Das Lechthal

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Nahezu achtzehn Stunden lang zieht sich das Lechthal in den Bergen Nordtirols von Reute bis zur Lechquelle hinauf, welche oben auf dem Kamme des Gebirges in der Nähe des Formarinsee’s zu Tage tritt. In seinem unteren Theile dem Voralpenlande angehörig, erscheint es von Holzgau aus als ein großartiges Hochalpenthal, das dem Wanderer eine Reihe von prächtigen Bildern bietet.

Unsere Illustration führt den Leser thalaufwärts von dem bayrischen Städtchen Füssen, wo der Lech in die Hochebene hinaustritt, bis zu der obersten Thalstufe. Das freundliche, uralte Städtchen Füssen (Skizze 3), überragt von der 1322 erbauten, burgartigen ehemaligen Residenz der Bischöfe, ist in den letzten Jahren zu einem Haupteintrittspunkte in das Gebirge für alle die geworden, welche das nur eine Wegstunde entfernte Schloß Neu-Schwanstein, die edelste und harmonischeste Schöpfung des unglücklichen Ludwig’s II. von Bayern besuchen wollen.

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Von Füssen aus wandert man über den Kniepaß nach Reute zu (Skizze 1), einem auf grünem, weitem Thalboden gelegenen Marktflecken, der als bescheidene Sommerfrische neuerdings immer mehr in Aufnahme kommt und dies um so mehr verdient, als sich von dort aus eine Fülle von genußreichen Tagesausflügen nach allen Himmelsgegenden machen läßt.

Bilder aus dem Lechthale
Bilder aus dem Lechthale, Nach Originalskizzen von C. Dietrich. 1. Das Lechthal vom Kniepaß aus gesehen. 2. Bad Knöckelmoos und Ehrenberger Klause. 3. Füssen. 4. Dorf Lech. 5. Warth. 6. Dorf Lend.

Eine halbe Stunde südöstlich von Reute, am Beginn des Passes Ehrenberg, der hinüber ins Achenbachthal führt, liegt das kleine Bad Knöckelmoos und eine halbe Stunde weiter die malerische, historisch denkwürdige Ehrenberger Klause (Skizze 2), die schon zu den Römerzeiten diesen Engpaß sperrte. Wir wenden uns nun in das eigentliche Lechthal hinein, das zwei Stunden weiter aufwärts bei Weißenbach schon bedeutend enger und interessanter wird. Eine tüchtige Wanderung von weiteren fünf Stunden bringt uns nach dem Dorfe Elbigenalp, dem früheren Lieblingsaufenthalte der Königin-Mutter von Bayern, die am 17. Mai 1889 im Schloß Hohenschwangau gestorben ist (vergl. Heft 24 des Jahrgangs 1889). Von dort aus sind nur noch 3 Kilometer bis Dorf Lend (Skizze 6), an der Einmündung des Alpenschonerthals.

Hier tritt bereits der Hochgebirgscharakter des Lechthales wirkungsvoll hervor. Von nun an steigern sich die landschaftlichen Eindrücke von Stufe zu Stufe. Holzgau, Steg, Lechleiten, Warth (Skizze 5) bilden lauter alpine Schaustücke, und auf der Gebirgsstraße hoch über dem in engem Felsenthale dahinrauschenden Flusse fortwandernd, gelangen wir zum Dorfe Lech in 1438 Meter Höhe (Skizze 4), dem Hauplorte des obersten Lechgebietes. Von dort aus klettert man in 3 Stunden zur Lechquelle und zum Formarinsee hinauf (1808 Meter). Wer nach Vorarlberg will, braucht nicht umzukehren, sondern hat einen leichten Uebergang über das Rauhe Joch nach Dalaas.

Dieser Artikel erschien zuerst in Heft 10/1890 des Das Buch für Alle.