Das Oktoberfest in München

Wenn der Herbstwind die Blätter von den Kastanienbäumen pflückt, die die Schatzkammern der Münchner Brauer beschatten, wenn die Dämmerstunde die bösen Erddämpfe aus dem Boden lockt, so daß der Aufenthalt im Freien nicht mehr ratsam erscheint, dann verläßt der trinkfeste Zecher seine Sommerweide, den herrlichen Bierkeller, um sein Winterquartier am Stammtisch zu beziehen. Aber noch einmal darf er in Gottes freier Natur genießen, was Herz und Magen labt.

Die erhabenste Festlichkeit des Jahres, das sogenannte Oktoberfest, versammelt das ganze mobile München auf der Theresienwiese vor dem Kolossalstandbild der Bavaria zu Freuden aller Art; darunter sind von hervorragender Bedeutung das große Landesfestschießen, turnerische Darstellungen und eine Tier- und Maschinenausstellung. In den Akten der hohen und höchsten Behörden figuriert jedoch besagtes Fest lediglich als landwirtschaftliches Zentralfest, das die Erfolge der Ackerbau und Viehzucht treibenden Bevölkerung veranschaulichen und mit besonderen Auszeichnungen bedenken soll. Eine große Tierschau mit Preisverteilung, die am zweiten Sonntag statt findet, bildet den Höhepunkt der Feierlichkeit. Der Prinzregent und sämtliche Mitglieder des königlichen Hauses finden sich an diesem Tag schon mittags um 2 Uhr in dem prächtigen Königszelt auf der „Wiesen“ ein, und die Hunderttausende, die aus Stadt und Land herbeikommen, betrachten die Auffahrt der Hofequipagen als eine hervorragende Nummer des Tagesprogramms, die nicht versäumt werden darf. Es beginnt deshalb schon um die Mittagszeit eine Völkerwanderung zu Fuß und zu Wagen, deren Strömung schier jedes Lebewesen mit sich zu reißen scheint. Die Bessersituierten nehmen Plätze auf den verschiedenen Tribünen ein; die Wagenbesitzer reihen ihre Vehikel zu einer großartigen Wagenburg aneinander, und die Hauptmasse der Festteilnehmer sucht auf dem amphitheatralisch aufsteigenden Hügelrücken einen Stehplatz zu erobern, der eine Aussicht auf das Königszelt und die Rennbahn verstattet. Nach der Ankunft am Festort besichtigt der Regent die zur Prämienerteilung begutachteten und hinter dem Königszelt aufgestellten Tiere.

Daß bei diesem Rundgang die Neugierde der Festgäste aufs höchste erregt wird, ist selbstverständlich; jeder will den Regenten sehen und wo möglich hören, was er zum Hinterwimmerseppl, der einen erstklassigen Hengst gezüchtet hat, oder zur Vordereckerwabn, die einen verdienstvollen Stier bewacht, sagt. Es entsteht hinter den Herrschaften ein fürchterliches Gedränge, das die Schutzmannschaft in Verzweiflung bringt, was wieder eine Quelle der allgemeinen Freude bildet; denn ein Schutzmann in solcher Drangsal ist ein delikates „Fressen“ für den auch hier zahlreich vertretenen weniger zartfühlenden Teil des Volks. Die Tausende auf dem Hügel rösten einstweilen schön langsam unter den Glutstrahlen der Herbstsonne; jeder Versuch des zarten Geschlechts, sich durch das „Sonnendachl“ zu schützen, wird energisch unterdrückt, weil sich niemand auch nur einen Teil der schönen Aussicht verkümmern lassen will. Endlich kehrt der Regent in das Zelt zurück, und nun beginnt die Preisverteilung. Die Preisträger führen persönlich ihre Tiere vor und erhalten vom Prinzregenten selbst Fahne und Diplom ausgehändigt, worauf jedesmal von sämtlichen Trompetern der Garnison ein Tusch geblasen wird. Ein unsagbarer Stolz erfaßt darob Mensch und Vieh – die Rosse steigen und tanzen, so daß ihre Führer oft die sonderbarsten Sprünge zu machen gezwungen sind; die Zuchtbullen unternehmen die bedenklichsten Fluchtversuche, während sich manches Kälblein, das mit der Mutter den Ehrenweg betritt, zu den tollsten Sprüngen hinreißen läßt, die nicht selten eine ländliche Schöne, die das Kleine zu leiten hat, zu Boden zwingen, was die Heiterkeit des Publikums bis zur Ausgelassenheit steigert.

