Wettbewerb um Pläne für die Bauten der II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung in München 1898

Noch hatten sich nicht die Pforten der in unserer Nachbarstadt Nürnberg veranstalteten Landesausstellung geöffnet, als schon wieder ein neues bayerisches Ausstellungs-Unternehmen in die Bahnen geleitet wurde.

Der „Allgemeine Gewerbeverein München“ setzte es sich zur Aufgabe, im Jahre 1898 eine II. Kraft- und Arbeitsmaschinen-Ausstellung für das Kleingewerbe, verbunden mit einer von der bayer. Gartenbau-Gesellschaft zu veranstaltenden Blumenausstellung ins Leben zu rufen. Dem internationalen Charakter dieser Ausstellung entsprechend, sollten grössere Bauten zur Aufnahme der dem Maschinenfache angehörigen Ausstellungs-Gegenstände, sowie Bauten zu Restaurationszwecken hergestellt werden. Die Stadtgemeinde München hat in entgegenkommender Weise die südlich zwischen der Ludwigsbrücke sich hinziehende sogenannte Kohleninsel als Ausstellungsplatz zur Verfügung gestellt. Das Ausstellungs-Unternehmen plant zur besseren Verbindung der angrenzenden Stadttheile Fussgängerbrücken, welche von der Erhardtstrasse sowohl als von der Entenbachstrasse nach der Kohleninsel führen.

Historischer Text

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Zur Erlangung von Entwürfen zu den baulichen Anlagen erliess das Direktorium der Ausstellung unterm 30. Oktbr. v. J. ein Preisausschreiben an in Bayern wohnende Architekten, über welches selbst und über dessen Austragung S. 580 Jahrg. 1896 und S. 36 d. J. berichtet ist.

Die zugehörigen Abbildungen sind uns durch das dankenswerthe Entgegenkommen des Bayer. Industrie- u. Gewerbe-Bl. zur Verfügung gestellt worden. D. Red.

Ehe wir zur Beurtheilung der aus diesem Preisausschreiben hervorgegangenen einzelnen preisgekrönten und in der engeren Wahl befindlichen Entwürfe schreiten, scheint es am Platze, über die Entwicklung des Ausstellungs-Bauwesens einige Bemerkungen allgemeiner Natur einzuschalten. Wenn man die Ausstellungsbauten, wie sie in den letzten 10 Jahren entstanden und wieder verschwunden sind, sich vor Augen hält, so findet man vorwiegend die Absicht hervortreten, diesen Bauten den Schein von aus massivem Material ausgeführten Palästen oder Hallen zu verleihen, also gewissermaassen dem Publikum rasch, man möchte sagen, über Nacht entstandene Märchenpaläste vorzuzaubern. Auch die jüngst in Nürnberg erstandenen Ausstellungs-Bauten zeigten diesen Charakter. Die Weltausstellung in Chicago ist bekanntlich in dieser Hinsicht wohl am weitesten gegangen; sie hat so zu sagen ein Stück der prächtigsten italienischen Städtebilder in vergänglichem Material mit unglaublicher Schnelligkeit hingestellt. Ein ähnliches Prinzip verfolgten die Bauten der letzten Gewerbe-Ausstellung in Berlin.

Ob es angemessen erscheint, dass Ausstellungsbauten eine so hochgradige Täuschung auf das Auge des Publikums ausüben sollen, diese Frage bestimmt zu beantworten mag dahingestellt bleiben. Fehlerhaft ist eine Auffassung dieser Art wohl nicht zu nennen, sie liegt im Gegentheil sehr nahe, ist dem ausführenden Architekten handgerechter, als jede andere Auffassung und fordert das wenig überlegende Publikum durch den Gegensatz, der zwischen Herstellungszeit und fertiger Erscheinung geboten wird, mit nie versagender Sicherheit zur Bewunderung heraus. Von einem höheren künstlerischen Empfinden zeugt aber gewiss die Absicht, solchen Ausstellungsbauten, deren Dasein für nur wenige Monate bestimmt ist, auch den Charakter dieser vergänglichen Bestimmung aufzuprägen. Ein derartiger Charakter ist offenbar auch den Ausstellungsbauten der I. in Nürnberg stattgehabten bayer. Landesausstellung von Seite des verstorbenen Architekten Gnauth zielbewusst gegeben worden: ein leichtes, zierliches Gebilde, im wesentlichen aus Holz mit wenig ornamentalen Zuthaten in Gips und anderem Formmaterial.

