Der Wiesbadener Ideen-Wettbewerb zu einem Kurhaus-Neubau

Wiesbaden – die rheinische Bädermetropole – besitzt einen Kurplatz,oder Kursaalplatz, wie er dort heisst, der in seiner grossartigen und vornehmen Anlage kaum seines gleichen findet. Der doppelt so lange wie breite Platz (vergl. den Lageplan Abbildg. 1) erstreckt sich von Osten nach Westen und wird im westlichen Theile von der in südnördlicher Richtung verlaufenden Wilhelmstrasse – der Hauptpromenaden-Strasse der Stadt und dem Sammelpunkt des Badelebens – gekreuzt. Westlich bleibt ein kleines Platzstück liegen, das – früher Theater-Platz jetzt, nachdem am 18. Okt. v. J. in glänzender Festfeier, die durch die Theilnehmer der ganzen Kaiserlichen Familie erhöhte Weihe erhielt, das vom Bildhauer Uphues geformte Kaiser Friedrich-Denkmal enthüllt worden ist, Kaiser Friedrich-Platz genannt wird.

Betrachten wir den Kursaalplatz in seinen Einzelheiten, so finden wir an beiden Langseiten zwei mächtige, in dorischen Formen gehaltene Kolonnadenbauten von etwa 140 m Länge. Das westliche Stück des Platzes – der Kaiser Friedrich-Platz wird von Hotelbauten und dem alten Theater umrahmt. Diese letzteren, aus den 20er und 30er, Jahren stammenden Gebäude stehen zumtheil auf dem Abbruch-Etat, zumtheil werden sie bereits durch grössere und prächtigere Neubauten ersetzt.

Die Kolonnaden, die in den Jahren 1825-26 (die nördliche) bezw. 1838-39 (die südliche) erbaut worden sind, haben, insbesondere die letztere, durch den im Anschluss an dieselben errichteten Theaterneubau erhöhte Bedeutung erhalten.

Das alte Kurhaus, i..d. J. 1808-10 von Baurath Zais unter Mitwirkung des weimarischen Staatsministers W. v. Wolzogen geplant und erbaut, schliesst den Platz im Osten.

Bescheiden in seinen Verhältnissen, bescheiden in den strengen dorischen Formen der vorgelegten Kolonnaden und nur durch einen etwas mächtigeren Portikus jonischer Ordnung zu gewisser Wirksamkeit gebracht, schafft dennoch das Kurhaus vereint mit den seitlichen Kolonnadenbauten, gehoben durch das prächtige Gartenparterre mit seinen Spingbrunnen, vielfarbigen Blumen und auserlesenen Blattgewächsen, sowie den das Parterre säumenden bangen Platanen eine Platzanlage von grosser Harmonie und bedeutender architektonischer Erscheinung. Im Innern des Kurhauses befinden sich sämmtliche Räume von Bedeutung, insbesondere der grosse Konzertsaal, die Reunions-, Konversations-, Lese-, Spiel- und Restaurations-Säle zu ebener Erde, nur wenige Stufen über dem Vorplatz erhoben, rückseitig – entsprechend dem leicht ansteigenden Gelände – etwa mit der Gartenfläche auf gleicher Höhe liegend.

Der Verkehr zu diesen Räumen und von ihnen zum Garten gestaltet sich leicht und bequem. Die Säle entbehren auch heute noch eine behagliche vornehme Ausstattung nicht. Der grosse Konzertsaal besitzt, obgleich ihm eine eigentliche Orchesternische fehlt, eine vorzügliche Akustik. Aber alles dies kann den aufmerksamen Beobachter über die erheblichen Mängel, die das alte Gebäude besitzt, nicht hinwegtäuschen. Einerseits ist es der mangelhafte bauliche Zustand und andererseits – und das scheint uns der ausschlaggebende Faktor zu sein – entsprechen die Raumverhältnisse des ursprünglich doch nur für die Sommermonate, eine begrenzte Badegesellschaft und die eigenartigen Bedürfnisse des „Trente et quarante“ und „Rouge et noir“ errichteten Gebäudes der jetzigen Benutzungsweise nicht mehr.

