Der Entwurf für das Denkmal der Königin Victoria von England in London

Denkmal der Königin Victoria von England in London. Architekt Aston Webb in London

Architekt: Aston Webb; – Bildhauer: Thomas Brock.
Man kann die Frage erörtern, ob Thomas Carlyle sein berühmtes Werk über Helden, Heldenverehrung und Heldenthum in der Geschichte („On heroes, heroworship and the heroic in history“), welches in der Mitte des vorigen Jahrhunderts erschien, so geschrieben haben würde, wie es geschrieben ist, wenn die Entwicklung der englischen Denkmalkunst ein reicheres, vielgestaltigeres Bild zeigte, als es thatsächlich der Fall ist. Und man kann auch die weitere Frage aufwerfen, ob der ungewöhnliche buchhändlerische Erfolg des Werkes eingetreten wäre, wenn die Denkmalkunst des Inselreiches eine so fruchtbare gewesen wäre, wie z. B. die auf französischem Boden.

Dieser Erfolg ist ohne Zweifel auf die gleichen Grundzüge zurückzuführen wie der Umstand, dass in der Litteratur keines Volkes die Biographie und die Memoire einen so breiten Raum einnimmt, wie in der englischen. Es will daher scheinen, als ob in der geistigen Kultur Grossbritanniens merkwürdige Gegensätze sich finden, die auch durch ihre beiden vornehmsten Vertreter zum Ausdruck gebracht werden. Betrachtet man die Entwicklung der englischen Denkmalkunst, wie sie in Wirklichkeit im Laufe langer Jahrhunderte stattgefunden hat, so könnte man bei ihrem augenfälligen Zurücktreten gegen ihre Blüthe in anderen Ländern zu der Ansicht kommen, dass der Grundzug des englischen Wesens ein realistischer, ein an die nackte historische Begebenheit, an die nüchterne volkswirthschaftliche Entwicklung sich haltender sei, ohne politischen Idealismus, ohne den idealistischen Einfluss von Wissenschaft und Kunst. Man würde an die Auffassung des grossen Landsmannes von Carlyle, von Henry Thomas Buckle erinnert, welcher die Weltgeschichte als eine Entwicklung betrachtet, die aus sich selbst heraus, aus der zwingenden Nothwendigkeit der Umstände, keineswegs aber durch das Eingreifen einer grossen Persönlichkeit erfolgt. Welcher Gegensatz aber zu Carlyle, der für das unbedingte Recht des Genius eintritt, die Welt nach seinen Gedanken zu gestalten, ihr seine Charakterzüge aufzuprägen.

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Es will scheinen, als ob etwas von diesem Zwiespalt der Anschauungen zum Ausdruck käme bei dem Denkmal, für welches soeben die Vorarbeiten, die ersten Entwürfe zum Abschluss gekommen sind, bei dem Denkmal für die Königin Victoria für London. Sie war offenbar keine Persönlichkeit, welche in die Weltereignisse umgestaltend eingegriffen hat. Die blühende Entwicklung von Grossbritannien auf den Inseln und jenseits der Meere ergab sich aus der Thatkraft der eigenen Bevölkerung und den zwingenden Verhältnissen des Festlandes. Sie war eine Blüthe im Sinne Buckles. Aus der Versenkung in die Geschichte dieser Blüthe aber ergab sich in Göthe’schem Sinne ein Enthusiasmus, der auf die Trägerin der Krone zurückstrahlte und aus ihr eine Heldengestalt, wie sie Carlyle nur wünschen konnte, schuf. So ist das Denkmal ein Ausdruck der Synthese aus den Weltanschauungen von Buckle und Carlyle, aus objektiver National-Geschichte und subjektiver Heldenverehrung.

Denkmal der Königin Victoria von England in London. Architekt Aston Webb in London
Denkmal der Königin Victoria von England in London. Architekt Aston Webb in London

Nach einer 64-jährigen Regierung vollendete die Königin im Januar d. J. ihr Leben im 82. Jahre. Als neunzehnjährige Jungfrau bestieg sie den Thron der George. An ihrem langen Leben zog eine Welt von Wandlungen der Völkergeschichte, ein Heer von grossen Gestalten der Geschichte vorüber. Sie eröffnete das victorianische Zeitalter, eine parlamentarische Heroenzeit mit Namen von: hohem Glanze wie Peel, Palmerston, Russell, Gladstone, Disraeli, Cobden, Bright u. a.; ein Zeitalter, das reich war an führenden Geistern wie Darwin, Stuart Mill, Herbert Spencer, Carlyle und Macaulay; eine Glanzzeit der reichsten materiellen und wirthschaftlichen Kultur, der Naturforschung und der Technik, der Handelsfreiheit und des Associationswesens. Das Zeitalter sah die freie Kirche im freien Staat, es hatte die freie Schule, freies Land, freie Arbeit; es that mit seinen freiheitlichen Institutionen, mit seinen Erfindungen, mit seiner Weltwirthschaft vorbildliche Arbeit, sodass England sich mit gerechtem Stolze im Spiegel des victorianischen Zeitalters an seinem eigenen Bilde berauschen konnte.

