Die Umgestaltung des Stadttheils zwischen dem Kgl. Hofgarten und der St. Anna-Kirche in München

Eine Zeitungs-Nachricht aus München meldet, dass die dortige städtische Lokal-Baukommission in ihrer letzten Sitzung den von dem Architekten Otto Lasne aufgestellten Plan zur Umgestaltung des Stadtviertels zwischen dem Kgl. Hofgarten und der St. Anna-Kirche genehmigt habe.

Hr. Bürgermeister Borscht sprach bei dieser Gelegenheit seine sondere Genugthuung aus, dass durch das schöpferische Vorgehen eines Privat-Baumeisters ein Plan ausgearbeitet worden sei, der wohl zum Bedeutendsten und Schönsten höre, was für die neue Stadterweiterung in Vorschlag gebracht worden sei. Weitere Maassregeln zur Verwirklchung des Lasne’schen Entwurfs wurden dem Magistrate anheim gestellt.

Mit diesem Beschlusse ist in einer Angelegenheit, welche seit einem halben Jahre nicht nur die kunstsinnigen Kreise Münchens, sondern auch anderwärts alle diejenigen, welche an einer weiteren Entwicklung der schönen süddeutschen Hauptstadt Interresse nehmen, lebhaft beschäftigt, ein erster bedeutsamer Schritt geschehen. Der inrede stehende Stadttheil – amtlich die St. Anna-Vorstadt genannt, vom Volksmunde dagegen als die Gegend „am Lehel“ oder Lechl bezeichnet – gehört zu denjenigen Geländen von Alt-München, die trotz ihrer günstigen Lage in ihrer Entwicklung verhältnissmässig weit zurückgeblieben sind und im wesentlichen noch das Gepräge der alten ärmlichen Zeit sich bewahrt haben. Wer es in den letzten Jahren versucht hat, vom Hofgarten oder von der Maximilian-Strasse aus die schöne Schöpfung Gabriel Seidl’s, die neue St. Anna-Kirche (Deutsche Bauzeitung Jhrg. 95, No. 44.) zu erreichen, wird sich des Gewirrs enger, von Häusern schlechtester Art gebildeten Gassen und Gässchen noch erinnern, durch die er seinen Weg nehmen musste. Weder die Anlage der neuen Prinzregenten-Strasse, welche nunmehr den nördlichen Abschluss des im Süden von der Maximilian-Strasse begrenzten Viertels bildet, noch der Ausbau seines östlichen, an die Isar stossenden Theils haben an diesen Zuständen viel geändert.

Lageplan

Wirkliche Abhilfe kann nur durch die Erschliessung des Viertels mittels eines in das Herz desselben geführten, vornehmen Strassenzugs erzielt werden.

Eine solche Erschliessung der St. Anna-Vorstadt hatte Hr. Lasne schon vor 2 Jahren in seinem für den Wettbewerb um den neuen Münchener Stadterweiterungsplan aufgestellten Entwurf vorgesehen. Er hat seinen damaligen Gedanken seither ausreifen lassen und ihn in Verbindung mit einem Vorschlage zur Ausgestaltung des Kgl. Hofgartens in einer im April d. J, erschienenen Veröffentlichung ( „Ein Vorschlag zur Ausgestaltung der Umgebung des Festsaalbaues der Kgl. Residenz und zur Erschliessung der St, Anus -Vorstadt in München. Mit 10 Bildtafeln. München 1895, Druck von Knorr & Hirth.“) als künstlerisch durchgebildeten Entwurf seinen Mitbürgern vorgelegt.

Die Anregung zu seinem Vorgehen hat Hr. Lasne aus dem Umstande geschöpft, dass zur Zeit besonders günstige Vorbedingungen für die Ausführung weitgehender Umgestaltungen auf dem fraglichen Gelände vorhanden sind. Nicht nur ist die alte Kaserne des Kgl. Leib-Infanterie-Regiments, welche bisher den östlichen Abschluss des Kgl. Hofgartens bildete, seit der letzten in derselben zum Ausbruch gelangten Typhus-Epidemie aufgegeben und zum Abbruch bestimmt: auch die weiter östlich gelegene Lehel-Kaserne ist schon längst verlassen, und ebenso verschliessen sich die Nachbarn derselben, die Mönche des der neuen St. Anna-Kirche gegenüber liegenden Franziskaner-Klosters, der Nothwendigkeit nicht, anstelle ihres völlig durchfeuchteten baufälligen Klosters einen Neubau zu errichten.

Der nebenstehende Lageplan sowie die mitgetheilten beiden, der Lasne’schen Veröffentlichung entlehnten Ansichten dürften genügen, um nicht nur von den Neugestaltungen, welche Hr. Lasne plant, sondern auch von der künstlerischen und monumentalen Art, in welcher er die Durchführung derselben ins Werk gesetzt sehen möchte, ein klares Bild zu liefern. Der Plan – obgleich in einheitlichem Geiste ersonnen und entwickelt – gliedert sich von selbst in zwei auch im Titel jener Veröffentlichung hervortretende Theile.