Wenn wir nach dieser Richtung hin die eingelaufenen Entwürfe zu den inrede stehenden Ausstellungsbauten betrachten, so finden wir, dass die Mehrzahl der Verfasser von der Idee ausgegangen ist, ersteren als massive, hallenartige Bauten erscheinen zu lassen; von den prämiirten Entwürfen gehören hierher der der Architekten Rank und Lehmann, der des Bauamtmann Grässel und der des Architekten M. Dosch, ausserhalb der prämiirten der der Hrn. Friedl und Bartcky mit dem Motto „Kraft“ und des Hrn. G. Reichel mit dem Motto „Kraft und Arbeit“ und andere, welche sich nicht genannt haben. Nur wenige suchten den Ausdruck eines leichteren vergänglicheren Bauwerks zur Erscheinung zu bringen, so der allerdings an Nüchternheit nichts zu wünschen übrig lassende Entwurf mit dem Motto „Stucco“ und der Entwurf mit dem Motto „Deutscher Zimmermann“, welche beide den Fachwerkbau zeigen, der für derartige Zwecke indess wenig anspricht. Dagegen hat der Entwurf mit dem Motto „Isola bella“ der Hrn. Arch. Th. Fischer und W. Bertsch die Aufmerksamkeit der Fachleute in hervorragender Weise auf sich gelenkt durch seine dem Zeltbau entlehnte Formgebung. Damit ist einer neuheitlichen Bewegung des modernen Bau- und Kunstgewerbes, welche aus der Wesenheit der Sache heraus einen entsprechenden formalen Ausdruck sucht, gerecht geworden und von diesem Standpunkt aus betrachtet ist die Arbeit als weitaus hervorrarendste Leistung der Konkurrenz zu betrachten.

Zum näheren Verständniss der zu besprechenden Arbeiten sei bemerkt, dass auf der Kohleninsel, dem künftigen Ausstellungsplatz, neben anderen Baulichkeiten untergeordneter Art die ehemalige Isarkaserne, ein langgestrecktes, in der Richtung der Insel von Nord-West nach Süd-Ost verlaufendes Gebäude sich befindet. Diese Kaserne soll, während die übrigen Bauten dem Abbruch verfallen, erhalten bleiben. Dadurch und durch die Bedingung einer von der Ausstellung getrennten Zugänglichkeit war die Hauptlage des Ausstellungsgebäudes gewissermaassen schon festgelegt. Die auf der Kohleninsel vorhandenen Bäume sollten möglichst geschont und die von den Ausstellungsbauten nicht eingenommenen Plätze mit Anlagen und Baumpflanzungen versehen werden. Die Ausstellungsbauten scheiden sich in zwei grosse Gruppen und zwar in die eigentlichen Ausstellungs-Gebäude und in das Restaurations-Gebäude mit seinen Nebenanlagen. Das Hauptausstellungs-Gebäude sollte die alte Isarkaserne möglichst verdecken und eine überbaute Grundfläche von etwa 6000 qm besitzen, sein Haupteingang eine reiche architektonische Ausgestaltung erhalten. Die Zugänge zur Ausstellung, also zunächst der im Zuge der Kohlstrasse über die provisorische Brücke, enthalten vor der Brücke ein Thorgebäude, in welchem die Kassenräume untergebracht sind. Das gleiche gilt von dem aus der Au nach der Kohleninsel über eine Brücke geführten Zugang, während der Zugang vom Muffatwehr durch ein kleines, pavillonartiges Gebäude, in welchem gleichfalls die Kassenräume untergebracht sind, markirt werden soll. Das grosse Restaurations-Gebäude ist auf dem Südwest-Ende der Kohleninsel gedacht und hat einen Konzertsaal von etwa 800 qm Grundfläche mit zugehörigen Nebenzimmern, Wirthschaftsräumen und Aborten zu enthalten. Das Gebäude ist mit Terrassen und Altanen zu umgeben; der Saal erhält im Innern Gallerien und eine Orchesterempore mit den nöthigen Treppenanlagen und Nebenräumen. Als erwünscht wurde ein Aussichtsthurm bezeichnet, auf dem ein elektrischer Scheinwerfer und zu dessen Plattform ein Aufzug eingerichtet werden soll.