Parade der Rennpferde
Der Spanferkelfestzug

Nun bereitet sich das Pferderennen vor. Fanfarenbläser zu Pferde erscheinen auf der freigewordenen Bahn; ihnen folgen mittelalterlich gekleidete, mit falschen haaren und dito Waden ausstaffierte Jünglinge, die die schönen Preisfahnen zur Schau tragen, von denen blanke, aneinandergereihte Goldstücke herglitzern. Haben sie die Rennbahn durchmessen, dann erreicht die Spannung der Zuschauer den Höhepunkt. Eine Kavallerieabteilung durchtrabt die Strecke, um sie endgiltig bahnfrei zu machen, berittene Schutzleute reiten da und dort ventre à terre eine Attacke auf einen Frechling, der noch im letzten Augenblick von einer Seite auf die andere springen will, oder sie verfolgen den alljährlich auf der Rennbahn erscheinenden und vom Publikum mit tausendfachem Hallo begrüßten „Schnauzel“, der zur unpassenden Zeit das „Herrl“ auf verbotenen Wegen sucht. Da ertönt ein Schuß – ein Rufen, wie das Brausen eines Stroms, erschallt vom Hügel her, und nun erscheint das geschlossene Feld der Buntjacken, das wie der Wind über den Rasen fegt. Die wilde Jagd schwirrt vorbei, und nun macht sich die Anteilnahme des Publikums in den verschiedensten Aeußerungen Luft. „Da Schimmi krieagts – da Schimmi!“ – „Warum net gar – da Braunl hat’n schon – Bravo – hü! hü!“ – „Au weh, jetzt loßt er aus!“ – „Sie, druckens nöt so – tretens auf eanare Füaß!“ – „Hab i net Baridon g’sagt? Sie brauchen a net so wehleidi z’sein – mit eanare Kindetsargln an die Füaß!“ – Jessas, setzt kommes scho wieda – hat’n scho, hat’n scho – da Braunl hoch, hoch, hoch!“ Der erste langt am Pfosten an; Roß und Rennbube besehen sich gerührt mit verglasten Augen und heraushängender Zunge; der glückliche Pferdebesitzer eilt herbei und hüllt die zwei Sieger in wollene Decken ein; es folgt die Preisverteilung; dann wankt der Menschenberg, und vom Hügel herab strömt die dunkle Menschenflut!

Das ist der Augenblick, welcher die Herzen sämtlicher Bierzapfler in Wonne erbeben läßt. Aus mächtigen Fässern strömt das erquickende Naß, um das sich tausende balgen; wie eine Fortifikationslinie sind in Halbkreisen die Wirtschaften aufgebaut; eine reiht sich an die andere, und hinter ihnen lagert ein Verpflegungstroß eigener Art. Da giebt es Buden mit prima Schweinswürsteln, welch letztere zu Millionen abgesetzt werden; wer denkt in diesem Augenblick wohl an ihre geheimnisvollen Bestandteile! da werden in mächtigen Pfannen „Kücheln“ gebacken; daneben braten über offenen Kohlenfeuern am Boden die vielbegehrten Steckerlfische; dort drängt man sich zum „Ersten Hühnerbrater der Welt auf dem Roste“; Käse, Brezeln, Honigkuchen, Heringe werden dem Hungrigen und dem Satten sekundenweise offeriert. Horch! Ertönen nicht vom Winzerer Fähndl her die ernsten Klänge eines Trauermarsches? Ja! Die verlangsamte Melodie der „Holzauktion“ geleitet den eben angekommenen Spanferkelzug zur Küche. Voran schreitet die Musik; hinter ihr tragen kostümierte Kellnerinnen auf kleinen Bahren die goldig gebratenen, glänzenden, leckeren Tierchen. Ueberall in den Wirtsbuden erschallt Musik und, was die Hauptsache ist gleichzeitig; wenn das nicht polyphon ist, dann giebt es überhaupt nichts derartiges auf der Welt!

Gebäude der modernen Kunstausstellung
Armbrustschießen

Was an sonstigen Vergnügungen von mehr oder minder geschmackvoller Art hier geboten ist, kann gar nicht erschöpfend dargestellt werden. Da existiert einmal ein Glückshafen, in dem man um 20 Pfennig einen wertvollen polierten Schrank oder um 20 Mark ein Schächtelchen mit Haaröl und Seife gewinnen kann. Schaubuden aller Art geben Gelegenheit, die unerhörtesten Wunder und noch nie Dagewesenes zu sehen. Es sind Riesen und Zwerge, Fettkinder und Skelettmenschen, Azteken und Singhalesen, schauspielende Hunde, Flöhe und Affen zu sehen; Kutschbahnen und Schaukeln erheben zu nie gefühlten Wonnen; geradezu luxuriös ausgestattete, mit allem Raffinement der rotierenden und wiegenden Bewegung versehenen Karussells werden von Jung und Alt gestürmt – mystische Vorstellungen, Gespenster und Geistererscheinungen hypnotisieren mit ihrem heimlichen Grausen die Menge; ein paar Kasperltheater bannen den kunstsinnigen Wanderer an die Stelle, wo der lustige Held mit dem Prügelkomment Polizei, Weiber, Tod und Teufel zur großen Befriedigung der Zuschauer totschlägt. Und wenn man sinnverwirrt stehen bleibt, um auf den Trubel zu sehen, dann naht sich gewiß ein höflicher Herr mit der Einladung: „Herr Baron – oder Herr Kommerzienrat – jetzt bietet sich Gelegenheit, sich in wenigen Minuten ein Bild Ihrer Persönlichkeit zu verschaffen; Sie ahnen nicht -“ Bums! Ein Schuß! Was giebt’s? „Der Ochs is firti!“ In der riesigen Ochsenbraterei ist der im ganzen am Spieß gebratene Ochse gar geworden – das giebt herrliche Bissen und macht wieder Durst! Rasch entfliehen in solchem Jubel und bei solchen Genüssen die Stunden des Tags; wenn es dunkelt, dann wird’s aber erst recht schön, recht gemütlich!

Prinzregent Luitpold (1) und Prinz Ludwig (2) bei der Vorführung der preisgekrönten Rinder

Da flammt es auf alluberall; ein Meer von Lichtwellen übersflutet das fröhliche Getriebe – und sie trinken immer noch eins am Ufer der Isar – das reimt sich zwar nicht, aber sie thun’s doch! so geht’s während der vierzehntägigen Festdauer Tag für Tag, und wenn die letzte Stunde des Festes vorüber ist, dann heißt es: „Jessas, Jessas! Jetzt is dös auch wieder rum! Gott sei Dank, daß wir noch die Kirchweih vor uns habn!“

Dieser Artikel von Bernd Rauchenegger erschien zuerst am 11.10.1902 in Die Woche.