Denkmal der Königin Victoria von England in London. Architekt Aston Webb in London
Denkmal der Königin Victoria von England in London. Architekt Aston Webb in London

Aus dem Vorstehenden erhellt, dass ein Denkmal für die Königin Victoria nicht allein ein persönliches Denkmal sein kann, sondern dass es ein Denkmal des victorianischen Zeitalters sein muss. Diese grössere, umfassendere Bedeutung des Denkmals muss in seiner Gestaltung enthalten sein. und um diese Bedeutung zum Ausdruck zu bringen, konnte die Mitwirkung der Baukunst nicht wohl entbehrt werden. Diese Mitwirkung war schon von dem zur Förderung der Angelegenheit eingesetzten Denkmalausschusse in Aussicht genommen, wenn er es als sein Ziel bezeichnete, ein Denkmal zu schaffen, das zugleich einen persönlichen und „monumentalen“ Charakter tragen solle.

Erster Vorschlag des Builder
Erster Vorschlag des Builder
Zur Ausführung gewählter Entwurf des Architekten Aston Webb in London
Zur Ausführung gewählter Entwurf des Architekten Aston Webb in London
Zweiter Vorschlag des Builder
Zweiter Vorschlag des Builder

Für die Errichtung des Denkmals waren bei den Vorberathungen drei Stellen in dem Theile Londons in Aussicht genommen, welcher als der Mittelpunkt des nationalen Lebens des Inselreiches betrachtet werden kann: die Umgebungen des Parlamentshauses und der Westminster-Abtei, oder eine Stelle vor dem Buckingham-Palast. Seit längerer Zeit schon machen sich in London Bestrebungen geltend, die stattliche Uferstrasse zwischen der Eisenbahnbrücke von Charing Cross und der Westminster-Brücke, das Victoria-Embankment, welches vor dem Parlamentshause endigt, an diesem vorbei und nach Süden weiter zu führen. Dazu wäre es nöthig gewesen, die Häuser zwischen Millbank-Street und Themse niederzulegen und es hätte sich so die Möglichkeit einer stattlichen Platzanlage südlich des Parlamentshauses ergeben. Diese Platzanlage, mit dem Parlamentshause als architektonischem Hintergrund, war der eine der in Aussicht genommenen Denkmalplätze.

Bei der Einbeziehung der Westminster-Abtei in den Denkmal-Gedanken handelte es sich in erster Linie um die weitere Verfolgung einer Anregung, die in den letzten Jahrzehnten mehrfach die Oeffentlichkeit beschäftigt hat: um die Errichtung einer neuen Kapelle im Anschluss an Westminster, eines Bauwerkes mit der doppelten Bestimmung, einer Denkmal-Statue der Königin als Aufstellungsort zu dienen und die engen räumlichen Verhältnisse der berühmten Westminster-Abtei, der Stätte des englischen Nationalruhmes, zu verbessern. Das 50jährige Regierungs-Jubiläum der Königin im Jahre 1887 war Veranlassung, dass von den Architekten Sir G. Gilbert Scott, in Deutschland besonders bekannt durch seinen gothischen Konkurrenzentwurf zum deutschen Reichstagshause, und J. C. Pearson, dem jüngst verstorbenen hervorragenden Vertreter der englischen neugothischen Kirchenbaukunst, Entwürfe für eine solche Kapelle angefertigt wurden. Indessen, der Gedanke wurde immer wieder verlassen und er fand auch, als er bei dem jüngsten Anlass wieder auftauchte, keinen fruchtbareren Boden. Nach einer eingehenden Ortsbesichtigung, an welcher König Eduard VII. theilnahm, entschied man sich vielmehr für die Aufstellung des Denkmals vor dem Buckingham-Palast, dem Wohnsitze der Königin.

