Die Markthalle auf dem Antonplatz in Dresden

Architekt: Stadtbaumeister a. D. Wilhelm Rettig. Seitens der deutschen Fachgenossenschaft haben die ästhetischen Erörterungen, zu welchen der Rettig’sche Entwurf für die Dresdener Dreikönigs-Schule in der dortigen Stadverordneten-Versammlung Veranlassung gegeben hatte und über welche – unter Veröffentlichung dieses Entwurfs – in den No. 37 und 41 u. Bl. berichtet worden ist, so allgemeine Theilnahme gefunden, dass eine Mittheilung auch des zweiten, von Hrn. Rettig im Dresdener Barockstil aufgestellten Entwurfs zur dortigen Markthalle willkommen sein dürfte.

Um so mehr, als einerseits diesem Plane, der z. Z. bereits in voller Ausführung sich befindet, ein freundlicheres Schicksal zutheil geworden ist, und als andererseits das Interesse, das sich an ihn knüpft, keineswegs nur auf seine ästhetische Seite, sondern in ebenso hohem Grade auch auf die Lösung der Aufgabe in Hinsicht ihrer Zweckbestimmung sich bezieht. Die Ersetzung der offenen Märkte Dresdens durch Markthallen ist seit langer Zeit ins Auge gefasst, aber zufolge der Schwierigkeiten, welche hier wie anderwärts aus der leidigen „Platzfrage‘“ sich ergaben, immer aufs neue vertagt worden. Ueberwunden sind jene Schwierigkeiten leider auch heute noch nicht. Man hat angesichts derselben vielmehr auf die ursprüngliche Absicht, sofort die Errichtung einer für den Grosshandel bestimmten Zentral-Markthalle und mehrer, angemessen vertheilter Einzel-Markthallen in Angriff zu nehmen, verzichten und sich mit dem Bau einer einzigen, möglichst gross bemessenen Halle auf einem für diesen Zweck besonders geeigneten, im städtischen Besitz befindlichen Platze begnügen müssen.

Dieser Platz ist der im Westen der Altstadt gelegene, auf seinen Schmalseiten durch die Post und das alte Polytechnikum (jetzt Kunstgewerbe- und Baugewerk-Schule), auf seinen Langseiten durch die Wohnhäuser der Wall- und Marienstrafse begrenzte Antonplatz. Seine Wahl zur Baustelle für eine Markthalle war insofern gleichsam gegeben, als er dem Brennpunkte des städtischen Verkehrs zwar sehr nahe liegt, selbst aber so gut wie verkehrslos war, da er bei Beseitigung der Festungswerke Dresdens von vorn herein nicht für Verkehrs-, sondern ausschliesslich für Marktzwecke angelegt worden ist. Ausser dem bisherigen Markte auf dem Antonplatz sollen auch diejenigen auf den beiden Hauptplätzen der Altstadt, dem Alt- und Neumarkt, eingehen und durch die neue Markthalle ersetzt werden. Es hat diese Absicht, wie schon hier vorausgeschickt werden mag, dazu geführt, letztere mit Galerien zu versehen, obgleich die Erfahrungen, welche man mit der Benutzung eines solchen Galerie-Geschosses in anderen Städten gemacht hat, bekanntlich keine sehr günstigen sind. Denn angesichts des zu erwartenden, auf der gewählten Baustelle in keiner anderen Weise zu befriedigenden Raumbedürfnisses konnten die verhältnissmässig unbedeutenden Mehrkosten, welche die Anordnung eines Galerie-Geschosses erforderte, nicht ins Gewicht fallen – selbst wenn sich später auch hier heraus stellen sollte, dass dasselbe nicht voll verwerthet werden kann.

Lageplan

Durch die Abmessungen des Platzes waren diejenigen des Gebäudes so gut wie gegeben; denn in seiner Längenrichtung durfte dasselbe nicht über die Eckhäuser der begleitenden Strassen vorspringen, während seine Tiefe durch das für die Breite dieser Strassen angenommene Mindestmaass von 10 m bestimmt war. Die Halle hat hiernach in den äussersten Abmessungen 157 m Länge und 29 m Breite erhalten. Der Wunsch, die über die Mitte des Platzes führende, schon der ursprünglichen Anlage angehörige Querverbindung zwischen Webergasse und Marienstraße, auch in Zukunft bestehen zu lassen, hat eine Zweitheilung der Halle und die Anordnung eines kleinen offenen Mittelhofes zur Folge gehabt, während die Anlage von Galerien von selbst zur Wahl einer dreischiffigen basilikalen Querschnitt-Form führte,

