Auf Deutschlands Edelsitzen 1 – Schloß Koppitz in Oberschlesien

Nicht weit von Grottkau, hart an der Grenze von Ober- und Niederschlesien, dort, wo die Glatzer Neisse ihre oft so verderbenbringenden Fluten dahinwälzt, grüßt den Wanderer schon von ferne ein stolzer Bau, das im edelsten gotischen Stil errichtete Schloß Koppitz.

Das Schloß, dessen Ursprung bis in das Jahr 1360 zurückreicht, wurde in seiner heutigen Gestalt unter der Herrschaft der Grafen Siersdorpff neuerbaut und befindet sich nun seit nahezu einem halben Jahrhundert im Besitz des Grafen Hans-Ulrich Schaffgotsch.

Das Geschlecht des Hauses Schaffgotsch, das dem deutschen Uradel angehört, läßt sich bis in die Zeit der Kreuzzüge zurückverfolgen, darüber hinaus gehört es, wie alle Geschlechter des Uradels, der Sage an. Und diese Sage erzählt von einem jungen Schäfer Gotsche, der unter irgendeinem der schlesischen Herzöge friedlich seine Schafe weidete. Da geschah es, daß ein Ungeheuer, der Vogel Greif, die Landesteile des Herzogs heimsuchte. Menschen und Vieh fielen dem unersättlichen Würger zum Opfer. Der Fürst des Landes that den Schwur, denjenigen, wer immer er sei, zu seinem Ritter zu schlagen, der die Gegend von dem Untier befreien würde. Und was den kampferprobten Rittern und Edlen nicht gelingen wollte, machte der junge Schäfer zur That, er erschlug den Vogel Greif, und der Herzog hielt Wort und erhob den schlichten Mann aus dem Volk in den Ritterstand. Das ist in kurzen Worten die sage vom Schäfer Gotsche, der den Vogel Greif erschlug. Ein schönes Freskogemälde in der Halle des Schlosses Koppitz veranschaulicht in fesselnder Weise den Augenblick, in dem der Herzog, umgeben von seinen Rittern und Mannen, dem mutigen und starken Jüngling den Ritterschlag erteilt. Im Hintergrund des Bildes erblickt man vier Männer, die auf einer Bahre von Baumästen den Riesenleib des gefällten Ungeheuers herbeitragen. Der junge Ritter erhielt den Namen „Schaffgotsche“ – der Gotsche, der einst die Schafe hütete – und sein Geschlecht verzweigte sich in vielen Linien über Schlesien und die angrenzenden Länder.

Graf Hans-Ulrich und Gräfin Johanna Schaffgotsch im Herrenzimmer des Schlosses Koppitz

Eine dieser Linien residiert heute auf dem Schloß Koppitz, vertreten durch den Grafen Hans-Ulrich. Der Graf, der lange Jahre hindurch parlamentarisch thätig war, hat sich jetzt ganz in das Privatleben zurückgezogen. Vor wenigen Monaten feierte er unter allgemeiner Teilnahme der umwohnenden Bevölkerung seinen siebzigsten Geburtstag. Die schöne Jahreszeit verbringt er auf seinem geliebten Koppitz, nur in den Wintermonaten bewohnt er sein schönes, stattliches Palais in Breslau.

Mit Koppitz schuf sich Graf Schaffgotsch im Zeitraum von etwa vierzig Jahren ein ganz entzückendes Heim. Das Schloß wurde von ihm im reinen gotischen Stil ausgebaut, und rings um den stolzen Herrensitz ward ein schöner, großer Park angelegt. Die Vorderfront des Schlosses spiegelt sich in einem klaren, inselreichen See, auf dem silberglänzende Schwäne anmutig dahinziehen. Zwei künstliche Hirsche in kampfbereiter Haltung bewachen den Zugang zum Wasser, über das ein schlankes Monument herüberwinkt. Graf Schaffgotsch hat dort den Söhnen der Herrschaft und des Ortes Koppitz, die im ruhmreichen Feldzug gegen Frankreich starben, ein ehrendes Denkmal errichtet.

Die Familie des Grafen Hans Karl Schaffgotsch beim Thee im Gartenhaus des Parkes von Schloss Zülzhoff

Vor der rechten Seite der Schloßfront ist eine kleine Bastion in den See hineingebaut, auf der eine Mitrailleuse sehr stimmungsvoll die Einfahrt in den Hafen zu blockieren scheint. Ueber eine kleine, mit gotischen Spitztürmchen geschmückte Brücke gelangt man zur linken Seite nach dem Marstall des Grafen, der eine stattliche Anzahl wertvoller Pferde und eine Sammlung schöner Geschirre enthält. Die Hinterfront des Schlosses blickt weit hinein in den Park über grünende Wiesen, bunte Teppichbeete und geschmackvoll angelegte Baumgruppen, aus deren dunklem Grün hier ein weißer Tempel, dort eine täuschend nachgeahmte Ruine hervorlugen. Die linke Seite dieser Front flankiert die gleichfalls im streng gotischen Stil ausgeführte und erst 1897 vollendete Schloßkapelle, deren Inneres, licht und freundlich, sehr anheimelt und ein Herzenskleinod der Gräfin bildet. Bei richtiger Beleuchtung entzückt das Auge des Beschauers vom Chor herab eine wechselnde Fülle von schimmernden Farbenreflexen. Gegenüber der Kapelle liegen auf der rechten Flanke der Hinterfront die Gewächshäuser, in deren hochaufragenden Glashallen die üppige Flora der Tropen blüht und duftet. Doch im Schloß selbst, in seinen weiten, luftigen Räumen, da wohnen vornehme Behaglichkeit und freundliche Gastlichkeit.