Buckingham-Palace liegt am westlichen Ende von St. James-Park, einer der schönsten Parkanlagen Londons, der unter Karl II. durch Le Nötre angelegt wurde, aber seine heutige Gestalt unter Georg IV. durch den Architekten Nash erhielt. Dieser Architekt war es auch, der das von dem Herzog von Buckingham erbaute Buckingham-House unter Georg IV. 1825 umbaute, das 1837 von der Königin Victoria bezogen wurde und seitdem ihren ständigen Wohnsitz bildete In der Axe des Palastes zieht sich nach Nordost eine breite Baumallee, The Mall, hin, welche nach dem Trafalgar-Platz und nach der Richtung des Strand durch Häusergruppen einen vorzeitigen Abschluss findet. Der Denkmalgedanke für diese Stelle war nun der folgende: Es wurde seitens des Denkmal-Ausschusses der Bildhauer Thomas Brock beauftragt, ein würdiges Denkmal der Königin zu entwerfen, welches den Mittelpunkt einer architektonischen Anlage bilden sollte. Nach dem Brock’schen Entwurfe erhält die in einer Nische sitzende Figur der Königin doppelte Lebensgrösse; sie wendet das Antlitz der „Mall“ zu. An der Rückseite findet sich eine allegorische Figur der „Mütterlichkeit“, rechts und links der Porträtstatue lagern die Figuren der „Wahrheit“ und der „Gerechtigkeit“. Die in sich geschlossene Gruppe wird durch eine Victoria bekrönt; zu ihren Füssen in finden sich der „Muth“ und die „Beständigkeit“. Sie steht auf einem mehrfachen Stufenunterbau und ruht mit diesem auf einer Plattform, die vorne und rückwärts durch Stufen in die Geländefläche übergeht, seitlich aber durch eine Ballustrade mit Kriegerfiguren begrenzt wird. An diese Ballustrade schliessen sich segmentförmige Wasserbecken an. Die Gesammthöhe des Denkmals wird mit rd. 21m, die grösste Breitenausdehnung mit rd. 50 m, die Ausdehnung nach der Tiefe mit etwa 42 m angegeben.

Entwurf des Thores bei Spring Gardens von Ernest George
Entwurf des Thores bei Spring Gardens von Ernest George
Entwurf des Thores am Ostende der Mall von Roward Anderson
Entwurf des Thores am Ostende der Mall von Roward Anderson

Für dieses Denkmal nun galt es, eine architektonische Umgebung zu schaffen, welche nicht allein aus dem Buckingham-Palast, der Denkmalgruppe und der mit beiden in Verbindung gebrachten architektonischen Anordnungen eine künstlerische Einheit bilden sollte, sondern von welcher man gleichzeitig „an architectural re-arrangement of the Mall with groups of sculpture at intervals, the whole forming a processional road“, erwartete. Mit anderen Worten: Man gedenkt nicht nur eine grossartige englische Siegesallee zu schaffen, sondern man lässt auch die Absicht erkennen, die neugeschaffene Denkmalstrasse mit dem Trafalgar-Platz, mit Charing-Cross und mit dem Strand in eine Verkehrs-Verbindung zu bringen.

Es hatte nun schon im April d. J., gleich bei Bekanntwerden der endgiltigen Absichten des Denkmal-Ausschusses der „Builder“ zwei Vorschläge für eine Gestaltung der architektonischen Umgebung des Denkmals gemacht, die wir in den Abbildungen wiedergeben. Nach dem einen Vorschlag war beabsichtigt, dem Palaste eine neue Fassade zu geben, vor dieser das Denkmal bei B aufzustellen und es im Halbkreis mit einer Säulenstellung zu umfassen, die einen mächtigen Triumphbogen C in der Hauptaxe einschliessen sollte. Bei F waren Springbrunnen, bei P ornamentale Blumenparterres gedacht. Die eigentliche „Mall“ sollte eine ununterbrochene architektonische Anlage mit der Gelegenheit zur Aufstellung von Bildwerken bilden. In dem zweiten Vorschlage war das Wasser zur künstlerischen Mitwirkung herangezogen und vor dem Denkmal B, das an der Peripherie eines Halbkreises aus architektonischen Gestaltungen liegen sollte, der um die erneuerte, monumental gestaltete und nach Norden verlängerte Schlossfront geschlagen war, ein breiter Kanal angeordnet.