Abbildg. 1 – Lageplan

Die mächtig aufstrebende Stadt, die jetzt fast 80 000 Einwohner zählt und ihren Kur- und Fremdenverkehr auf etwa 100 000 Personen jährlich beziffert, hegt seit längerer Zeit bereits den Plan, eine zeitgemässe Umgestaltung ihres Kurhauses vorzunehmen, das neben den Zwecken des Kurverkehrs auch Veranstaltungen der ansässigen Gesellschaft, Fest-Versammlungen, grösseren Musik-Aufführungen u. dergl. dienen soll. Man kam zu der Ueberzeugung, dass diese Forderung nicht durch einen Um- und Erweiterungsbau, sondern nur durch einen Neubau erfüllt werden kann.

Ein vorläufiger Schritt, den Plan zu verwirklichen, erfolgte in einem im Mai v. J. erlassenen Ausschreiben eines Ideen-Wettbewerbs zur Erlangung von Skizzen für einen Kurhaus-Neubau (vergl. unsere Mittheilungen S. 2351, 264, 280, 628 v. J.). Das Ergebniss dieses Wettbewerbs ist gegenwärtig in übersichtlicher und würdigster Weise, die preisgekrönten Arbeiten durch Lorbeerkränze gekennzeichnet, im Festsaale des Wiesbadener Rathhauses zu Jedermanns Einsicht öffentlich ausgestellt.

Das Ausschreiben bestimmte als Bauplatz die Stelle, an der das alte Kurhaus steht. Die Baukosten des Neubaues sollten den Betrag von 2 Millionen M. nicht wesentlich überschreiten. Das Raumbedürfniss war in einer ausführlichen Zusammenstellung mitgetheilt, die aufgrund einer vom Stadtbauamt bearbeiteten Raumskizze gewonnen war. Die Zeichnungen sollten im Maasstabe 1:200 in einfacher Linienmanier dargestellt und die Kosten überschläglich nach Quadratinhalt der bebauten Fläche bezw. nach Kubikinhalt des Gebäudes berechnet werden.

Von den eingesandten 53 Arbeiten konnten, nachdem das Preisgericht eine Reihe bestimmter Grundsätze zur gleichmässigen und gerechten Beurtheilung der Arbeiten aufgestellt hatte, 23 Entwürfe, die theils gegen die Programm-Bedingungen oder gegen die durch die Grundsätze festgestellten Anschauungen der Preisrichter verstiessen, theils auch wegen nicht vollwerthiger künstlerischer Qualitäten als ungenügend erachtet wurden, zur Prämirung nicht inbetracht gezogen werden.

Obige Leitsätze sind, wie auch die Einzel-Beurtheilungen der übrigen 30 Entwürfe, in einem ausführlichen Protokoll, das am aus der Ausstellungs-Eröffnung gedruckt vorlag und allen Betheiligten zugesandt wird, niedergelegt. Die Leitsätze der Preisrichter lauten:

1. Die Fussbodenhöhe des grossen Saales soll nicht über 4 m über der äusseren Bodenfläche genommen werden, etwa so, dass man von der Sonnenbergerstrasse noch eben in diesen eintreten kann.

Je tiefer der Saalboden gelegt werden kann, ohne Beeinträchtigung der Luftzufuhr nach den Souterrainräumen, um so wünschenswerther wäre dies im Interesse der Besucher und der Gestaltung des Aufbaues des Hauses.

2. Die sämmtlichen Säle der Restauration, die Lese- und Gesellschaftssäle sollen auf dem gleichen Niveau wie das Parket des grossen und kleinen Saales liegen.

3. Das Eingangsvestibül soll stattlich und gross entwickelt sein mit Rücksicht auf die Grösse und die Dekoration der Gesellschaftsräume.

4. Bei festlichen Veranlassungen, gerossen Gesellschaften, Bällen, Aufführungen u. dergl. sollen die Räume zusammen benutzt werden können, sie sollen also zusammenhängend angelegt werden, nicht durch Höfe oder Korridore von einander getrennt sein. Also schöne Raumentfaltung bei guter Zirkulation der Theilnehmer anlässlich grösserer Feste.

5. Die sämmtlichen Räume der Restauration sind nach Norden zu legen.

6. Die Lesezimmer müssen an die Südfront gebracht werden.

7. Die Garderoben müssen gross und geräumig angelegt sein, leicht zugänglich und der Zu- und Abgang zu diesen so, dass niemals Stauungen eintreten können.

8. Eine Konzentration der Zugänge zum Gebäude ist der leichten Ueberwachung derselben wegen wünschenswerth; doch sind besondere Zugänge zu den Lese- und Restaurationszimmern, besonders wenn sie nicht zu bedeutend gehalten sind, nicht ausgeschlossen.