Der Graf und seine Gemahlin, eine geborene Gryzik von Schomberg-Godulla, wetteifern in ihren Bemühungen dem Besucher den Aufenthalt auf Koppitz so angenehm als nur möglich zu machen.

Schloss Koppitz in Oberschlesien

Drei Tage war ich Gast des gräflichen Paares, und ich denke mit innigem Vergnügen an die dort verlebten Stunden zurück. Der Graf wurde nicht müde, mir mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit im Schloß und Park zu zeigen, was er mehr denn ein Menschenalter hindurch mit Liebe und Kunstverständnis geschaffen. Er durchschritt mit mir die mit gediegenen Eleganz ausgestatteten Innenräume, machte mich bald auf ein kostbares Gemälde, bald auf einen seltene Kunstgegenstand, bald auf irgendeine besondere Jagdtrophäe aufmerksam. Ich wanderte an seiner Seite durch den Park, der des schönen und Reizvollen so viel bietet, daß es zu weit führen würde, all die Ueberraschungen aufzuzählen, die man erblickte. Sah man zur linken Hand eine köstliche Ecke, wo unter palmenartigen Farnwedeln ein sprungbereiter künstlicher Löwe kauerte, ein geschmeidiger Panther die Zähne fletschte, so gewahrte man gleich darauf zur rechten eine kleine Alpenlandschaft, auf deren moosumwucherten Felsen schlanke Gemsen sicherten und jeden Augenblick zur Flucht bereit schienen.

Des Grafen größter Stolz ist aber sein Tierpark, wohl ein halbes Tausend Stück Rot, und Damwild bevölkern diesen Park. Rudelweise zogen die edlen Tiere an dem Wagen vorbei, in dem mich der Graf persönlich hinausfuhr. Starke Edelhirsche mit prächtigem, vielzackigen Geweih, zutrauliche Tiere mit ihren Kälbchen ästen ruhig zu seiten des Waldwegs. Zierlich gebaute Schaufler äugten uns an, trabten rege vorbei und wurden erst bei allmählichem Näherkommen flüchtig. Die freundlichen Geschöpfe schienen zu wissen, daß ihr gefährlichster Feind, der Mensch, in der jetzt herrschenden Schonzeit sein tödliches Rohr zu Hause gelassen hat.

Kriegerdenkmal im Park von Koppitz
Aus dem Wildpark des Grafen Schaffgotsch in Koppitz

Doch beginnt sich später im Tierpark das Laub der Bäume fahl zu färben, naht die Zeit der Brunst heran, dann gewinnt das friedliche Bild gar bald ein anderes Ansehen. Dann schallt das Hifthorn zwischen den Buchen und Tannen, dann durchstreifen die Hunde das Gehölz, lustig knallen die Büchsen, und so manches edle Stück Wild erliegt dem selten fehlenden Blei des Grafen und seiner Jagdgäste. Der Graf, der ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn ist, besitzt eine reichhaltige Geweihsammlung von etwa 2800 Stück selbsterlegten Wildes.

Mit Ausnahme der Jagdzeit ziehen jedoch die Tage in Koppitz dem gräflichen Paar ruhig und freundlich dahin, verschönt durch die häufige Anwesenheit ihrer in nächster Nähe verheirateten Kinder.

Blick in den Park von Koppitz

So wohnt nur eine Stunde von Koppitz entfernt auf seinem Schloß Zülzhoff ihr Sohn, der Graf Hans Karl Schaffgotsch, mit seiner Gemahlin, einer geborenen Freiin von Fürstenberg, und drei reizenden Kindern. Auch auf Zülzhoff wurde mir nach traditionell Schaffgotschem Gebrauch die herzlichste Gastfreundschaft zu teil. Zwischen beiden Schlössern herrscht reger gegenseitiger Verkehr; doch am meisten beglückt es die Großeltern, wenn sie von ihrer großen Schar blühender Enkelkinder in Koppitz umgeben sind.

Nur ungern schied ich von dem gastlichen Schloß, und noch lange blickte ich zurück nach seinem hohen Turm, von dem mir die rotweiße Flagge, die Wappenfarbe der Grafen Schaffgotsch, den letzten Scheidegruß nachsandte.

Dieser Artikel von Chlodwig Graf zu Sayn-Wittgenstein erschien zuerst am 04.10.1902 in Die Woche.