cm Höhe und 12 cm Breite gelegt. Ein 7 cm starker Bohlenbelag bildete den eigentlichen Grund und Boden der Insel. Doch wurde derselbe mit einer Art Mörtel, „Inerustat“ genannt, überzogen, auch theilweise begrandet und klippig durchsetzt, sodass seine hölzerne Erscheinung verloren ging.

Die Inselfläche verlief nach der Lombardsbrückenseite zu strandartig ins Wasser und wurde hier ein Tummelplatz der 400 Alsterschwäne, welche, sich bald auf diesem Wunderstrand so heimisch und durch die von ihnen zum grossen Leidwesen der Gärtner maasslos verzehrten Blattpflanzen, Blumen und Schilfstengel des Inselrandes derart gestärkt fühlten, dass sie das Hämmern der Zimmerleute und Felsarbeiter gern ertrugen. ‚Ja, ein Schwanenpaar hat sogar in einer Klippenparthie des Strandes traulich seine Brutzeit abgehalten, wie umstehendes Bildchen zeigt.

An der anderen Seite dieses Strandes verdichteten sich die Klippen zu einem grösseren mit Höhlen durchsetzten Felsblock, dem Träger des altersgrauen, nun, wie so manche seiner Kollegen, zum Leuchtthurm benutzten Wickingerthurms, vor welchem sich am Wasser das grosse Landungsbollwerk für die Haupt-An- und Abfuhr der Gäste ausbreitete, während für den Kaiser an der entgegengesetzten Seite ein Landungssteg in einer Felsenbucht vorgesehen war. Aus der nahezu horizontalen Mittelfläche der Insel, welche mit grünen Anlagen und Blumenparthien geschmückt war, entwickelte sich nach der Leuchtthurmseite hin das Gezelt für die Gäste mit einem Ballustradenplatz (der vorgenannten Piazzetta), nach der Neuenwallseite aber erhoben sich, höher ansteigend, die Felsparthien des Kaiserzelts.

Die Felsparthien der Insel machten einen durchaus vertrauenerweckenden Eindruck. Sie entstanden, indem nach den Kontur-Linien der Modelle zuerst Lattengerippe aufgesetzt und mit Drahtgeflecht eingehüllt wurden, welches letztere sodann mit einer schnell abbindenden Mischung aus gesiebtem Kies, Gips, Kalk, Jutefaser, Leimwasser und Farbe überdeckt wurde. Durch Bespritzen, Bemalen, Bepflanzen mit Moosen und Waldunkraut aller Art wurde schliesslich aus diesem Unfug ein salonfähiges Urgestein, das sogar einen waschechten Norweger aus Bergenfjord getäuscht hat.

Die Insel in der Binnen-Alster für das Kaiserfest im Hamburg am 19. Juni 1895

Das Gerippe des erstgenannten Leuchtthurms war ebenfalls aus Holz konstruirt und hatte 4 Geschosse. Die Wände desselben waren aber nicht nach Art der Felsen, sondern aus Gipsplatten mit Jutegewebe hergestellt, welche an Ort und Stelle in etwa 0,5 qm Grösse gegossen und mittels Schrauben an die Verschalung der Holzkonstruktion befestigt wurden. Die Höhe des Thurmes betrug 23 m über Wasser. Oben fand unter der althamburgischen und hanseatischen Admiralitätsflagge das Leuchtfeuer in Gestalt eines elektrischen Scheinwerfers von 90 Ampere Stärke seine Aufstellung. Aus den altersgrauen Gipsdielen wucherten Birken und Ranken, auch hatte sich ein wilder Schwan auf einer morschen Ecke niedergelassen. Der erkerartige Ausguss der Thürmerwohnung ging in die Dachrinnen eines von Schwalbennestern und Spinnenweb besetzten Fischer- und Leuchtthurm-Wärterhäuschens über, in dem auch für die vielen Schiffer der Insel gesorgt war.

Sehr wohl gelang auch die Bepflanzung der Felsböschungen, Grottenpartien usw. mit Blumen, Sträuchern und Bäumen, welche in unzählige, am Maschenwerk der Felsen eingesetzte Kübel (Margarinefässer) gepflanzt wurden, sowie durch 2 auf dem Mittelplateau angeordnete Beete, von denen das mitten vor dem Kaiserzelt und zugleich in der Axe des Gastzeltes liegende im Durchmesser 15 m haltende besonders erwähnt werden muss. Es stellte einen Kompass dar, welcher der berühmten Elbkarte des Melchior Lörichs a. d. J. 1568 nachgebildet war und über die Lage der Nord- und Ostsee keinen Zweifel lassen konnte.

Die Versorgung der Insel mit Wasser wurde aus dem Filtrationswerk der Stadt-Wasserkunst beschafft. Der Anschluss geschah an die am Alsterdamm liegende Rohrleitung mittels eines etwa 180 m langen, 52 mm lichten, verzinkten eisernen Rohres, welches auf den Grund der Alster versenkt, in dem im 2. Geschoss Leuchtthurmes untergebrachten Speisereservoir endete. Die Toiletten und Klosets die Gäste waren im Erdgeschoss des Thurmes und in dem Anbau desselben untergebracht, während sie für die Bedienung im ersten Geschoss vorgesehen waren, Die Spülwasser wie die Fäkalien wurden in 4 grossen, unter dem Plateau der Insel an dem Pfahlwerk befestigten eisernen Tanks von 4 bezw. 1 cbm Inhalt aufgefangen.