Was mit dem durch Niederlegung der alten Hofgarten-Kaserne frei werdenden Gelände geschehen solle, hat in München schon den Gegenstand mannichfacher Erwägungen gebildet. Während man von der einen Seite daran gedacht hatte, es für den Neubau des National-Museums zu benutzen, war von anderer Seite vorgeschlagen worden, hier wieder (wie vor alter Zeit) einen Teich anzulegen – Pläne, von denen der erste mittlerweile gegenstandslos geworden ist, während der zweite sich unter den Verhältnissen der Gegenwart wohl kaum zur Verwirklichung empfiehlt. Hr. Lasne, der nicht nur den Abbruch der eigentlichen Kaserne voraussetzt. sondern auch sämmtliche Baulichkeiten zwischen dieser und der Piloty-Strasse, sowie die zwischen dem Marstall-Platz und der Wurzer Strasse liegenden Häuser auf der Südseite der Hofgarten-Strasse beseitigen will, nimmt den grössten Theil dieses freigelegten, entsprechend zu erhöhenden Geländes für eine Vergrösserung des Hotgartens inanspruch. Dem letzteren, der hierdurch eine regelmässige Form erhalten würde, ist aber auch ein monumentaler Abschluss zugedacht. An seiner Ostseite soll ein grosser, bis zur Piloty-Strasse reichender Neubau errichtet werden, in dessen Erdgeschoss ein den Arkaden auf der West- und Nordseite des Hofgartens entsprechender, mit Läden für den Kunst- oder Gewerbe-Handel verbundener Bogengang sich öffnet, In den seitlichen Flügeln könnten Wohnungen für Hof- und Staatsbeamte angelegt werden, während der mittlere Theil als ein Festbau gedacht ist, in dem Festspiele, Theater-Aufführungen, Konzerte und Feste aller Art, aber auch Ausstellungen usw.

stattfinden könnten. Zur Ausfüllung der im Süden entstandenen Lücke soll ein für die Zwecke der Kgl. Hofhaltung bestimmter Bau dienen, der in der Flucht des Festsaal-Baues der Residenz und im Anschluss an die Architektur desselben bis zur Marstall-Strasse zu führen wäre. Ein zwischen ihm und dem grossen Ostbau errichtetes Thor, in dem sich die Arkade des letzteren forsetzt, würde den Abschluss der Ostseite vollenden. Ein kleines Thor soll auf der Nordseite des Hofgartens den Ausgang nach der Galerie-Strasse bezw. der Prinzregenten-Strasse bezeichnen. – Selbstverständlich ist es, dass daneben noch eine vornehme Ausstattung des Platzes selbst mit Denkmälern, Fahnenmasten, Pylonen, Brunnen, Balustraden usw. ins Werk zu setzen wäre.

Der ganze Plan hat etwas ungemein Ansprechendes. Durch einen monumentalen, im Sinne einer Steigerung behandelten Abschluss nach Osten würde der bisher stark vernachlässigte Hofgarten erst das werden, wozu er bestimmt ist und was keine andere deutsche Stadt besitzt: ein dem durchgehenden Geschäftsverkehr entrücktes Forum der Residenz, auf dem sich ständig ein Theil ihres öffentlichen, insbesondere festlichen Lebens abspielen könnte. Auch ein Bau von der Bestimmung, wie ihn Hr. Lasne für jenen Platz geplant hat, müsste der Stadt im höchsten Grade willkommen sein. Würde doch mit demselben ein Theil der Absichten verwirklicht, denen einst der von König Ludwig II. geplante Bau des Semper-Wagner’schen Festtheaters dienen sollte und die vereitelt zu haben heute wohl die ganze Bevölkerung Münchens schmerzlich bedauert.