Das Gebäude sollte in einer reichen architektonischen Ausgestaltung einen festlichen Anblick gewähren. Die Wahl des Stiles war den Bewerbern überlassen, es war nur gefordert, auf das zu verwendende Material und die Zweckbestimmung der Ausstellung möglichst Rücksicht zu nehmen. Die Ausstellungsbauten sollten in Holzverband hergestellt werden mit gespundeter und gehobelter Bretter- und Dachschalung mit farbiger Leinwanddeckung, sowie rauhen Bretterfussböden.

Im übrigen war der Phantasie der Architekten der weiteste Spielraum gelassen und wie weit dieselbe zutage trat, mögen die beigefügten Abbildungen und die nun folgende Beurtheilung der einzelnen Entwürfe ersehen lassen.

Entwurf von Th. Fischer und W. Bertsch – Lageplan

Der mit einem 1. Preis ausgezeichnete Entwurf „Isola bella” der Arch. Theodor Fischer und Wilhelm Bertsch ist nach seiner allgemeinen künstlerischen Eigenart bereits gewürdigt worden. Auf denselben näher eingehend, ist zunächst hervorzuheben, dass die Architekten sich den Hauptzugang von der Zweibrückenstrasse aus als besonders reizvoll ausgestattet gedacht haben. Von einem sogenannten Verkehrshof, der gebildet wird durch die Kopfansicht des Ausstellungsgebäudes, an welche sich seitlich Brückenportale, welche die nach der Insel zugekehrten Brückenköpfe der beiden Ludwigsbrücken bezeichnen, anschliessen, und die sich wieder mit einem dem Ausstellungsgebäude gegenüber gestellten reichen architektonischen Abschluss verbinden, der die unschön wirkenden provisorischen Hütten an der Nordseite der sogen. Kalkinsel verdecken soll, gelangt der Besucher durch die Bogenöffnungen des vorgeschobenen Empfangsbaues in einen sogen. Ehrenhof, geeignet zum Empfang hoher Persönlichkeiten, hinter dessen umschliessenden Hallen die im Programm verlangten, in der Nähe des Eingangs nöthigen Räume liegen.

Entwurf von Th. Fischer und W. Bertsch. Ein I. Preis. Seiten-Ansicht des Hauptgebäudes
Entwurf von Th. Fischer und W. Bertsch. Ein I. Preis. Vorhof (Verkehrshof) in der Zweibrücken-Strasse

Diesen Ehrenhof durchschreitend, trifft der Besucher auf die durch ein weites Portal geöffnete, in grossen Formen gehaltene, auf nahezu quadratischer Grundform errichtete Ausstellungshalle mit Oberlicht, welche durch ihre mächtigen Abmessungen imstande ist, die unschöne Stirnseite des dahinterliegenden Kasernengebäudes fast völlig zu verdecken. Seitlich an den quadratischen Hallenbau anschliessend, setzt sich, parallel mit dem Kaserngebäude verlaufend, die Langhalle an. Diese Langhalle ist ihrerseits wieder in der Mitte durch einen eingeschobenen Hof, an welchen die Gallerietreppen und 2 Oberlichträume sich anschliessen, angenehm unterbrochen. Während die vordere Oberlicht-Halle seitlich angeordnete Gallerien besitzt, ist für die Längshalle, jedoch mit weniger Glück, eine Mittelgallerie vorgeschlagen, unter welcher sich das Publikum bewegen soll, während links und rechts vom Galleriebau die Ausstellungs-Gegenstände ausgebreitet liegen. Solche Mittelgallerien sind wohl mehr am Platze für Gemälde- Ausstellungen, für welche der Standpunkt des Publikums im Schattenprisma immer einen guten Gegensatz zur grell beleuchteten Wand bildet, nicht aber für eine Ausstellung der geplanten Art. Maschinen nehmen sich wohl besser in einer hohen, weiträumigen Halle aus. Die Langhalle findet ihr Ende vor den Einmündungen der ungefähr in einer Flucht liegenden beiden Fussgänger-Brücken zu der Insel.