Ansicht der Insel mit dem Blick nach der Lombardsbrücke u. der Aussenalster

Die elektrische Beleuchtung der Insel durch die Hamburger Elektrizitätswerke wurde mittels 6 vom Jungfernstieg aus auf dem Alstergrund versenkten Kabel zugeführt. 5500 Glühlampen, welche besonders die Konturen der zelte, des Thurmes, der Felsen, die Linien des Kompassbeetes und aller anderen Pflanzungen markirten, sowie 8 Bogenlampen in den Anlagen und 2 Scheinwerfer waren für die Beleuchtung vorgesehen. Die Aufhängung der Bogenlampen musste dem romantischen Charakter der Insel angemessen, auf jede moderne Unterstützungsform verzichten.

In der nördlichen Spitze der Insel hing die Bogenlampe an einem Spitzbogen von 2 riesigen Walfischrippen oder Barten, wie sie früher in den Marschen Niedersachsens üblich waren. Die Bogenlampe, welche das Landungs-Bollwerk an der Ostspitze erhellte, wurde von einer vom Thurm weitausragenden Gaffel getragen. In den Anlagen nahmen entlaubte Birken in ihrem krausen Geist die Lampen auf. Zu den beiden Scheinwerfern, welche die Umgebung der Insel oder einzelne Theile derselben scharf beleuchten konnten, gesellte sich ein dritter auf dem am Jungfernstieg belegenen Hotel St. Petersburg, welcher die Insel fast ganz in seinen Schein zusammenfassen konnte.

Genau genommen bestanden die einzigen den Lebensgepflogenheiten des modernen Zeitgenossen angepassten Bestandtheile dieser Robinsoninsel aus den nach vielen Hunderten zählenden Tischen und Stühlen, die allerdings auch zuweilen wieder in den Fels- und Gebüschparthien abenteuerliche Formen angenommen hatten, und in den beiden Zelten, von welchen das grosse Gastzelt 700 qm, das annähernd 10fach kleinere Kaiserzelt 75 qm Grundfläche wettersicher überdeckten.

Das in seinem Binderwerk radial angeordnete, bei offenen Vorhängen nach allen Seiten freien Ausblick gewährende Gastzelt bestand aus 2 geräumigen Seitenabtheilungen, welche sich an einen Mittelbau anlehnten, der im Keller die Vorraths- und Wirthschaftsräume, im Erdgeschoss, um einige Stufen erhöht, das nach 4 Seiten offene Buffet und darüber den Musikpavillon enthielt. Die an das Zelt anschliessende von dem Inseltreiben abgetrennte offene Piazzetta von 500 qm Fläche war abweichend von dem wild-landschaftlichen Charakter der sonstigen Inselparthieen altanartig ausgebildet und gegen Westen von einer Kaimauer mit Steinballustrade begrenzt.

Da kein eigentliches Mittagsmahl auf der Insel eingenommen werden, vielmehr die Bewirthung wesentlich den Charakter einer Abenderfrischung haben sollte, so war es nicht erforderlich, für ausgedehnte Kocheinrichtungen zu sorgen. Die Aufstellung einiger elektrischer Kochapparate im Wirthschaftsraume genügte, um dem Verlangen nach warmen Getränken Rechnung zu tragen.

Ueberhaupt war auch sonst nichts unterlassen, um offenes Feuer von der Insel fernzuhalten und deshalb auch durch die Anbringung einer grösseren Zahl elektrischer Zigarrenanzünder der Gebrauch von Zündhölzern unnöthig zu machen versucht. Um gegen ungünstiges Wetter besser gesichert zu sein, war das Zelt nach allen Seiten mit Zug-Vorhängen ausgerüstet, welche sich im Laufe des Festabends verschiedentlich als recht nützlich erwiesen.

Dem Charakter der Feierlichkeiten angemessen, prangte das Innere und Aeussere des Zeltes, unter Führung der deutschen Flagge, in den Flaggen, Farben und Wappen aller Staaten, untermischt mit einem reichen Pflanzen- und Guirlandenschmuck, und das Innere wurde am Abend durch elektrische mit Blumenschmuck gezierte Kronen und Wandarme glänzend erleuchtet.