9. Eine allzu grosse Höhenentwicklung der Räume, sowie des ganzen Baues selbst ist zu vermeiden.

10. Ein allzu grosser Aufwand an Kuppeln, Thürmen und Thürmchen wird für die Charakteristik des Baues nicht als nothwendig, sondern als schädlich für die Wirkung erachtet.

11. Auf eine Verbindung des Neubaues mit den bestehenden Kolonnaden wird kein besonderer Werth gelegt, eine vollständige Freistellung desselben sogar für wünschenswerther erachtet.

12. Eine Ueberschreitung der Kosten um etwa 10 % bedingt den Ausschluss des Planes von der Konkurrenz nicht und wird nicht als „wesentlich“ im Sinne des Ausschreibens (B, Bauerfordernisse, Abs. 10) angesehen. Auch eine Ueberschreitung bis zu 15 % würde die Preisrichter nicht veranlassen, von der a. a. O. zugestandenen Ermächtigung Gebrauch zu machen.

Aus den zur engeren Wahl gestellten 30 Entwürfen würden 6 zur Preisertheilung und 4 weitere zum Ankauf bestimmt.

Ideenwettbewerb für Entwürfe zu einem Kurhausneubau zu Wiesbaden.

Das Preisgericht, in das. anstelle des behinderten Hrn. Geh. Brth. Prof. Dr. P. Wallot in Dresden Hr. Ob.-Baudir. Prof. Dr. Jos. Durm in Karlsruhe eingetreten war, hat seinen Urtheilsspruch dahin abgegeben, dass der
I. Preis von 6000 M. dem Entwurf mit dem Kennwort „Aquae Mattiacae“, Verf. Arch. Heinrich Mänz in Bremen; der
II. Preis von 4000 M. dem Entwurf mit dem Kennwort „Luft und Licht“, Verf. die Arch. Paul Huber u. C. Faesch in Basel und F. Werz in Wiesbaden; ein
III. Preis von 2000 M. dem Entwurf mit dem Kennwort „Ein Kurgast“, Verf. Reg.-Bfhr. Slawski in Karlsruhe; ein weiterer
III. Preis von 2000 M. dem Entwurf mit dem Kennwort „Andreastag“, Verf. Arch. W. Moessinger in Frankfurt a.M.: ein
IV. Preis von 1000 M. dem Entwurf mit dem Kennwort „Praeludium“, Arch. Paul A. Jacobi in Wiesbaden; ein weiterer IV. Preis von 1000 M. dem Entwurf mit dem Kennwort „Quisisana“, Verf. die Arch. Kuder u. Müller in Strassburg i. E. zu ertheilen und ferner dass
I. der Entwurf mit dem Kennwort „Mignon“, Verf Arch. W. Spannagel in München;
II. der Entwurf mit dem Kennwort „Zweckmässig“, Verf. Arch. Max Fritsche in Wiesbaden:
III. der Entwurf mit dem Kennwort „Fontes Mattiaci“, Verf. Prof. Hubert Stier in Hannover und
IV. der Entwurf mit dem Kennwort „Harmonie“ Verf. die Arch. Schulz & ScChlichting in Berlin mit Je 1000 M. anzukaufen sind.

Die öffentliche Ausstellung der Entwürfe findet vom 9. bis 23. Januar einschl. im Festsaale des Rathhauses, täglich von 10 bis 4 Uhr statt.


Diese Mittheilung wurde zuerst am 12.01.1898 in der Deutsche Bauzeitung veröffentlicht.

Bevor wir uns nun den einzelnen Arbeiten selbst zuwenden, bei deren Besprechung auch auf die zu Protokoll gegebene Beurtheilung des Preisgerichts Bezug genommen werden soll, erscheint es zweckmässig, einige grundsätzliche Unterschiede in der Lösung der Aufgabe festzustellen.

Hier ist zunächst die Verbindung des Neubaues mit den bestehenden Kolonnaden zu erwähnen. Dem Charakter des „Ideen“-Wettbewerbs entsprechend war nach dem Programm in Erwägung zu ziehen, ob und wie eine organische Verbindung zwischen den Kolonnaden und dem neuen Kurhause durch gedeckte Wandelgänge herzustellen sei. Auffallender Weise zeigen fast sämmtliche Arbeiten eine mehr oder minder gelungene derartige Verbindung, obgleich damit eine Beschränkung in der freien und zweckmässigen Höhenentwicklung des Gebäudes unvermeidlich war, denn es werden von vornherein gewisse Höhen für den Neubau festgelegt.