Entwurf von Th. Fischer und W. Bertsch. Front des Hauptgebäudes an der Zweibrücken-Strasse. Ansicht im Ehrenhofe
Entwurf von Th. Fischer und W. Bertsch. Front des Hauptgebäudes an der Zweibrücken-Strasse. Ansicht an der Strasse

Diese Fussgänger-Brücken sind als zum Theil überdachte provisorische Holzbrücken reizvoll durchgebildet. In der Flucht dieser Brückenbauten verläuft eine die Langhalle abschliessende Wandelbahn, aus der das Dachprofil der Längshalle, ein Aussichtsthurm und die Musiknische herrschend heraustreten. Vor der so quer durch die Insel sich hinziehenden Gebäudewand breitet sich eine hübsche Anlage in Teppichgärtnerei aus. Hinter dieser durch die vorhandenen Baumreihen bestimmten regelmässigen Gartenanlage erhebt sich das als Rotunde gedachte Restaurations-Gebäude mit seinen Ausbauten und zahlreich vorgesehenen Terrassen.

Gegen das westliche Ufer zu ist eine englische Anlage in Aussicht genommen, in welcher zwanglos Einzelpavillons zu Ausstellungszwecken aufgestellt werden können. Den südlichen Abschluss des Festplatzes bildet im Verein mit dem Restaurations-Gebäude der Schuppen zur Aufbewahrung der Kisten, welcher seiner Lage nach eine bessere Ausstattung zu erhalten und der ausser seiner Bestimmung zur Aufnahme von Emballagen auch noch den Zweck hat, die kühlen Winde vom Gebirge her den Besuchern der Restauration abzuhalten. Das Ganze ist in einem grossen Maasstab gedacht, d. h. es sind nirgends zu kleine Verhältnisse in der Gestaltung der Massen gewählt. Die lapidare Form des würfelförmigen Hallengebäudes mit seiner originellen Bekrönung, das Restaurations-Gebäude mit seiner einfachen Rotundenform, der schlichte Aussichtsthurm, alles in lichter, dem Zeltbau entnommener farbiger Wirkung, geben Zeugniss von einer gereiften Anschauung über die Wahl der Mittel, um derartigen vorübergehenden Erscheinungen eine Wirkung zu sichern, ebenso von einem zielbewussten Genügen an den allernothwendigsten Dekorationsmitteln unter Vermeidung alles überflüssigen Beiwerks.