Das in seiner Grundkonstruktion wie das grosse Gastzelt aus Holz und Segelleinen hergestellte Kaiserzelt, welches von seinem erhöhten Standpunkte aus nach allen Seiten einen unbehinderten Ueberblick auf das umgebende Stadt- und Landschaftsbild zuliess, war entsprechend seiner Bestimmung, aber ohne Ueberladung, mit schimmernden, gold- und silberdurchwirktem Mull und schweren Brokatstoffen tapeziert. Reiche, doppelte schliessbare Vorhänge gestatteten auch hier bei schlechtem Wetter den Innenraum des Zeltes abzuschliessen. Den Fussboden bedeckten chinesische Matten, indische Teppiche und Felle. Von der Decke herab verbreiteten 2 als Blumenampeln konstruirte Kronen, unterstützt durch an den Zeltständern angebrachte blumgeschmückte Wandarme, ihr elektrisches Licht. Das Mobiliar bestand dem Charakter der Gartenfestlichkeit entsprechend aus farbigem Rohrgestühl und entsprechenden Tischen. Um das Zelt herum liefen mit dem letzteren festverbundene Bänke. Das Aeussere des Zeltes war mit Blumenguirlanden und Aufsätzen sowie mit den deutschen und hamburgischen Flaggen reich geschmückt.

Lageplan

Die Eingänge zierten die Wappen und Standarten des kaiserlichen Hauses, sowie Preussens und Deutschlands. Das Zeltdach war mit einem goldenen Netz, dessen Knotenpunkte Blumenbouquets und Glühlampen zierten, bedeckt. Das Firstgeländer bestand ebenfalls aus Blumenguirlanden und Glühlichtern. Neben dem Zelte flatterte die kaiserliche Standarte, so lange Seine Majestät auf der Insel anwesend war.

Der erhöhte Standpunkt des Kaiserzeltes hatte es ausserdem zugelassen, in den Klippen seiner nächsten Umgebung einige durch Ballustraden gesicherte Aussichtspunkte, von denen einer zur Aufstellung eines kleinen, für die Benutzung der hohen Gäste des Senats bestimmten Scheinwerfers diente, sowie in dem Felsengestein versteckte lauschige Ruheplätze zu schaffen. Ausserdem führten hier zwei in den Klippen versteckte Felsentreppen zu den in diese Inselerhebung eingebauten Boudoiren hinunter, von denen der für die erwarteten Damen bestimmte Raum am Tage sein Licht durch einen mit lebenden Ranken- und Blumen-Gewächsen übersponnenen Felsspalt erhielt, während im übrigen für eine reichliche elektrische Beleuchtung dieser Höhlenbauten gesorgt war.

Zur Seite der von dem Kompassbeete zu dem Kaiserzelt hinaufführenden Treppe führte eine dicke eisenbeschlagene Bohlenthür in den Berg Sesam, in dessen unterirdischen Felsenklüften werthvolle Garderoben und Zigarren aufbewahrt wurden; leider erneuert sich immer wieder die alte Erfahrung, dass der Eingeweihte gar leicht das Zauberwort vergisst, welches solchen Berg zu rechter Zeit aufthut! — In den Gesammtkosten der Insel, welche 165 000 M. betragen haben, waren sämmtliche Ausgaben für die Bauwerke und ihre Ausstattung inbegriffen. Die Verträge mit den Unternehmern und Lieferanten waren, abgesehen von vergänglichem Guirlanden- und Blumenschmuck, derart abgeschlossen, dass die gelieferten Materialien und Ausstattungsstücke, wie dies schon für die Holzlieferung zum Unterbau der Insel vorhin erwähnt ist nach erfolgtem Auftrag zur Räumung und zum Abbruch der Insel und ihrer Einrichtungen ihrerseits wieder entfernt und zurückgenommen werden mussten,

Die Insel ist während der 45 Tage ihres vollen Bestandes von der Sonne wenig beschienen worden, dagegen hat sie starke Stürme und viel Regen über sich ergehen lassen müssen, Aber wenn auch der Flaggen- und Zeltschmuck unter dieser Unbill der Witterung litt und die freiliegenden Metallverbindungen der elektrischen Glühkörper durch die Nässe so stark angegriffen wurden, dass sie fortdauernd ausgebessert und ersetzt werden mussten, so hat dieser nordische Sommer anderseits der Unheimlichkeit ihres Felsenbaues und der Frische ihres Pflanzenwuchses keineswegs Abbruch gethan und es bildete sich sogar die Sage aus, dass auf der Insel ein milderes Klima herrsche, als auf dem umgebenden Festlande, sodass sie fast in den Ruf eines klimatischen Kurortes gekommen wäre.

Zeichnungen

Manche Stimmen wurden für die längere, ja für die dauernde Erhaltung der flüchtigen Erscheinung laut. Aber der Hamburger, welcher Partei er auch angehören möge, ist nun einmal konservativ, und auch der Verfasser, wenngleich er bedauert, dass er nicht, wie bei dem Berge Sesam, die Zauberformel gefunden hat, um ohne Bewilligung neuer Baukosten ab und an ähnliche Eilande aus den Fluthen steigen zu lassen, freut sich doch mit seinen Mitbürgern über die wiedergewonnene altgewohnte freie, von Fahrzeugen aller Art lustig durchschnittene Wasserfläche seiner Binnenalster, und hält mit seinen Mitarbeitern in der Erinnerung an die verflossene Pracht des grossen Fürstenfestes vom 19. Juni 1895 das Bewusstsein um so fester, dass auch er in Hingabe an Kaiser und Reich sein Scherflein für diesen Ehrentag seiner Vaterstadt beitragen durfte.

Dieser Artikel erschien zuerst 1896 in der Deutschen Bauzeitung.