Die Folgen sind deshalb auch bei vielen Entwürfen nicht ausgeblieben: das Hauptgeschoss und mit ihm die Säle sind auf die unzweifelhaft viel zu grosse Höhe des Hauptgesimses der Kolonnaden, etwa 7 m über Strassenhöhe, emporgehoben. Unter diesen Arbeiten finden sich nun eine Anzahl, die das hohe Untergeschoss benutzen, um unter dem grossen Saale nach dem Vorbilde des Konzerthauses in Leipzig das Hauptvestibül nebst Garderoben und theilweise auch auf beiden Seiten Treppenaufgänge zum Saalgeschoss anzulegen. Hierher gehören u. a. No. 9 „Kochbrunnen“, No. 24 „Herbstblumen“, No. 29 „Nero“.

Andere Arbeiten dieser Art lassen das Hauptvestibül vorn liegen und begnügen sich mit einem Durchgang zum Garten: so u. a. No. 25 „Fontibus Mattiacis 1900“, No. 27 „Tolly“, No. 31 „Aquae Mattiacae I.“

Ein weiterer wesentlicher Unterschied tritt uns in der Lage des grossen Konzertsaales entgegen. Mit wenigen Ausnahmen ist derselbe in die Hauptqueraxe gelegt. Nur einzelne Versuche sind gemacht worden, diesem Saale eine andere Stelle im Grundriss anzuweisen, z. B. in der Grundrissvariante zu No. 7 „Taunus“, bei der er in unsymmetrischer Anordnung des Gebäudes nach Norden verschoben ist, und in dem Entwurf No. 18 „Ergo“, bei dem er ebenfalls nördlich von der Mittelaxe gelegt und zur Erzielung eines gleichwerthigen Baumotives auf der anderen Seite, südlich von der Mittelaxe, ein grossartiges, aber recht unbegründetes Treppenhaus angeordnet wurde; auch diese Lösungen können als glücklich nicht bezeichnet werden.

Ferner zeigt eine grössere Anzahl von Grundrissen einen meist zu entbehrenden, erheblichen Aufwand an langen Korridoren, wie sie etwa in Verwaltungs-Gebäuden nothwendig sind. Auch der mit dem II. Preise gekrönte Entwurf „Luft und Licht“ thut des Guten hierin wohl etwas zu viel, wenn auch andererseits nicht verkannt werden soll, dass die Lage und Ausbildung der Korridore dieses Entwurfes bezw. der diesen gleich zu erachtenden, die einzelnen Säle umgebenden oder trennenden schmalen Hallen künstlerisch schön gedacht ist und dass jene hell und luftig erscheinen.

Die unmittelbare Aneinanderfügung der Säle, namentlich auch der Zusammenhang der kleineren Konversations-, Spiel-, Lese- und Restaurationssäle mit dem grossen Konzertsaal, wie wir sie bei den Entwürfen No. 37. „Aquae Mattiacae“ (I. Preis), No. 42 „Ein Kurgast“ (III. Preis), No. 28 „Andreastag“ (III. Preis), No. 36 „Präludium“ (IV. Preis), No. 40 „Quisisana“ (IV. Preis) u. a. sehen, wodurch bei verschiedenen Arbeiten, besonders bei No. 37 und No. 40 eine grossartige Raumfolge geschaffen wird, verdient unzweifelhaft den Vorzug.

Mit seltener Einmüthigkeit haben schliesslich die Theilnehmer an diesem Wettbewerb sich für die Stilformen der italienischen Renaissance, früherer bis späterer und spätester Richtung entschieden – ausser vieren, von denen zwei (No. 7 „Taunus“ und No. 41 „Vita“) sich mit gewandtem Zeichenstift auf den heiklen Boden des „Modernsten“ begeben, einer, No. 42 „Ein Kurgast“ (III. Preis) in deutschem Barock, wie wir ihn namentlich an badischen Schlössern antreffen, und einer No. 35 „Nocte“ gar in romanisirenden Rundbogenstil-Formen das Kurhaus gestaltet haben.