Im Gegensatz zu dieser Eigenschaft zeigt der gleichfalls mit einem 1. Preis ausgezeichnete Entwurf „Pferdekräfte“ der Hrn. Arch. Rank und Lehmann ein sichtliches Gefallen an reichem architektonischen Detail und an einer Vielgliedrigkeit, die befürchten lässt, dass das Ganze in der Ausführung nicht die sicher beabsichtigte grossartige Wirkung haben würde. Der Entwurf gelangte in einer Anzahl höchst gewandt in Federmanier gezeichneter Blätter zur Darstellung. Hinter einem niedrigen huteisenförmigen Vorbau, der wie im vorgenannten Entwurf die Kasse und die übrigen beim Eingang nöthigen Räume enthält, erhebt sich in der Mitte ein stumpfer, pylonartiger Thurm, an den zur Linken und Rechten je ein Hallenbau mit Giebeln, gegen die Schauseite gekehrt, in reicher architektonischer Gliederung sich anschliesst. Der linke Giebel soll die Stirnseite der alten Isarkaserne verdecken, während der rechte sich als lange Ausstellungshalle parallel mit dem Kasernengebäude bis an die Einmündung der Fussgängerbrücke im Zuge der Kohlstrasse fortsetzt. Diese Langhalle ist gegen die Erhardtstrasse in ziemlich reicher Architektur gegliedert und durch einen vorspringenden Mittelbau auszeichnet. An das südöstliche Ende derselben legt sich eine Querhalle, an welche wieder in der Längsrichtung eine allenfallsige Erweiterung sich anschliessen kann. Dieser Erweiterungsbau bedingt eine Verschiebung der von der Au herüberführenden Fussgängerbrücke mehr nach Süden. An den gegen die Insel zugekehrten Brückenkopf dieser Brücke lehnt sich dann südlich das Restaurationsgebäude an und weiter südlich und allmählich nach Südwest umbiegend die zur Restauration gehörigen Hallenbauten mit Aussichtsthurm, sowie das Kistenlager. Die Anlagen, welche sich an der Nordwestseite der Insel hinziehen, zeigen eine viel zu weitgehende Zerschneidung durch Wege, die wohl in der besten Absicht, nach allen Richtungen hin den Fussgängerverkehr auf denselben zu erschliessen, so gestaltet worden sein mögen.

Entwurf von Fr. Rank und F. Lehmann. Ein I. Preis

Der Musikpavillon erhebt sich am Rande dieser Anlagen und ist den Restaurationsbauten zugekehrt. Eine flott gezeichnete Perspektive zeigt die Gruppirung dieser Bauten von der Erhardtstrasse aus gesehen (s. oben). Der an dieser Strasse im Vordergrund stehende Brückenkopf ist besonders hübsch ausgebildet. Die einzelnen Bauten tragen alle die Erscheinung massiver Bauwerke mit reizvollen Einzelheiten. Das Ausstellungs-Gebäude verleugnet seinen hallenartigen Charakter nicht. Bei allem Reiz der einzelnen Bauten aber, die Zeugniss geben von einem vielversprechenden Talente mit reicher, ja übersprudelnder Phantasie, leidet das Ganze, wie schon gesagt, an einem zu kleinen Maasstab und an einer Vielheit der Gliederung. Ein Vergleich der Lösung des Kopfes der Ausstellungshallen gegen die Zweibrückenstrasse mit dem im Entwurf Fischer-Bertsch ergiebt auf den ersten Blick den Beweis für die Richtigkeit dieser Behauptung. Was bei Fischer-Bertsch ein einfacher Würfel, ist bei Rank-Lehmann eine Dreigliederung, ein pylonartiger Thurm mit 2 Giebeln zurseite, und diese selbst in einer sehr weitgehenden Flächengliederung. Trotz dieser Schwäche des Rank-Lehmann’schen Entwurfes muss nochmals hervorgehoben werden, dass die aus demselben hervorgehende liebenswürdige Phantasie ungemein anzieht und für die Verfasser nur höchst ehrenvoll ist.

Der mit dem zweiten Preis bedachte Entwurf des städt. Bauamtmannes Hans Grässel ist offenbar ein Ergebniss des Eindruckes, den die vorjährigen Nürnberger Ausstellungsbauten auf den Architekten hervorgebracht haben mögen. Hier wie dort will der Eindruck eines barocken, massiven Prachtbaues in landschaftlicher Umgebung, verbunden mit reichen, die Lustwandelnden einladenden Säulenhallen, geweckt werden. Die Formen des Barockstils sind mit grosser Meisterschaft bewältigt. Der in Anwendung gekommene Maasstab ist glücklicher, als beim Entwurf Rank-Lehmann. Der Vortrag der Massen ist einfach und klar.