Unterer Grundriss – 1:1000

Die allgemeine Anordnung des Gebäudes, die im übrigen aus den mitgetheilten (als unmittelbare Verkleinerungen des Originalplans hergestellten) Abbildungen erhellt, bedarf hiernach nur noch geringer Erläuterungen. Der Zugang zu der Markthalle erfolgt einerseits mittels der 2 hohen, durch beide Geschosse reichenden Vorhallen an den Kopfseiten des Baues, neben denen (in den Eckbauten) die erforderlichen Nebenräume (Restauration, Räume für die Aufsichts-Beamten, Wohnung des Hausmeisters, Aborte usw.) liegen – andererseits durch 2, nur in Erdgeschoss-Höhe gehaltene Vorhallen in der Axe der Langseiten, zwischen welchen der Mittelhof sich befindet. Von jenen führen je 3 breite, neben einander liegende Oeffnungen, von diesen je 2 Thore in die beiden Abtheilungen des Gebäudes; gegenüber den ersten sind 2 Brunnen, in der Nähe der letzten die Waagen angeordnet. Ausser diesen Haupt-Eingängen sind jedoch in der Queraxe jeder Hallen-Abtheilung noch 2, von den Seitenstrassen unmittelbar in die Hallen führende Neben-Eingänge vorgesehen. Das Galerie-Geschoss, in welchem ein Zusammenhang zwischen beiden Gebäudehälften besteht, wird durch je 2 Treppen an den äusseren und je 1 Treppe an der mittleren Kopfseite der Hallen erstiegen, die sämmtlich nur aus dem Inneren der letzteren zugänglich sind. Das ganze Gebäude, einschl. des Hofes und der beiden Kopfbauten, ist unterkellert; die Verbindung des Kellers mit dem Erdgeschoss wird einerseits durch die unter den Galerie-Treppen liegenden Treppen, andererseits durch eine Anzahl von Aufzügen bewirkt. Der nutzbare Kellerraum ist in der Vorlage des Hochbauamts zu rd. 1770 qm, die im Erdgeschoss und auf der Galerie vorhandene nutzbare Standfläche zu rd. 2340 qm berechnet.

Ansicht eines seitlichen Hautpeinganges – 1:333

Was die in Ausführung begriffene Dresdener Markthalle in erster Linie bemerkenswerth macht. ist jedoch nicht ihre Grundriss-Anordnung, so trefflich gelöst und zweckentsprechend letztere auch sein mag, sondern die Gestaltung ihres Aufbaues. Im Gegensatze zu fast allen neueren Markthallen-Anlagen, die im wesentlichen als Glas- und Eisen-Konstruktionen hergestellt zu werden pflegen, wird dieselbe nämlich als ein Massivbau und, mit Ausnahme der laternenartig hochgeführten mittleren Theile des Mittelschiffs, mit gewölbten, auf den Dachflächen mit Erde überschütteten Decken ausgeführt. Und zwar ist diese Bauweise einerseits aus Gründen der Zweckmässigkeit gewählt worden, da eine Markthalle dieser Art gegen den mit dem Wechsel der Witterung eintretenden, für die Erhaltung der Marktwaare nachtheiligen Temperaturwechsel ungleich besser geschützt ist, als ein mit Pappdach versehener Bau aus Glas und Eisen. Dann aber hat auch hierbei die bei Anlage der Leipziger Markthalle gleichfalls maassgebend gewesene Ueberzeugung eine Rolle gespielt, dass ein Bau dieser Bestimmung und Bedeutung nicht als ein gemeiner Nützlichkeitsbau in die Erscheinung treten dürfe, sondern in angemessenen Grenzen als Monumentalbau behandelt werden müsse. Die Mehrkosten, welche sich aus einer solchen Herstellungsweise ergeben haben – ihre anstandslose Bewilligung gereicht der Dresdener Stadtverordneten-Versammlung zur hohen Ehre – sind keineswegs so bedeutend, wie man sich vielleicht zunächst vorstellt. Der Bau der Dresdener Markthalle nach dem Rettig’schen Entwurf ist nämlich zu 1 100 000 M. veranschlagt, was (nach Abzug der auf den Grundstückpreis anzurechnenden Mehrkosten der Fundirung) für 1 qm den Preis von 217,30 M. ergiebt, während die Berliner Zentral-Markthalle rd. 200 M., die neue Leipziger Markthalle rd. 198 M. für 1 qm gekostet haben.