In beiden Vorschlägen sollten die Denkmalanlagen; um sich auch im Hinblick auf die Kosten innerhalb gewisser Grenzen zu halten, an der Alleestrasse „New-Road“ aufhören. Inzwischen hatte der Denkmal-Ausschuss fünf Architekten zu einem engeren Wettbewerb für die architektonische Gestaltung der Denkmal-Umgebung eingeladen und zwar die Hrn. Aston Webb, T. G. Jackson, Ernest George, Sir Thomas Drew und Dr. Rowand Anderson. Die drei erstgenannten Architekten sind Londoner, die beiden anderen ein Ire und ein Schotte; man sieht: es haben die nationalen Verhältnisse bei der Berufung eine Rolle gespielt. Die Veranstaltung eines beschränkten Wettbewerbes in einer die ganze Nation berührenden Angelegenheit hat, obwohl die Erwählten zu den englischen Baukünstlern ersten Ranges zählen, einen grossen Unwillen erregt; es blieb aber bei den Anordnungen des Ausschusses, welcher nunmehr den Entwurf von Aston Webb, den wir auf der Beilage und in dem Lageplan zur Darstellung bringen, zur Ausführung wählte. –

Modell des Denkmales von Bildhauer Thomas Brock
Modell des Denkmales von Bildhauer Thomas Brock
Entwurf für die Stelle gegenüber Marlborough Gate von R. Anderson
Entwurf für die Stelle gegenüber Marlborough Gate von R. Anderson

Der Gedanke, das Denkmal der Königin Victoria vor Buckingham-Palace zu errichten und die Mall zu einer grossen Siegesstrasse mit derGrundlage des victorianischen Zeitalters auszugestalten, kann nur als ein glücklicher betrachtet werden und gerade der Umstand, dass der Palast kein solcher ist, der architektonischen Werth beansprucht, kommt der Freiheit des Denkmalgedankens zu gut. Leider ist nach den vorliegenden Skizzen der Aufbau des Denkmales selbst, der Mittelpunkt der gesammten Anlage, kein so bedeutender, wie er seinem Gedankeninhalte entspricht. Interessant ist die Feststellung des „Builder“, dass Webb und, wie er vermuthet, auch die übrigen konkurrirenden Architekten keine Ahnung hatten von der Gestalt und den Verhältnissen des Denkmales selbst. Die genannte Zeitschrift meint, es wäre dies charakteristisch für die Art, wie diese wichtige Angelegenheit durchgepeitscht (hurried through) worden wäre und für den völligen Mangel „of ordinary common-sense in artistic matters, which distinguishes the English official mind“. Es kann daher nicht überraschen, dass sich die Architekten auch an diesem Theile der Anlage versucht und zumtheil Besseres hervorgebracht haben, wie der Bildhauer Brock, soweit natürlich die Skizzen kleinen Maasstabes ein Urtheil hierüber zulassen. Wenn es sowohl in den künstlerischen Kreisen wie auch in der Laienwelt jenseits des Kanales mit tiefgehender Verstimmung hingenommen wurde, dass für die Entwürfe zu diesem bedeutendsten Denkmale, welches England überhaupt bisher zu errichten hatte, nicht die gesammte Künstlerwelt angerufen wurde, so zeigt sich daher diese Verstimmung insbesondere berechtigt gegenüber dem bildnerischen Theile, dem Brock’schen Entwurf. Die Arbeiten für die Gestaltung des architektonischen Theiles waren von ungleich grösserem Erfolge begleitet und angesichts des Webb’schen Entwurfes kann man wohl die Frage aufwerfen, ob von einem auf weitere Kreise erstreckten Wettbewerbe in der Gesammtanlage – für die Beurtheilung der Einzelheiten sind einstweilen noch zu wenig Anhaltspunkte gegeben – Besseres erreicht worden wäre.

Der Entwurf von Aston Webb, welchen wir auf der Beilage zu No. 92 nach dem „Builder“ und in einem Lageplan wiedergegeben haben, hat unzweifelhaft einen grossen Zug. Interessant ist, dass der Palast selbst nicht als ein wesentlicher Bestandtheil mit in die Anlage einbezogen wurde, sondern dass der Künstler vor ihm eine auf die ganze Breitenausdehnung des Palastes und auf eine darüber hinausgehende nördliche Verlängerung sich erstreckende Säulenhalle als Durchmesser eines weiten Halbkreises schuf, in dessen ungefährem Mittelpunkt das Denkmal selbst sich erheben würde. Buckingham-Palace erscheint so in der zweifachen Bedeutung, der Denkmal-Anlage den Platz angewiesen zu haben, im übrigen aber mit dieser selbst nicht in einer engeren künstlerischen Verbindung zu stehen.

