Die neuen schmiedeeisernen Thore am königlichen Schlosse zu Berlin

Seit die kaiserliche Familie bei ihrer Anwesenheit in Berlin ihren Wohnsitz im Schlüter’schen königlichen Schlosse genommen, hat sich das Bedürfniss herausgestellt, den früheren freien Verkehr durch den Schlosshof einzustellen und das Schloss nach den 3 Seiten des Lustgartens, des Schloss-Platzes und der Schlossfreiheit abzusperren.

Zu diesem Zwecke wurden für die Portale I-V eine Reihe mächtiger schmiedeiserner Thore entworfen, in deren Ausführung sich die Firmen Ed. Puls und Schulz & Holdefleiss in Berlin, sowie Gebrüder Armbrüster in Frankfurt a. M. derart theilten, dass die Portale nach der Seite des Schloss-Platzes (I und II), sowie der mächtige Abschluss des Eosanderschen Portales nach der Schlossfreiheit (III), der grossen Mittelöffnung und der beiden Seitenöffnungen, an Ed. Puls, das Portal IV, gegen den Lustgarten an Schulz & Holdefleiss und das Portal V gegen die neue Kaiser-Wilhelms-Brücke an die Gebrüder Armbrüster übertragen wurden. Als Unterlage für die Ausführung dienten Entwurfs-Skizzen im Maassstabe von 1:25, welche für die Seiten gegen den Schlossplatz und den Lustgarten von dem damals vom Hofmarschall-Amte beschäftigten Bau-Inspektor Kieschke, für die Seite gegen die Schlossfreiheit von Hofbau-Inspektor Bohnstedt bearbeitet wurden, während die sämmtlichen ornamentalen und konstruktiven Werk-Zeichnungen in den einzelnen Werkstätten der mit der Ausführung betrauten Firmen entstanden sind.

Wir geben in einer Beilage dieser Nummer eine nach der Natur hergestellte Abbildung des Thor-Abschlusses der grossen Mittelöffnung des Eosander’schen Portals, im Texte in kleinerem Maassstabe eine Abbildung des Abschlusses einer der beiden kleinen Seitenöffnungen desselben, denen demnächst noch eine Abbildung des Thorabschlusses von Portal V folgen soll.

Unter Hinweis auf diese grossen Abbildungen glauben wir einer weiteren Beschreibung der Thore enthoben zu sein und bemerken nur, dass die Thore der Portale I, II, IV und V nach Art eines dreitheiligen Rahmen-Werkes komponirt sind, wie es durch die umrahmende Architektur geboten ist, sowie, dass diese Thore, um die Zugluft abzuhalten, mit Spiegelscheiben versehen wurden.

Abschluss der Mittelöffnung des Eosander’schen Portales (No. III)

Mit Rücksicht auf die formale Durchbildung sämmtlicher ‚Thore ist zu erwähnen, dass die Höhen-Verhältniss: des geschlossenen Untertheils und des Kämpfers bei sämmtlichen Thoren gegeben waren. Die geschlossenen Untertheile erstrecken sich bis zu einer solchen Höhe, dass sie dem vorübergehenden Fussgänger einen Einblick in die Schlosshöfe nicht gestatten. Es sind 5 architektonische Momente, welche zur künstlerischen Ausschmückung der Thore gegeben waren und dieselbe beeinflusst haben: Der erwähnte, geschlossene, sockelartig wirkende Untertheil der Flügel, der durchbrochene Obertheil derselben, die Schlagleiste, der Kämpfer und der den Kämpfer krönende Aufsatz. In den Hauptmotiven und der Gesammt-Anordnung des Entwurfes zeigen die kleinen Thore Uebereinstimmung, welche sich auch bis zu einem gewissen Grade auf die Thore des Eosander’schen Portals erstreckt, jedoch naturgemäss hier in der Durchbildung der Einzelmotive, besonders des krönenden Abschlusses, Abweichungen erhalten hat, die sich als eine Folge der von den übrigen Thoren so sehr verschiedenen Maasse darstellt.

Die Formengebung sämmtlicher Thore ist die eines reicheren Barockstiles. In der stilistischen Behandlung zeigt sich zwischen den Arbeiten der einzelnen Firmen ein Unterschied, der besonders stark zu Tage tritt zwischen den Arbeiten, die aus der Werkstätte von E. Puls hervorgegangen sind und denen, welche den Werkstätten der Gebrüder Armbrüster in Frankfurt a. M. und von Schulz u. Holdefleiss in Berlin entstammen. Die Puls’schen Arbeiten beherrscht eine ruhigere Tonart, welche sie aus dem architektonischen Rahmen nicht hervortreten lässt, ihnen aber andererseits eine gewisse Selbstständigkeit der Erscheinung nicht raubt. Sie stehen durchaus unter dem Eindruck des strengen, architektonischen Barock, wie es von Schlüter für die geschlossene Komposition des königlichen Schlosses verwendet wurde. Die Einzelformen sind entsprechend ruhig in der Bewegung gehalten, oft in der Strenge ihrer Komposition an die Uebergangszeit von der Renaissance zum Barock-Stil erinnernd. Infolge dieses Umstandes fügen sie sich leicht in den durch das Schloss gebotenen architektonischen Rahmen.