Querschnitt durch die Hallen, 1:333
Querschnitt durch den mittleren Hof, 1:333

Inbetreff der konstruktiven Anordnungen des Gebäudes ist zunächst zu bemerken, dass die ungleichmäßige, zum grösseren Theil schlechte Boden-Beschaffenheit des auf altem, eingeebneten Festungs-Gelände angelegten Antonplatzes Veranlassung gegeben hat, den Bau auf eine durchgehende, 1,50 m starke Betonplatte zu setzen. – Das Kellergeschoss, welches eine Höhe von 2,50 m erhält, wird nicht, wie in den Abbildungen angegeben ist, in 6 m Stützen-Abstand auf eisernen Trägern, sondern – unter Einfügung von Zwischenstützen – mit gewöhnlichen Kreuzgewölben überdeckt; es gehört diese Anordnung (ebenso wie die Ermässigung der Kellerhöhe von 3,00 m auf 2,50 m) zu einer Reihe von Vereinfachungen, durch welche der ursprünglich auf 1 475 000 M. veranschlagte Bauplan auf die oben genannte Anschlagssumme von 1 100 000 M. gebracht worden ist. Die Lüftung des Kellers soll in bisher noch nicht versuchter Weise durch die Hohlräume der im äusseren Grundriss auf 54 cm zu 38 cm angenommenen gusseisernen Stützen bewirkt werden, welche das Mittelschiff des Gebäudes von den Seitenschiffen scheiden; es werden diese Hohlräume einerseits mit dem Keller, andererseits mit hohen, das Hauptgesims des Mittelschiffs überragenden Schloten in Verbindung gesetzt werden, deren einer für jeden Pfeiler bestimmt ist, und die, wie aus den Abbildungen hervor geht, auch in die Erscheinung des Gebäudes ein eigenartiges Moment hinein tragen werden. – Die in L. 6,30 m breiten Seitenschiffe der oberen Markthallen erhalten im Erdgeschoss eine 1. Höhe von 5,00 m, auf der Galerie eine solche von 4,50 m, während das rd. 14,00 m breite Mittelschiff bis zum Fusse der das offene Dach bekrönenden Laterne 16,75 m hoch geplant ist. Auch der Ausbau dieser Halle soll gegen den Entwurf etwas gelindert werden, indem die einfache architektonische Gliederung der Wände nicht, wie die Abbildungen es zeigen, in Werkstein-Arbeit, sondern in weiss gefugtem, rothen Backstein-Mauerwerk ausgeführt werden soll; dementsprechend wird auch der untere Theil der Aussenwände hinter den festen Ständen nicht mit Kacheln, sondern nur mit Ziegeln verblendet werden. Das Eisenwerk des Dachstuhls über dem Mittelschiff soll grün gestrichen werden, während die Unter-Ansicht der auf Lattung auszuführenden Falzziegel-Deckung in ihrer natürlichen, rothen Farbe sichtbar bleibt. Gegen ein Herabfallen beschädigter Ziegel, ebenso gegen ein Herunterfallen von Gegenständen von der Galerie sollen Drahtnetze Sicherheit gewähren. Die Dächer der Seitenschiffe und die gleich hohen Dachflächen der Kopfbauten werden mit einer Holzzemment-Decke und Erdschüttung versehen.

Dass die Erscheinung der mächtigen Innenräume der Markthalle bei der angegebenen Ausführungsweise und den guten Verhältnissen des Baues eine sehr ansprechende sein wird, kann keinem Zweifel unterliegen. Eigenartig, aber sehr bezeichnend dürften namentlich die weiten, dabei jedoch nur niedrigen Flachbogen-Stellungen der Mittelschiff-Wände wirken. Als eine künstlerische Leistung hohen Ranges aber darf auch bei diesem Bau die Gestaltung der in reiner Sandstein-Arbeit auszuführenden Fassaden bezeichnet werden, bei welcher Hr. Rettig wiederum die Dresdener Barockbauten aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zum Vorbilde sich gewählt hat.