Trotz der bei den weitaus meisten Entwürfen angemessen gewählten Stilrichtung hat die Thurmmanie stolze Blüthen getrieben, obgleich diese Stilformen sowohl, als auch die Bestimmung des Gebäudes, dem wir den Charakter einer breitgelagerten Thermenanlage wünschen, hierzu keineswegs herausforderte. Ein bescheidenes Maass solcher etwa den erhöhten Mittelbau flankirenden Thurmanlagen kann man wohl gelten lassen, aber die bis zur Kirchthurmhöhe sich erhebenden, zuweilen minaretartig gestalteten Auswüchse dieser Art sind entbehrlich.

In der mit dem ersten Preise ausgezeichneten Arbeit des Arch. H. Mänz in Bremen „Aquae Mattiacae II“ (Abbildg. 2 und 3) liegt der Hauptsaal etwa 3,5 m über dem Kursaalplatz, unbekümmert um die organische Verbindung der Architektur des Kurhauses mit der Gesimshöhe der Kolonnadenbauten. Die halbkreisförmige Grundriss-Gestaltung der Verbindungsbauten, die übrigens bei mehren Entwürfen wiederkehrt und keine Rücksicht auf das in nordöstlicher Richtung stark ansteigende Gelände nimmt, würde sich in der Ausführung wenig wirkungsvoll und auch nicht besonders zweckmässig erweisen, wie denn überhaupt die Verbindung besser ganz fortbleibt.

Abbildg. 2 – Entwurf des Hrn. Heinr. Mänz in Bremen, 1. Preis

Ein Haupteingang in der Mitte und zwei Seiteneingänge führen auf der Vorderseite in das Innere. Nicht zum geringsten Theil ist durch diese Anordnung von drei Eingängen die klare und einfache Grundrisslösung herbeigeführt. Die Zugänge zu der unter dem vorderen Theil des grossen Saales angeordneten Hauptgarderobe erscheinen durch die hier vorhandenen Mauermassen etwas beengt. Der auf der Gartenseite stark vorspringende Mittel-(Saal-)Bau, der die gedeckte Terrasse in zwei Theile trennt, ist für die Benutzung der Terrasse nicht besonders günstig. Im übrigen geben wir das Gutachten des Preisgerichts wörtlich, wie dies auch bei den weiteren besonders zu besprechenden Arbeiten in Anführungsstrichen geschehen soll:

Abbildg. 3 – Entwurf des Hrn. Heinr. Mänz in Bremen, 1. Preis

„No. 37. Die Arbeit zeigt in grossartiger axialer Raumfolge besondere, von nur wenigen Bewerbern erreichte Vorzüge. Der architektonische Aufbau der Fassaden ist reizvoll, was auch gleichzeitig von der Durchbildung der Innenarchitektur gilt. Auch hier ist der Haupt-Konzertsaal zu hoch und eine Einschränkung der Höhe wünschenswerth. Die Lage des Fussbodens vom Hauptgeschoss mit nur 3,5 m über dem Garten-Niveau ist, als sehr zweckentsprechend zu erachten. Als ein für die Kontrolle des Hauses bedenklicher Uebelstand muss die Anlage von drei Hauptzugängen, die an sich nicht unpraktisch sind, bezeichnet werden. Die Garderoben sind ausreichend gross, könnten aber inbezug auf leichte Zugänglichkeit unschwer Verbesserung erfahren. Die Wirthschafts- und Verwaltungsräume sind in ausreichender Zahl und Grösse vorhanden.“

Eine ganz anders geartete Lösung bezüglich der Raumvertheilung zeigt der Entwurf „Luft und Licht“, der ihren Verfassern, den Architekten Paul Huber und Emil Faesch in Basel und F. Werz in Wiesbaden den zweiten Preis eintrug. Auch hier ist zu wenig Rücksicht auf das in nordöstlicher Richtung ansteigende Gelände genommen, wedurch der betr. Flügel tief in den Berg hinein gerathen würde.

Abbildg. 4 – Entwurf der Hrn. P. Huber und E. Faesch in Basel und F. Werz in Wiesbaden. II. Preis

Der Saalfussboden ist 4 m hoch gelegt und die hieraus sich ergebende Horizontalgliederung des Neubaues ist auch bei diesem Entwurf ohne organischen Zusammenhang mit den Kolonnaden gewählt. Die im übrigen angemessene Architektur, die die Pariser Schule verräth und sich im wesentlichen eingeschossig auf kräftigem Sockel darstellt, trifft unter allen Entwürfen den Charakter des Hauses am besten.

