Annie Besant

Annie Besant ist am 1. Oktober 1847 in London geboren.

In ihren Adern läuft zu dreivierteln irisches Blut, und daher mag ihr etwas träumerisches Wesen stammen, der Hang zum Grübeln und zu einer gewissen Schwärmerei. Wie in so vielen irischen Familien spielt in ihrer eigenen das spontane Hellsehen, das sogenannte zweite Gesicht, eine Rolle. Von der Mutter erzählt sie in ihrer Autobiographie zwei merkwürdige Fälle. Auch über sie selbst zirkulieren seltsame Geschichten, doch spricht sie nie davon und antwortet auch nicht auf derartige Fragen.

Ihre Jugend verlief ruhig und glatt; die Erziehung war die jeder Engländerin aus gutem Haus, streng nach konventionellen Regeln, vollkommen orthodox in religiöser Beziehung. Annie zeigte sich hierfür besonders empfänglich und trug sich eine Zeitlang mit dem Gedanken, barmherzige Schwester zu werden. Doch ihre Verlobung und Heirat mit dem Rev. Frank Besant trat dazwischen. Bis dahin hatte nichts darauf hingewiesen, daß sie aus besonderem Holz geschnitzt wäre, aber nun kam plötzlich ein neuer Charakterzug an ihr zum Vorschein: ein unbändiger Stolz. Sie war in diese Ehe wider ihren Willen hineingetrieben worden, ohne Liebe, ohne ihren Mann nur ordentlich zu kennen, ohne zu wissen, was die Ehe überhaupt bedeute. Rebellierte sie schon gegen ihre natürlichen Pflichten, so wurde die Sache noch verschlimmert, da ihr Mann sie nicht verstand. Er gab harte Worte, wo er hätte mild anfassen müssen. So entstand sofort ein tiefer Riß zwischen den Gatten, der unheilbar wurde, als sich bei Annie religiöse Zweifel einstellten. Diese warfen die junge Frau in einen furchtbaren Gewissenskampf, führten sie sogar an den Rand des Selbstmords. Zu stolz, einen Kompromiß mit sich zu schließen, weigerte sie sich offen, am Abendmahl teilzunehmen und führte so den Bruch herbei. Ihr kleiner Sohn wurde dem Vater zugesprochen, während sie mit ihrer Tochter nach London zog.

Von jetzt ab begann ihr Kampf gegen die ganze englische Gesellschaft, in der das Wort „Atheistin“ noch ganz anders wirkt, wie bei uns. Und Annie bekannte sich als solche. Aber sie war nun ein fertiger Charakter und nahm den Kampf auf. Alles war ihr lieber, als mit einer Lüge durchs Leben zu gehn. Unter unsäglichen Schwierigkeiten gelang es ihr, sich mühsam durchzuschlagen. Verdächtigungen und Verleumdungen der schlimmsten Art fehlten ihr nicht – man nahm ihr sogar ihr Töchterchen unter dem Vorwand, daß sie nicht geeignet sei, dessen Erziehung zu leiten. Endlich traf sie mit Charles Bradlaugh zusammen, dem bekannten Freidenker und Sozialreformer. Dieser erkannte ihre Bedeutung und brachte sie in das richtige Fahrwasser. Sie entwickelte nach und nach eine enorme Thätigkeit als Schriftstellerin, Journalistin und Rednerin, namentlich von der Zeit ab, da sie ganz ins sozialistische Lager übergegangen war. Nebenher gewann sie das Diplom als Lehrerin in sechs wissenschaftlichen Fächern, obwohl man ihr große Schwierigkeiten bereitete, unter anderm den Zutritt zum botanischen Institut verbot, um die dort arbeitenden jungen Mädchen vor der Berührung mit einer Atheistin zu schützen. Durch das Studium der Evolutionisten wurde sie aber nach und nach darauf geführt, es müßte doch irgendetwas da sein, das die scheinbar so klare materialistische Theorie trüben könnte. Sie befaßte sich nun mit psychologischen Studien im weitesten Sinn: Hypnotismus, Traum, Halluzination, Illusion, Irrsinn. Bald „überzeugte“ sie sich von der „Wirklichkeit“ des Gedankenlesens, des Hellsehens und Hellhörens, endlich auch der spiritistischen Phänomene, obwohl sie die Erklärung der Spiritisten für letztere als unglaublich zurückwies. Ihr Tasten und Suchen wurde immer dringender, da sie alle diese Dinge nicht als übernatürlich auffaßte, sondern nur noch unbekannte Naturgesetze dahinter vermutete.

Annie Besant, die bekannte engliche Theosophin

Als sie dann die „Geheimlehre“ von B. P. Blavatsky für eine Zeitung zu besprechen bekam, wurde ihr dieses Buch zur Offenbarung. Sie suchte die merkwürdige Verfasserin auf, und schon nach der dritten Unterredung brach sie zum zweitenmal mit ihrer ganzen Vergangenheit, mit ihren liebsten Freunden und trat der theosophischen Gesellschaft bei, der sie nun seit dreizehn Jahren alle ihre Kräfte widmet.

Es ist hier nicht der Ort, auf die Lehren der Theosophi einzugehen, und man mag darüber denken, wie man will wenn man nur einmal mit Frau Besant zusammengetroffen ist, so weiß man, daß sie aus voller, ernster Ueberzeugung spricht, frei von allem Komödiantentum, von der Sucht, aufzufallen, von Hysterie. Ihr ganzes Leben war ein Suchen nach Wahrheit und Eintreten für sie; das hat dem Wesen dieser Frau den Stempel aufgedrückt. Aus ihrem klaren Blick spricht eine tiefe, innere Ruhe, fast etwas Unpersönliches, als stünde sie über all den Erscheinungen des tägliche Lebens. Nie fällt ein böses Wort gegen ihre einstigen Verleumder, nie liegt ein bitterer Ton in ihrer Stimme wenn sie vom Vergangenen spricht. Immer bewahrt sie ein ruhige Würde, gepaart mit fast rührender Bescheidenheit. Ist schon in ihrem früheren Wirken kein egoistisches Motiv, kein persönlicher Ehrgeiz zu finden, so muß das jetzt jeder, der sie kennt, vollends ganz ausschließen. Sie opfert sich vollständig für ihre Sache, und die nun fünfundfünfzigjährige Frau entwickelt dabei eine Leistungsfähigkeit, die geradezu staunenswert ist. Sie beantwortet eigenhändig jeden Brief, weist nie jemand zurück, der sie gerne sprechen will, schreibt Buch um Buch und hält durchschnittlich jede Woche wohl vier bis fünf Vorträge.

Der Schwerpunkt ihrer Thätigkeit liegt heute in Indien, wo sie daran arbeitet, den Hindus das Vertrauen zu den Lehren der uralten Weisheit zurückzugeben, ein Vertrauen, das durch das Eindringen der westlichen Kultur mit ihrer naturalistischen Richtung gefährdet erscheint. In all dem leitet sie eine edle Menschenliebe, die sie heute selbst viel höher stellt, als die andere, die sie einst dem Sozialismus in die Arme trieb.

Wie gesagt: man mag über ihre philosophische Ueberzeugung denken, wie man will, für Annie Besant als Persönlichkeit kann man nur Sympathie und tiefe Achtung empfinden. So kommt es denn, daß sie heute in der ganzen Welt verehrt wird daß sie wohl Gegner, aber keine Feinde hat.

Dieser Artikel erschien zuerst in Die Woche 47/1902.