Halber Längsschnitt – 1:500

Es liegt diesen Fassaden ein strenges und einfaches, die gebundene Eintheilung des Inneren wiederspiegelndes System zugrunde – ein Wechsel schmaler, schwach vorspringender Wandstreifen, die den inneren Stützen entsprechen, und breiterer Felder, in welche die mit schlichten Umrahmungen und Sohlbänken versehenen Fenster eingeschnitten sind – bekrönt von einem kräftig vorspringenden Hauptgesims und einer hohen, aus Steinpfosten mit schmiedeisernen Zwischengittern gebildeten Attika. Reicherer Schmuck findet sich nur an den Eckbauten und Portalen. Hier werden die Pfosten der Attika, deren Gitterfelder durch durchbrochene Steinbrüstungen ersetzt sind, von Figuren-Gruppen (Putten, die sich mit Marktwaare beschäftigen) bekrönt; unter dem Hauptgesims ist noch ein Triglyphen-Gebälk eingefügt, während die Portale von einer aufwendigeren Architektur (an den Schmalseiten von einer Säulen-, an den Langseiten von einer Hermen-Stellung mit entsprechendem plastischen Schmuck der Schlusssteine und Zwickel-Füllungen) umrahmt sind. Das Brüstungsfeld der Attika über den beiden Haupt-Portalen in den Kopfbauten ist zu einer reicheren, hoch aufragenden Bekrönung derselben ausgestaltet. – Formen und Verhältnisse des Ganzen, das seine Bestimmung aufs glücklichste zum Ausdruck bringt, sind mit sicherer Meisterschaft abgewogen. Es ist ein echter Monumental-Bau, der hier entsteht und es lässt sich hoffen, dass er in der Reihe stattlicher Bauwerke, mit denen Dresden geschmückt ist, seinen Platz auf’s würdigste behaupten wird.

Leider ist es dem Künstler, der ihn entworfen hat, zufolge der bekannten, nicht ganz ohne seine Schuld eingetretenen Entwickelung der Verhältnisse, nicht vergönnt sein Werk selbst zur Ausführung zu bringen. Es war ihm seitens des Raths allerdings noch die Herstellung der Arbeitsrisse und Details übertragen worden, die Leitung des Baues liegt jedoch ausschliesslich in den Händen des städtischen Hochbauamtes. Und wenn auch selbstverständlich nicht der geringste Grund zu einem Zweifel daran vorhanden ist, dass der gegenwärtige Vorsteher dieses Amts den besten Willen hat, sich treu an die vorliegenden Zeichnungen zu halten, so kann es doch nicht ausbleiben, dass die letzteren im Laufe der Ausführung gewisser Ergänzungen und Aenderungen bedürfen und ebenso sind in der Auswahl der Baustoffe, in ihrer technischen Behandlung, in der Entscheidung über die von den Bildhauern und Kunstschmied gelieferten Arbeiten usw. zahlreiche Momente gegeben in denen die individuelle Auffassung des Bauleitenden mit Nothwendigkeit bedeutsamen Einfluss auf die künstlerische Erscheinung des Werkes ausübt. Ob das von einem in der Wolle gefärbten Angehörigen der Nicolai’schen Schule, als welchen wir den Stadtbaurath von Dresden doch wohl betrachten dürfen, immer im Sinne der von Hrn. Rettig gehegten künstlerischen Absichten geschehen wird, gestatten wir uns zu bezweifeln, ohne Jenem dadurch im geringsten zu nahe treten zu wollen. Denn niemand kann über seinen eigenen Schatten springen und es ist eben so wenig für den Gothiker wie für den Renaissance-Archtitekten ein Vorwurf, wenn man diesen für die stilechte Ausführung eines gothischen, jenen für die Ausführung eines Reniaissance-Baues unbedingten Vertrauen entgegenbringt.

Halbe Seitenansicht – 1:500

Wenn wir es demnach der unbefangenen Erwägung der Dresdener städtischen Behörden anheim stellen, ob sie dem Urheber des Entwurfs zu ihrer neuen Markthalle nicht nachträglich noch eine Stimme bei der Entscheidung der während der Bau-Ausführung zu lösenden, die künstlerische Seite des Baues betreffenden Fragen einräumen möchten, so vertreten wir damit weniger die Interessen des Hrn. Rettig, als dem völlig unpersönlichen, lediglich aus aus dem Interesse für die Kunst und für die Schönheit der herrlichen Elbstadt hervor gegangenen Wunsch, dass der Jüngste grosse Monumental-Bau derselben so vollkommen wie nur möglich, Gestalt gewinnen möge. Mag der Mehrheit der Stadtverordneten-Versammlung die stilistische Auffassung des Baues auch weniger zusagen, so hegen wir zu der von ihr bewiesenen Theilnahme für künstlerische Fragen doch das Vertrauen, dass sie – nachdem der Entwurf einmal angenommen ist – für die Erreichung jenes Ziels, gewiss eben so warm eintreten wird, als wäre dieser Plan von einem einheimischen Künstler und im Sinne der bisher herrschenden Ueberlieferungen aufgestellt. Jedenfalls würden die städtischen Behörden Dresdens für die Stärke ihres Kunstsinns und für die Sachlichkeit ihrer Auffassung keinen besseren Beweis liefern können, als durch ein Eingehen auf die von uns ausgesprochene Bitte.

Dieser Artikel erschien zuerst 1891 in der Deutschen Bauzeitung, er war gekennzeichnet mit „-F.-„.