Abbildg. 5 – Entwurf der Hrn. P. Huber und E. Faesch in Basel und F. Werz in Wiesbaden. II. Preis

Der Haupteingang in der Mitte führt in ein mächtiges Vestibül, von dem man geradeaus zu der unter dem gossen Saal liegenden Haupteingang gelangt. Ausser diesem Haupteingang hat auch dieser Entwurf zwei weitere Eingänge auf der Vorderseite vorgesehen, so dass hier dasselbe, was in dieser Beziehung vom vorigen Entwurf gesagt wurde, gelten kann. Das Uebermaass an Korridoren ist bereits erwähnt. Die in grosser Linie auseinander gezogene Raumvertheilung ohne Innenhöfe bietet bei einem Gebäude mit so umfangreichen wirthschaftlicher Bedürfnissen den Nachtheil, dass der nicht zu entbehrende Wirthschaftshof auf die Aussenseite (nördlich) gelegt werden musste. Das Preisgericht äussert zu dieser Arbeit:

„No. 53. Der Entwurf gewährt eine höchst eigenartige Lösung des Programms. Die gewählte Grundrissform, ein kurzes Hufeisen mit stark vortretendem Mittelbau erlaubt die reichliche Zufuhr von Licht. Die Haupträume sind durch ihre axiale Anlage und sonstige bequeme Verbindungen untereinander für ein grosses Festlokal ausserordentlich geeignet. Das Hauptgeschoss liegt auch hier sehr angemessen 4 m über dem Terrain. Das Vestibül ist sehr imposant gedacht, doch dürfte dasselbe wegen des starken Vorspringens vor die Hauptfront besser etwas verkleinert werden. Die Garderoben sind ausreichend gross; der Hauptsaal ist angemessen in seiner Höhe und zeigt eingebaute Gallerien. Der kleine Saal ist auch hier für den gemeinschaftlichen Gebrauch beider Säle zu lang gestreckt. Die Architektur des Aeusseren bringt eine Gesellschaftshaus-Anlage zu entsprechendem Ausdruck. Leider überschreitet auch dieser Entwurf der in seiner Einfachheit und Klarheit so ausserordentlich viel Schönes zeigt, die Baukosten um die bedeutende Summe von 300 000 M., welche Summe durch die schon vorher angedeutete Verkleinerung des sehr grossen Vestibüls leicht zu vermindern ist. Als ein Fehler des Projekts sei noch bemerkt, dass die Klosetanlagen vollständig unzureichend angeordnet sind.“

Von den beiden vorbesprochenen Arbeiten wieder erheblich abweichend gestaltet Reg.-Bfhr. Slawski in Karlsruhe seinen Kurhausentwurf, der ihm einen dritten Preis einbrachte. Dem Entwurf fehlt vor allem die schöne Raumfolge, die wir an den vorigen zwei Arbeiten gesehen haben; doch ist nicht zu verkennen, dass der Grundriss gewisse Vorzüge aufzuweisen hat, die auch in dem unten folgenden Gutachten des Preisgerichts hervorgehoben sind. Die Anlage hat einen zu wenig repräsentativen Charakter. Vollständig verfehlt ist die äussere Erscheinung, die – nicht immer mit feinem Formgefühl – in süddeutschem Barock gestaltet, wie weiter oben bereits erwähnt wurde, an der gegebenen Stelle recht wenig passend erscheint. Das Gutachten lautet:

Abbildg. 6 – Entwurf des Hrn. Slawski in Karlsruhe. Ein III. Preis

„No. 42 zeigt einen einfachen und gut disponirten Grundplan unter Verzichtleistung auf Hallen und Verbindungsgänge. Bei grossen Festlichkeiten ist diese Anlage für eine zusammenhängende Gesammtbenutzung aller Räume sehr günstig. Die Anlage von 2 grösseren Binnenhöfen vermittelt den rückwärts liegenden Räumen Luft und Licht in reicher wohlthuender Weise. Der Saalboden liegt 4 m über Terrain. Grosse Auffahrtrampen führen auf der Parkseite bis zu dieser Höhe hinan. Das Raumverhältniss des Saales erscheint nicht ganz fein abgestimmt, wie auch die Aussenarchitektur mit den beiden breiten Flankentreppenhäusern und ihren etwas schwerfälligen Zwiebeldächern. Die Fassaden sind im Stile des deutschen Barocco gehalten, die Mauerflächen mit Putz überzogen angenommen. Die Anschlussbauten an die Kolonnaden sind als grosse offene Durchfahrten gestaltet und dürften in dieser Form als zweckmässig erachtet werden, da sie die Durchblicke auf die baumreichen Anlagen gestatten. Der Entwurf lässt sich um einen nicht unwesentlich billigeren Preis, als ausgeworfen, wohl ausführen.“

