Vereinigte höhere Schulen in Agram

Architekten: Ludwig & Hülssner in Leipzig. Bereits im Jahrg. 1894 u. Bl. haben wir von dem vollen Erfolge berichtet, den die durch ihre Leistungen im Gebiete des Schulhausbaues bekannte Leipziger Architektenfirma Ludwig & Hülssner bei einer von der k. kroat.-slav.-dalm. Landesregierung veranstalteten beschränkten Wettbewerbung um den Entwurf einer grösseren Schulanlage in Agram gegen die mit eingeladenen Wiener, Budapester und Agramer Architekten errungen hatte.

Es wird unsere Leser interessiren, auch das Bauwerk kennen zu lernen, das aufgrund dieses Wettbewerbs entstanden ist und das am 15. Oktober v. J. in Gegenwart S. M. des Kaisers von Oesterreich feierlich eingeweiht wurde.

Agram (kroatisch Zagreb), die z. Z. etwa 40 000 Einwohner zählende Hauptstadt des zu den Ländern der ungarischen Krone gehörigen dreieinigen Königreiches Kroatien, Slavonien und Dalmatien, das inbezug auf Kultus, Unterricht und Justiz autonome Verwaltung besitzt, hatte durch ein Erdbeben am 9. Novbr. 1880 stark gelitten und ist seit dieser Zeit fast neu aufgebaut worden.

Dies ist ein historischer Text, welcher nicht geändert wurde, um seine Authentizität nicht zu gefährden. Bitte beachten Sie, dass z. B. technische, wissenschaftliche oder juristische Aussagen überholt sein können. Farbige Bilder sind i. d. R. Beispielbilder oder nachcolorierte Bilder, welche ursprünglich in schwarz/weiß vorlagen. Bei diesen Bildern kann nicht von einer historisch korrekten Farbechtheit ausgegangen werden. Darüber hinaus gibt der Artikel die Sprache seiner Zeit wieder, unabhängig davon, ob diese heute als politisch oder inhaltlich korrekt eingestuft würde. Lokalgeschichte.de gibt die Texte (zu denen i. d. R. auch die Bildunterschriften gehören) unverändert wieder. Das bedeutet jedoch nicht, dass die darin erklärten Aussagen oder Ausdruckweisen von Lokalgeschichte.de inhaltlich geteilt werden.

Insbesondere die Unterstadt, welche mit der hoch gelegenen, die älteren Monumentalbauten des Orts (Dom, Banus-Palais, Regierungsgebäude usw.) enthaltenden Oberstadt durch eine Drahtseilbahn verbunden ist, hat ein völlig verändertes Aussehen erhalten und ist mit einer grossen Zahl neuer Monumentalbauten (Akademie der Wissenschaften, Nationaltheater, Justizpalast, Universität usw.) geschmückt worden. Zu den letzteren ist nunmehr auch die neue Schulanlage getreten, bei welcher ersichtlich das Bestreben obgewaltet hat, nicht nur einen Bedürfnissbau zu schaffen, sondern zugleich den Zwecken einer monumentalen äusseren Vertretung des Schulwesens gerecht zu werden.

Schnitt durch den Mittelbau

Der anfängliche Plan der Regierung, aufgrund dessen der Wettbewerb veranstaltet worden war, ging dahin, auf dem für den Bau in Aussicht genommenen, an den Universitätsplatz sich anschliessenden und rings von Strassen umgebenen Gelände eine Art Forum herzustellen. In den durch Wandelgänge verbundenen Gebäuden, von welchen dasselbe einzuschliessen war, sollten nicht nur das kgl. Gymnasium, die kgl. Realschule und die k. Handelsakademie Platz finden: es war auch ein besonderes Gebäude für die Turnhalle und die gleichzeitig zur Aufstellung einer archäolog. Sammlung zu benutzende gemeinschaftliche Aula, sowie ein Musikvereins-Gebäude zu entwerfen. Nachdem auf das letztere noch vor Abschluss des Wettbewerbs verzichtet worden war, wurde später der Vorschlag der Architekten angenommen, auch von der Anlage eines Forums, für die das Geläude bei weitem nicht gross genug war, abzusehen und die erforderlichen Anstalten bezw. Räume in einer einheitlichen, wenn auch entsprechend gegliederten und gruppirten Gebäude-Anlage unterzubringen.