Entwurf von H. Grässel. II. Preis

Eine mächtige Kuppelhalle bezeichnet den Eingang zur Ausstellung an der Zweibrückenstrasse. Daran schliesst sich parallel mit der Kaserne die etwas zu schmal angenommene, aber doch erweiterungsfähige Langhalle; die Mitte und das Ende derselben werden durch erhöhte Aufbauten bezeichnet. Die Fussgängerbrücke im Zuge der Kohlstrasse setzt sich als Wandelgang bis zum Anschluss an den Endpavillon der Langhalle fort. Abweichend von den bisher besprochenen beiden Entwürfen bringt Grässel das Restaurations-Gebäude in unmittelbaren Anschluss an das Ausstellungs-Gebäude und zwar etwas gegen Südosten zurückgerückt. Er stellt den Aussichtsthurm mit Glück in die sich dadurch bildende einspringende Ecke. Südöstlich vom Restaurations-Gebäude, ähnlich wie beim Entwurf Rank-Lehmann, mündet die von der Au herüberführende Fussgängerbrücke in den Festplatz ein, und südlich daran reiht sich eine nach Süden und Südwest abbiegende, offene, den Blick auf das Gebirge gewährende Kolonnade, so den Festplatz nach drei Seiten einschliessend. Gegen Südwest ist der Festplatz offen und wird an der Südwestseite gegen die Erhardtstrasse zu von Anlagen umsäumt. Die Wahl des Platzes für die Anlage ist vom gartentechnischen Standpunkte aus als die glücklichste bezeichnet worden.

Der Vorzug des mit dem dritten Preise ausgezeichneten Entwurfes des Hrn. Arch. Michael Dosch liegt vorwiegend in der weitgehendsten Ausnützung des verfügbaren Geländes zugunsten der Gewinnung eines möglichst grossen Festplatzes vor dem Restaurations-Gebäude, weiter in der Erhaltung einer ununterbrochenen Promenade, möglichst dicht am rechtseitigen Isararm, welcher für Gondelfahrten inaussicht genommen ist, dann in dem Versuch, die alte Isarkaserne durch einen äusseren Aufputz mit in das Bild der Ausstellungsbauten hinein zu beziehen. Wenn dies aber auf Kosten des vor der Kaserne stark entwickelten Baumwuchses geschehen soll, wie der Plan annehmen lässt, so wäre dies doch wohl zu theuer erkauft.

Entwurf von M. Dosch. III. Preis

Das eigentliche Ausstellungs-Gebäude zeigt eine Massengliederung ähnlich der des Grässel’schen Entwurfs. Auch hier ist der Eingang an der Zweibrückenstrasse durch einen Kuppelbau bezeichnet. Bei Dosch ist aber dieser Kuppelbau, sowie der Architektur-Maasstab überhaupt, namentlich im Hinblick auf den gewählten Monumental-Stil, für den man sonst immer grössere Verhältnisse gewohnt ist, wohl etwas zu klein gerathen. Die Fussgänger-Brücken liegen ähnlich wie beim Entwurf Fischer-Bertsch. Das Restaurations-Gebäude mit Thurm und weit ausgedehnten Wandelhallen ist möglichst an die Südwest-Spitze der Insel geschoben. Der Festplatz selbst theilt sich bestimmt in eine Baumpflanzung für den Wirthschaftsbetrieb und in einen Ziergarten. Gegen die Erhardtstrasse zu schliesst Dosch den Festplatz durch eine mauerartige Einfriedigung ab, hinter welcher versteckt das Kistenlager mit Kistenschuppen untergebracht ist.