Abbildg. 7 – Entwurf des Hrn. W. Moessinger in Frankfurt a. M. Ein III. Preis

Die mit einem weiteren dritten Preise ausgezeichnete Arbeit von W. Moessinger in Frankfurt a. M. (Abbildg. 7 und 8) hat eine ähnliche Plangestaltung wie die vorige doch schönere Raumverhältnisse. Das Saalgeschoss liegt mit 5 m zu hoch. Das Preisgericht sagt:

Abbildg. 8 – Entwurf des Hrn. W. Moessinger

„No. 28. Der Grundriss des Hauptgeschosses zeichnet sich durch Klarheit und Schönheit in den Raumverbindungen aus. In ungestörter Folge umzieht der Gürtel der Restaurations- u. Unterhaltungsräume das mittlere Rechteck, welches die beiden Konzert-Säle in günstiger Gruppirung enthält. Zu beklagen ist, dass bei der angenommenen Höhenlage dieses Geschosses mehrfache Freitreppen nach dem Park hin nothwendig werden.

Die Tiefe der Orchester-Nische des Saales, sowie die Höhenentwicklung desselben dürften etwas zu bedeutend ausgefallen sein. Trotz lebhafter Anlehnung an bekannte Motive gehört die architektonische Ausgestaltung zu den solidesten des Wettbewerbs“.

Bezüerlich der beiden mit je einem vierten Preise bedachten Arbeiten „Praeludinm” von P. Jacobi in Wiesbaden (Abbildg. 9) und „Qui si sana“ von Kuder u. Müller in Strassburg i. E. (Abbildg. 10) können wir uns unter Beziehung auf unsere vorhergehenden allgemeinen Betrachtungen auf das Gutachten der Preisrichter beschränken. Dieses lautet bezügl. der ersten Arbeit:

Abbildg. 9 – Entwurf des Hrn. P. Jacobi in Wiesbaden. Ein IV. Preis

„No. 36. Der Vorzug des Entwurfs liegt in der sehr geringen Höhenlage des Hauptgeschoss-Fussbodens von nur 2 ½ m über dem Niveau des Bowling greens. Der Zusammenhang der Gesellschafts- und Restaurations-Räume ist, wenn auch nicht eine grosse axiale Raumfolge vorhanden, doch durch das Fortlassen überflüssiger Korridore und bei Anlage einiger fehlender Thürverbindungen, ein recht guter. Die Garderoben-Anlage ist grossräumig seitlich des Haupteingangs angelegt, die wünschenswerthe Thürverbindung zu dem Saale ist leicht herzustellen. Die hohe Entwicklung der Baumassen und ihre Gruppirung ist der Situation geschickt angepasst. Die Architekturform den vorhandenen Baulichkeiten entsprechend gestaltet. Der Konzertsaal ist nur schwach beleuchtet, seine hohe Entwickelung über das wünschenswerthe Maass hinausgehend. Die Wirthschaftsräume sind zweckmässig vertheilt und ausreichend beleuchtet. Die Verbindung mit den Kolonnaden ist gut gelöst. Die Baukosten-Summe nicht allein innegehalten, sondern nicht erreicht“.

Ueber die Arbeit von Kuder u. Müller äussert das Preisgericht:

Abbildg. 10 – Entwurf der Hrn. Kuder & Müller in Strassburg. Ein IV. Preis

No. 40. Sehr schöne und geistvolle Grundrissanlage, deren Ausführung ohne weiteres möglich wäre. Die leicht gehaltenen Verbindungsgänge zwischen den Kolonnaden und dem Hauptgebäude könnten als weniger hübsch unterdrückt werden. Das eine Lesezimmer nach dem Kolonnadenplatze ist durch den gedeckten Balkon weniger hell als die übrigen. Die Raumverhältnisse und Dekorationen der Innenräume sind gut, die äussere Architektur mit Meisterschaft vorgetragen, stellenweise wohl etwas überreich unter zu grosser Aufwendung von Kuppeln und Thürmchen. Die Höhenentwicklung der Baumassen ist zu bedeutend, eine vornehme, ruhige Ausbildung der Aussenarchitektur wird vermisst. Der Plan würde aber nur mit einem Mehraufwand von etwa 250 000 M. auszuführen sein, muss aber wegen seiner künstlerischen Qualitäten doch für die engere Wahl vorgeschlagen werden.“