Die hiernach getroffene Anordnung, welche aus den auf S. 37 mitgetheilten Abbildungen zu ersehen ist, darf als eine ebenso einfache wie klare bezeichnet werden. Gymnasium, Realschule und Handels-Akademie sind zu einem Gebäude von hufeisenförmigen Grundriss derart vereinigt, dass die den grössten Raumbedarf erfordernde Realschule den Hauptflügel an der Savestrasse einnimmt, während der linke Seitenflügel dem Gymnasium, der rechte der Handels-Akademie zugewiesen ist. An den Mittelbau des Hauptflügels schliessen auch hinten – annähernd im Mittelpunkte der ganzen Anlage – die Skulpturen-Halle und weiterhin die Turnhalle sich an. Letztere ist durch 2 im Korbbogen geschwungene Säulengänge mit den Seitenflügeln in Verbindung gesetzt. Hierdurch sind im Innern 2 durch die Seitengänge nach aussen geöffnete, mit Gartenanlagen geschmückte Schulhöfe entstanden, während der frei gebliebene hintere Theil des Geländes als Turn- und Spielhof dient.

Grundriss vom Erdgeschoss

Auf Einzelheiten der Anordnung einzugehen, hätte an dieser Stelle wohl keinen Zweck. Es mag nur bemerkt werden, lass es gelungen ist, sämmtliche Zeichensäle mit Nordlicht zu versehen, und dass die Korridor-Verbindungen zwischen den einzelnen selbständigen Gebäudetheilen durch entsprechend konstruirte Thüren feuersicher gegen einander abgesperrt werden können. Die reichere Gestaltung der Vorräume und die Anlage zweier Treppenhäuser für den Realschul-Flügel findet seine Rechtfertigung nicht nur in dem grösseren Umfange desselben, sondern auch darin, dass der betreffende, von aussen unmittelbar zur Skulpturen Halle führende Eingang als Haupteingang der gesammten Anlage ausgezeichnet werden musste.

Die architektonische Ausgestaltung des Aufbaues, welcher bei der zur Verfügung gestellten Bausumme von 450 000 bis 500 000 Fl. zur Hauptsache nur im Putzbau erfolgen konnte, ist eine einfache, aber wirkungsvolle. Nur die auf weitere Entfernung sichtbare Hauptfront an der Savestrasse hat eine etwas reichere Architektur mit vorgesetzten Halbsäulen-Stellungen und mit einem sparsamen plastischen Schmuck erhalten. In ähnlicher Schlichtheit, aber durchaus würdig, ist das Innere behandelt.

Vereinigte höhere Schulen in Angram

Mit den Bauarbeiten wurde im August 1894 begonnen. Dass der Bau trotzdem bis zum Oktober 1895 fertig gestellt werden konnte, ist eine um so anerkennenswerthere Leistung, als während desselben noch fortwährend Aenderungen am Entwurfe vorgenommen werden mussten. Die Oberleitung der Ausführung lag in den Händen der Hrn. Ludwig & Hülssner; seitens der Regierung war die Bauaufsicht den Hrn. Oberbrth. G. Augustin, Ing. Panny und Ing. Greiner anvertraut. Die einzelnen Bauarbeiten wurden von folgenden Firmen hergestellt: Erd- und Maurerarbeiten und Isolirung: Kuno Waidmann in Agram; Steinmetzarbeiten: L. Pierotti u. Baumgarten in Agram; Traversen und Eisenkonstruktionen: Karl Greinitz Neffen in Graz; Dachdeckerarbeiten: H. Bauer & Wolf in Agram ; Spenglerarbeiten, Blitzableitung und Wasserleitung: A. Maruzzi; Glaserarbeiten: A. Gnezda in Agram; Bildhauerarbeiten und Gipsstuckatur: L. Löwy und J. Franz in Agram; Dampfniederdruck und Ventilationsanlage: Wilh. Brückner & Co. in Wien und Graz; Keramitböden: Fr. Steyskal in Agram und Eisenparquette: Agramer Parquettenfabrik.

Dieser Artikel erschien zuerst am 18.01.1896 in der Deutsche Bauzeitung.