Entwurf zu einem Gebäude auf der Ostseite des Kgl. Hofgartens

Nicht minder ansprechend ist der zweite Theil des Entwurfs, der im wesentlichen auf die Durchlegung eines Strassenzuges von jenem neu zu schaffenden Ostthore des Hofgartens bis zur St. Anna-Strasse und Kirche sich beschränkt, mit welcher einige Begradigungen und stellenweise Erweiterungen der durchschnittenen älteren Strassen verbunden werden sollen. An der Art, wie Hr. Lasne diese Aufgabe aufgefasst hat, kann man recht deutlich sehen, wie sehr und wie glücklich sich in jüngster Zeit unsere Ansichten über die Ziele des Städtebaues geändert haben. Noch vor 10 Jahren würde man es vermuthlich als die beste Lösung betrachtet haben, die neue Strasse von jenem Thore bezw. von der Einmündung der Hofgarten-Strasse in die Piloty-Strasse in schnurgerader Richtung auf den Thurm der St. Anna-Kirche zu führen. Anders Hr. Lasne, der sich bei seinem Plane anscheinend zunächst von dem Wunsche hat leiten lassen, das an der Wurzer-Strasse stehende Gebäude der kgl. Zivilliste zu erhalten. Wenn man aus jenem Thor in die gleichfalls von Arkaden begleitete Fortsetzung der Hofgarten-Strasse hinaus tritt, so erblickt man vor sich einen kleinen Platz, in dessen Axe – durch den mittleren Thorbogen schon von der Westseite des Hofgartens sichtbar – die abgestumpfte Ecke des von der Christoph-Strasse, dem neuen Strassenzüge und der verlängerten Herzog Rudolf-Strasse umschlossenen Baublocks emporragt. Vor des Front des betreffenden Hauses, das sich besonders gut zur Aufnahme eines vornehmen Cafes oder Restaurants eignen würde, ist ein Brunnen mit reichem bildnerischen Schmuck geplant. Eingerahmt wird diese Gruppe auf der linken Seite durch das Eckhaus der Piloty- und Christoph-Strasse, das sich Hr. Lasne als einen monumentalen Privatbau im Stile deutscher Renaissance denkt, auf der rechten Seite durch das erwähnte Gebäude der kgl. Ziviliste, das zum Eckhaus der Wurzer-Str. Und des neuen Strassenzuges geworden ist. Der letztere ist in leichter Krümmung so geführt, dass er rechtwinklig auf den St. Anna-Platz ausmündet, jedoch breit genug angelegt, um schon aus der südlichen Arcade der verlängerten Hofgarten-Strasse einen freien Ausblick auf die charaktervolle Baumasse der St. Anna-Kirche und ihren Thurm zu gewähren. Eine durchaus natürliche und ungezwungene Lösung, die ebenso alle Bedingungen und der Zweckmässigkeit entspricht, wie sie eine Reihe der reizvollsten Strassenbilder liefern würde.

Dass auch die Durchführung dieses Theiles der Lasne’schen Vorschläge München zum ausserordentlichen Vortheile gereichen und dass auf diese Weise binnen kurzer Zeit die Umwandelung des Lehel-Viertels zu einer vornehmen Stadtgegend erzielt werden könnte, bedarf wohl keines Beweises. Weitere Verbesserungen, die zu diesem Zwecke erwünscht wären und zu welchen wir in erster Linie eine Verbreiterung der Wurzer Strasse rechnen würden, dürften sich nach und nach unschwer anschließen lassen.

Blick in den zur St. Anna-Kirche führenden Strassenzug

Freilich sind die Schwierigkeiten, die dem ganzen nehmen imwege stehen, nicht zu verkennen. Sie dürfen auch durchaus nicht unterschätzt werden. Handelt es sich bei der geplanten Ausgestaltung des Kgl. Hofgarten um die Beschaffung sehr bedeutender Baumittel, welche die Stadtgemeinde München herzugeben wohl kaum geneigt sein wird, so kommt bei der Anlage des inrede stehenden neuen Strassenzugs, deren Kosten durch den Verkauf der gewonnenen neuen Baustellen annähernd Deckung finden dürften, vor allem die Sorge inbetracht, dass die hier von einzeln Bauherren zu errichtenden Baulichkeiten künstlerisch den Anforderungen entsprechen, die man im Interesse der Allgemeinheit an sie stellen muss. Inwieweit hier ein Zwang ausgeübt werden kann und darf, ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Was Hr. Lasne hierzu an Vorschlägen geliefert hat, ist natürlich nur als Skizze zu betrachten, an der schon aus dem Grunde nicht festgehalten werden kann, weil zunächst die Grundrissgestaltung der betreffenden Häuser maassgebend sein wird, diese aber von den durch die Bauherrn zu stellenden Programmen abhängig ist. Wir haben demzufolge auch geglaubt, nicht näher auf diese, im Einzelnen vielfach sehr anmuthenden Bilder eingehen zu sollen. Am leichtesten würde sich die Stadt Einfluss auf die ästhetische Gestaltung der hier zu schaffenden Neubauten sichern können, wenn sie ihrerseits einen Beitrag zu den Kosten der Fassaden gewährte, Doch alles das sind spätere Sorgen, die bei dem guten Willen, etwas Schönes und Würdiges zum Heile Münchens zustande zu bringen, wie er ja allerseits vorhanden zu sein scheint, gewiss werden überwunden werden und mit denen wir uns daher nicht weiter beschäftigen wollen. Bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge liegt es uns zunächst nur ob, dem Künstler, der jenen Plan zur Verschönerung seiner Vaterstadt ersonnnen und ihm so glückliche Gestalt geliehen hat, zu dem errungenen Erfolge unseren herzlichsten Glückwunsch darzubringen.

Dieser Artikel erschien zuerst am 23.11.1895 in der Deutsche Bauzeitung, er war gekennzeichnet mit „-F.-„.