Schliesslich mögen noch zwei der angekauften Entwürfe hier Erwähnung finden. Der Entwurf von Max Fritsche in Wiesbaden (Abbildg. 11) enthält eine Eigenart, die bei keiner anderen Arbeit sich wiederfindet. Das Saalparkett befindet sich im Untergeschoss und die Gallerien im Hauptgeschoss das die sämmtlichen übrigen Säle enthält; der kleine Saal ist durch einen stattlichen, im grossen Saale liegenden Treppenaufgang mit letzterem verbunden. Hierin liegt der für den vorliegenden Zweck durchaus verfehlte Grundgedanke dieses im übrigen in manchem recht guten Entwurfs. Das Gutachten lautet:

Abbildg. 11 – Entwurf des Hrn. M. Fritsche in Wiesbaden (Angekauft)

„No. 10. Das schöne Projekt krankt an dem Uebelstande, dass des Saal-Fussboden zu ebener Erde liegt, während die Gesellschaftsräume mit der Saalgallerie im oberen Geschoss zusammenhängen. Dieser Misstand könnte allerdings ohne wesentliche Aenderungen in der Plandisposition überwunden werden. Der westliche Mittelbau mit dem Hauptvestibül (Bahnhof) ist etwas zu stark entwickelt und lässt die zweigeschossigen Flügel fast gedrückt erscheinen. Mit anerkennenswerther Gewandtheite sind die Formen der späteren Renaissance gehandhabt, wenn gleich in manchen Dekorationsmotiven ein feinerer Maasstab zu wünschen wäre. Es fehlen einzelne kleinere Räume; auch sind die vorhandenen theilweise zu knapp gerathen.“

Der Entwurf von Schulz u. Schlichting in Berlin (Abbildg. 12 u. 13) möge die Reihe der hier vorgeführten Entwürfe beschliessem. Ueber diesen Entwurf äussert das Preisgericht:

Abbildg. 12 – Entwurf von Schulz und Schlichting in Berlin
Abbildg. 13 – Entwurf von Schulz und Schlichting in Berlin (zum Ankauf empfohlen)

„No. 44 hat eine klare übersichtliche Grunddisposition mit 2 Binnenhöfen und grossem Vestibül und sonst guter Aufeinanderfolge der Räume, aber ohne den nöthigen guten Zusammenhang, wie er für die Abhaltung grosser Festlichkeiten (Maskenbälle u. dergl.) erwünscht und erforderlich ist. Der Saalboden liegt 4 m über der äusseren Bodenfläche, also noch in zulässiger Höhe. Die Luft- und Lichtverhältnisse sind günstige, die Raumverhältnisse der Säle und die Dekoration derselben sind gute, die Aussenarchitektur einfach und charakteristisch. Auch dieser Entwurf lässt sich um eine geringere Summe, als ausgeworfen, ausführen.“

Auf die beiden anderen angekauften Entwürfe „Fontes Mattiaci“ von Hubert Stier in Hannover und „Mignon“ von Spannagel in München, wie auf eine Reihe anderer Arbeiten, bei denen sich noch manches tüchtige Streben kundgiebt, kann an dieser Stelle leider näher nicht eingegangen werden. Bei mehren dieser Entwürfe sind die Verfasser, was wir stets freudig begrüssen, aus der Anonymität herausgetreten. Es haben sich genannt als Verfasser der Arbeit No. 2 „Rheingau“ Gustav Meyer in Berlin, No. 5 „Kurleben“ W. Bogler in Wiesbaden, No. 29 „Nero“ Puttfarcken u. Janda in Hamburg, No. 33 „(Zwei verschlungene Kreise)‘ Franz Kuhn in Heidelberg, No. 41 „Vita“ Henry Helbig u. Ernst Haiger in München.

Dieser Artikel erschien zuerst am 26.01., 02.02. & 09.02.1898 in der Deutsche Bauzeitung.