Das ist sehr wesentlich und, wie wir nicht verhehlen wollen, sehr glücklich. Zwischen der genannten Säulenhalle und dem Palaste ist eine wohlgeordnete, symmetrische Platzanlage geschaffen. Die im Halbkreis geschwungenen Säulenhallen mit geradem Gebälk endigen in symmetrisch angelegte, durch Kuppelbauten flankirte seitliche Thorbauten, während der Hauptzugang zu dem Halbkreis, dem Garten der Königin, dem Queen’s garden, frei und ohne architektonische Ueberdeckung geblieben ist. In der Axe des 45°-Winkels sind die Säulenhallen durch grosse Brunnenanlagen mit gleichfalls kuppelgekröntem Mittelbau unterbrochen. Als ein besonderer Vorzug in der Anlage der Siegesstrasse sind die Durchführung der senkrecht zu dieser gehenden Hauptverkehrsadern und die Schaffung von platzartigen Erweiterungen an diesen Stellen zu betrachten. Solche Denkmalplätze sind angelegt worden in der Axe von Marlborough-Gate und in der des Waterloo-Platzes. Der werthvollste Gedanke der Anlage aber ist die Schaffung einer Verbindung mit dem Trafalgar-Platze, mit dem Strand, mit der Northumberland-Avenue und mit Whitehall durch eine kreisrunde Platz-Anlage mit Brunnen. Die Bedeutung dieses Gedankens wie überhaupt die Grossartigkeit der Anlage tritt recht springend in die Augen bei ihrem Vergleich mit den beiden Vorschlägen des „Builder“, die schon bei Marlborough-Gate endigen. Ohne Zweifel erinnert diese Siegesstrasse, welche vom Denkmal der Königin bis zum Mittelpunkt des kreisrunden Platzes bei Charing Cross eine Ausdehnung von rd. 1 km besitzt, nach ihrer Ausführung an den Tuillerien-Garten und die Champs-Elysées in Paris, die zu übertreffen man vielleicht auch in der Absicht des Denkmal-Gedankens liegend betrachten darf. Auf Einzelheiten des architektonischen Aufbaues einzugehen, wäre in diesem Augenblicke noch verfrüht. Es kann von Aston Webb sicher eine geistvolle Behandlung des Aufbaues erwartet werden, wenn man andererseits vielleicht auch bedauern darf, dass hier kein Inigo Jones den Stift zu führen hat.

Entwurf von T. G. Jackson
Entwurf von T. G. Jackson
Entwurf von Ernst George
Entwurf von Ernst George

Ueber die übrigen Entwürfe können wir uns kurz fassen. Wir geben in den Abbildgn., sowie beisteh. Proben ihrer künstlerischen Haltung. Sie stehen, was Grösse der Auffassung anbelangt, dem Webb’schen Entwurf erheblich nach, wenngleich sie im Einzelnen manche reizvolle Bildung zeigen. In dieser Beziehung sei auf die Entwürfe von George u .Anderson hingewiesen.

Ist es gestattet, ein Gesammturtheil über das in Aussicht genommene Denkmal zu fällen, so darf man wenn der Bildhauer nicht die Erwartungen täuscht, wohl ein Werk würdig des grossen Zeitalters, dessen Verkörperung es erscheinen soll, erwarten. Freilich, eine Westminster-Abtei kann es trotz seiner grossgedachten Anlage vorläufig nicht werden. „Denn der grösste Ruhm eines Bauwerkes liegt“, nach John Ruskin, „thatsächlich nicht in seinen Steinen noch in seinem Golde, sondern in seinem Alter und in jenem tiefen Gefühl der Beredsamkeit, der strengen Wachsamkeit, des ahnungsvollen Miterlebens, ja selbst des Beifalles oder der Verwerfung, deren Zeugen die Mauern waren, welche lange von den Wogen der Menschheit umspült wurden …. und nicht bevor ein Bauwerk diesen Charakter angenommen hat, bis es durch den Ruhm und die Thaten der Menschen gehelligt worden ist, bis seine Mauern Zeugen des Schmerzes gewesen sind und seine Pfeiler aus dem Schatten des Todes aufsteigen, kann sein Dasein, dauerhafter als die natürlichen Dinge der es umgebenden Welt, mit soviel Inhalt, als diese selbst an Sprache und Leben besitzen, ganz erfüllt werden.“ –

Dieser Artikel erschien zuerst am 16. & 20.11.1901, er war gekennzeichnet mit „- H. -“.