Was die Mode bringt – Mai 1901

In Paris lädt man neuerdings nicht mehr zum englischen Fünf-Uhr-Thee ein, sondern nach altfranzösischem Muster zu den „petits gateaux“, die von jeher eine Spezialität der Pariser Zuckerbäcker sind.

Die kleinen Kuchen hat’s zwar bisher auch gegeben, der Thee ist vielleicht nicht stärker und die Plauderei der Damen nicht geistvoller geworden – aber der Stil ist ein anderer. Man vermeidet beinah ängstlich den „type anglais“ und fängt nach Frauenart bei der Toilette an. Der von den aristokratischen Ladies in die Mode gebrachte „tea-gown“ gilt jetzt als geradezu geschmack- und taktlos.

Dieses Kleidungsstück war ja in der That auch nichts anderes als ein kostbarer und raffiniert ausgestatteter Morgenrock, den sich die Dame des Hauses auf dem Landsitz wie in der kurzen Londoner „Season“ in der kleinen Erholungspause vor der großen abendlichen Dinertoilette gestattete. Heute empfindet man es als eine Mißachtung seine Gäste, in einem Kostüm zu erscheinen, das besser ins Boudoir als in den Salon paßt. So entstand denn ein neues Genre: elegante Tagesgesellschaftstoilette, die keine künstliche Beleuchtung zur Entfaltung ihrer Pracht beansprucht, die alle Bizarrerien und Phantasien an sich tragen darf, die der vornehmen Abendtoilette versagt sind, und die das Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht.

1. Helle Empfangstoilette mit Ueberwurf aus Seidenmuffelin für Tagesgesellschaften

Abb. 1 zeigt einen solchen Anzug, den man fast ein Gewand nennen möchte, so wenig Anklänge an die allgemein herrschende Mode sind ihm eigen. Es liegt wirklich etwas von dem Charakter vergangener Zeiten in den wallenden, weichen Stoffen und ihrem Faltenwurf; jede Annäherung an die einengende Form sonst üblicher Gesellschaftsroben ist klug umgangen. Das Anmutig Bequeme steht so in erster Linie, daß man wünschen möchte, die Frauenkleiderreform beachtete die hier angeschlagene Note. Der à la baby ausgeschnittenen Blusentaille schließt sich der weite Rock aus blaßblauer Liberty an, den ein hoher Harmonitavolant aus gleichfarbenem Seidenkrepp garniert.

Die Aermel aus dem gleichen Stoff sind reihenweise eingekräuselt und mit Spitzen verziert, die mit der Ausstattung des Ueberwurfs übereinstimmen. Dieser, ein weiter Mantel aus bräunlichem Seidenmusselin, umhüllt je nach Belieben die ganze Gestalt, verschleiert also die für strenge Richterinnen vielleicht zu zwanglose Form des in den Farben sehr harmonisch getönten Anzugs. Eine breite Borte aus gelbgrauen Clunyspitzen mit weißer Valenciennesumrahmung bildet den Besatz, durchflochten von braunroten Ranken aus Seidenchenille, an denen volle gelblichrosa Rosen mit einiger Regelmäßigkeit verteilt sind.

2. Dinnertoilette aus Taffet mit Reliefstickerei

Wie der im Gürtel faltig eingezogene Rock, den unsere deutschen Damen merkwürdigerweise so ungern tragen, immer mehr in Aufnahme kommt, sehen wir in Abb. 2. Der Hauptwert dieser äußerlich schlichten Toilette liegt in dem ganz eigenartigen Stoff. Die naturalistischen Blumen, die wie Aquarelle von Künstlerhand anmuten, sind dem Glanztaffet als Grundmuster eingewebt. Ohne Rücksicht auf diese Zeichnung schlingen sich leichte Zweige mit Blättern und Blüten in stark erhabener Bänchenstickerei, dem Schnitt des weiten und langen Rockes folgend, über den weißüberhauchten, hellgrünen Seidenstoff. Die in den siebziger Jahren so beliebte Schürzentunika ist hier auf unauffällige Weise wieder eingeschmuggelt. Das großzügige Ornament der irischen Guipüre, die noch mehrfach auf dem Kleiderrock in größeren oder kleineren Flächen angebracht ist, macht ihre Wiederkehr doch nicht sympathischer. Die im Rücken feste Taille geht mit breiten, spitzen- und stickereibesetzten Aufschlägen weit vom Hals herab, eine Neuerung, die an einigen Sommermodellen zu bemerken ist und vielleicht die jetzt schier unentbehrliche hohe und festgewickelte Halsbinde ablösen dürfte.

3. Englische Hoftoilette aus weißem Atlas mit langer Courschleppe (Gräfin Tankerville)

Obgleich Hoftoiletten nur in geringem Maß dem Wechsel der Mode unterworfen sind und deshalb eigentlich abseits des gerade herrschenden Geschmacks stehen, möchten wir unsern Leserinnen doch in Abb. 3 eine solche vorführen, nicht zum mindesten der schönen Trägerin wegen, deren zierliche Gestalt fast von der Fülle des Stoffes erdrückt zu werden droht. Goldstickereien und Wolken von weißem Tüll bedecken das weiße Atlaskostüm und die lange Courschleppe; weiße Straußen- und Reiherfedern krönen das diamantengeschmückte Köpfchen, von dem ein langer Tüllschleier, wie ihn die verstorbene Königin von England einführte, herabwallt.

4. Deutsches Reformkleid aus gemustertem Sammet mit kurzem Shawbolero

Um neben den französischen und englischen Toiletten auch die heimische Schneiderkunst nicht zu vergessen, geben wir in Abb. 4 ein deutsches Reformkleid wieder. Die Anhängerinnen des neuen Kurses werden es mit Freuden begrüßen, daß von der so heftig angefeindeten „modernen Linie“ hier nichts zu finden ist. Der nach Art der Empirekostüme in der Taille leicht geschweifte Schulterrock aus gemustertem Sammet erscheint ziemlich faltenlos; nur um der kurz aufliegenden Schleppe einigen Spielraum zu gewähren, mußte für die Rückbahn etwas mehr Stoff verwendet werden. Originell ist jedenfalls der kurze Bolero aus weichem Seidenstoff, der nach Art eines geschlungenen und zusammengeknupften Tuches als Taillengarnitur gelten soll.

Dieser Artikel erschien zuerst am 06.05.1901 in Die Woche, er war gekennzeichnet mit „C. D.“.