Der in der engsten Wahl befindliche Entwurf mit dem Motto „Kraft“ von Friedel & Bartcky zeichnet sich durch eine architektonische Hofanlage aus, die dadurch bewirkt wird, dass das Ausstellungs- und Restaurations-Gebäude mit einem halbkreisförmig zurücktretenden Hallenbau, dessen Mitte der Aussichtsthurm einnimmt und der zugleich auf die Axe der von der Au kommenden Brücke gestellt ist, verbunden erscheint. Die Pläne sind farbig gut ausgestattet und zeigen manche geschmackvolle Einzelheiten; weniger günstig wirkt die etwas zu plump gewählte Eingangskuppel. – Im Entwurf mit dem Motto „600 000“ hat das Restaurations-Gebäude eine sehr glückliche Gestaltung erhalten, vielleicht eine der anziehendsten der ganzen Konkurrenz, gegen welche aber die Gestaltung des Ausstellungs-Hallenbaues merkwürdig stark abfällt. – Der Plan „Kraft und Arbeit“ von Hrn. Arch. Reichel macht den Eindruck einer ziemlich oft schon zur Anwendung gekommenen Ausstellungs-Architektur. Die vielen Flankenthürme wirken zu dünn und uncharakteristisch; man empfindet den Mangel einer von der Hallenform abweichenden Dominante an passender Stelle. Leider sind die im Maasstab 1:200 gezeichneten Fassadenblätter nur bruchstückweise durchgeführt, wodurch die Beurtheilung der ganzen Arbeit sehr erschwert ist. Die Perspektive aus der Vogelschau ist im Maasstab zu klein, das zu ersetzen, was die unvollständige Ausführung der Fassaden nicht giebt. Etwas befremdlich ist der Gedanke eines sarkophagartigen Aufbaues über der niederen Eingangshalle.

Die programmgemäss geforderten Kostenanschläge hielten sich bei sämmtlichen Arbeiten in den Grenzen zwischen 400 000 M. und 500 000 M.; nur der Entwurf „600 000“ zeigte in seiner Motto schon an, dass er eine weit über die 500 000 M. hinüber greifende Summe für nöthig hält, obwohl die Ausgestaltung im Vergleich mit den übrigen Plänen nicht auf eine so auffallend höhere Kostensumme schliessen lässt.

Nun noch ein Wort über den Arbeitsaufwand der Architekten zu dieser Konkurrenzarbeit. Obwohl im Programm sehr entgegenkommend Bleistiftskizzen zugelassen waren, haben doch eine An zahl Architekten es für nothwendig gefunden, mit der Ausstattung ihrer Konkurrenzpläne sehr weit zu gehen, ein Arbeitsaufwand der eigentlich zu dem gesteckten Ziel nicht im Verhältniss und höchstens dazu dient, das Publikum über den wirklichen Werth einer Arbeit hinwegzutäuschen. Dass die Preisrichter sich durch äussere Ausstattung nicht haben beeinflussen lassen, hat der Entscheid derselben in dieser Konkurrenz bewiesen, der zu Gunsten eines mit sehr bescheidenen Mitteln hergestellten Entwurfes, des Entwurfes Fischer-Bertsch, ausfiel. –

Was den weiteren Verlauf der Angelegenheit betrifft, die Uebertragung der Ausführung an einen Architekten, so hat bekanntlich das Ausstellungs-Unternehmen sich nicht an die Verfertiger der prämiirten Pläne gebunden. In jüngster Zeit ist die Angelegenheit so weit gediehen, das Hr. Arch. Michael Dosch, der den dritten Preis im Wettbewerb erhalten, von der Ausstellungsleitung mit Herstellung eines neuen Entwurfs beauftragt worden ist, in welchem das Ergebniss der Konkurrenz und verschiedene bei den Berathungen seither zu Tage getretene Gesichtspunkte Verwerthung finden sollen. Es besteht die Hoffnung, dass der künstlerische Theil der Aufgabe nach dem Fischer-Bertsch’schen Vorschlag wenistens annähernd zur Ausführung gelangen wird, denn die Ausstellungsleitung hat Fischer in den Bauausschuss in der Absicht kooptirt, dessen hochgeschätzte künstlerische Kraft nach dieser Richtung hin zu verwerthen. Von einer unmittelbaren Uebertragung der künstlerischen Leitung der Ausstellungsbauten an Fischer und Bertsch musste in Hinblick auf deren Stellung als städtische Beamte abgesehen werden. –

Dieser Artikel erschien zuerst am 06. & 13.03.1897 in der Deutsche Bauzeitung, er war gekennzeichnet mit „X.“.