Abschluss der Thoröffnung von Portal V

Das Thor von Gebrüder Armbrüster durchzieht ein Zug freierer Lebhaftigkeit, der namentlich dadurch hervorgerufen wird, dass sich in frei naturalistischer Weise über die strengen architektonischen Linien Pflanzen-Ornamente legen, die in ihrer Bewegung und Modellirung an die Stilfassung der ornamentalen Pflanzen-Gebilde der späteren Rococo-Zeit erinnern, als man es unter dem Einflusse der Lehren von der Rückkehr zur Natur, die durch Jean Jacques Rousseau Verbreitung und Ausdehnung fanden, für gut hielt, auch in die künstlerische Formengebung wieder natürlichere Formen einfliessen zu lassen. Die grossen Linien-Motive schliessen sich vollkommen der gegebenen, strengeren Unterlage an, die Einzel-Ausbildung der Blatt-Ansätze, Blumen usw., ist es jedoch, welche die Stil-Fassung des strengeren Barock verlässt, um sich einer bewegteren Formen-Sprache hinzugeben. Einen ähnlichen Charakter trägt auch das schöne Thor von Schulz & Holdefleiss; auch hier machen sich freiere Einflüsse und das Bestreben bemerkbar, die durch die Architektur gebotenen strengeren Linien in ein möglichst freies Linienspiel überzuführen, wie es ja auch an einer Anzahl der neuesten Bauten Berlin’s nicht ohne Glück versucht ist.

Vom Standpunkte der eigentlichen Schmiedetechnik sind sämmtliche Thore Meisterwerke und Muster für die stilistische Materialbehandlung des Eisens. Ohne die die stolze Kunst des Schmiedens herabwürdigende Anwendung des Meissels, der Feile und ähnlicher Instrumente unzulänglicher Handfertigkeit, sind die einzelnen Theile lediglich mit Feuer und Hammer aus dem vollen Eisen zu ihrer kunstvollen Form gestaltet. Keine mühsamen Feilstriche, keine ängstlichen Verfeinerungen durch den Hammer sind bemerkbar, sondern gleich der erste Hieb sitzt und gibt die frische Form. Auch diese hervorragenden Arbeiten zeigen wieder die durch eine Reihe der wunderbarsten Schmiedewerke des Endes des XVII. und des XVIII. Jahrhunderts belegte und erhärtete Thatsache, dass die höchste Kunst des Schmiedeisens dem Barock- und Rococostile angehört. Man geht kaum zu weit, wenn man behauptet, dass das Schmiedeisen in den Kunstformen in seinem Elemente ist, die dem späteren Barock- und dem Rococostil angehören, in den wilden, launigen und prickelnden Formen mit ihren übermüthigen Verschlingungen und Bewegungen. Die wildeste, in übermüthigster Laune verschlungene Rococo-Blumenranke, die je von einem Maler der Zeit des „Style rocaille“ gemalt wurde, das ist die richtige Vorlage für eine Uebersetzung in Eisen. Nur hier erreicht das Eisen jene Frische und Unmittelbarkeit, welche man hie und da in leicht und graziös hingeworfenen al prima gemalten Blumen, von pikantem, prickelndem Reiz und von überraschender Lebendigkeit bewundert. Schmiedeisen-Arbeiten, welche man früher ihres flotten Vortrags wegen für Meisterwerke ersten Ranges hielt, sinken solchen Arbeiten gegenüber zur philiströsen, mühsam gequälten Arbeit herab, Die neuen Thore des königlichen Schlosses in Berlin bilden Hauptmerksteine in dem siegreichen Eintwicklungsgange, den die Kunst des Schmiedeisens unter dem Einflusse der Stilformen der sinnlich launenhaften Zeit des XVIII. Jahrhunderts genommen. Darin liegt neben der technischen auch ihre kunstkritische Bedeutung.

Auch in anderer Beziehung kann kein Zweifel darüber bestehen, dass die Herstellung der Abschlussthore des kgl. Schlosses zu den bedeutendsten Arbeiten der Schmiedekunst unserer Zeit, ja auch vergangener Zeiten, gehört; übertrifft doch das Thor der Mittelöffnung des Eosander’schen Portales in Grösse die Arbeiten, die bisher als die mächtigsten Schmiedearbeiten gegolten haben: das von Jean Lamour gearbeitete Gitterwerk des Stanislaus-Platzes in Nancy und die von Machenod geschmiedeten Abschlussthore des Würzburger Schlossgartens.. Einem lichten Breitenmaasse von 7,50 m steht bei dem Mittelthore des Eosander’schen Portals eine Höhe von 10 m gegenüber. Das sind Abmessungen, die einzig dastehen und deren Grösse man erst recht zu würdigen vermag, wenn man erfährt, dass das Mittelstück des Aufsatzes über dem Kämpfer allein eine Höhe von rund 3 m hat und mit diesem Maass nicht hinter dem stattlichsten geschmiedeten Thore einer gewöhnlichen Durchfahrt zurücksteht. Welche gewaltige Eisenmassen durch die ausschliesslich verwendete Handarbeit zu bewältigen waren, zeigen die entsprechenden Gewichtsverhältnisse. Jeder der freischwebenden Thorflügel wiegt über 100 Ctr., der Kämpfer 46 Ctr., die den Aufsatz abschliessende Krone allein über 8 Ctr. Dieses grosse Eigengewicht des Thores lässt die Arbeitsleistung schon allein vom Standpunkte der einfachen Bewegung solcher Eisenmassen durch die Hand als eine ganz ausserordentliche erscheinen, besonders wenn man erwägt, dass der Kunstschmied, der keine durch Dampf oder sonstige mechanische Mittel bewegte Hebel, Pressen und Stanzen verwenden kann, mit geschickter, starker Hand das im Feuer erweichte Eisen mit dem Hammer formen und modelliren muss. Es bedarf keines weiteren Hinweises darauf, dass die Befestigung und Handhabung so schwerer Thore ganz besondere Vorkehrungen erfordert, die sich sowohl auf die Konstruktion der Thor-Hügel selbst wie auch auf die Art ihrer Befestigung beziehen, umso mehr, als bei dem Umstände, dass sich die sämmtlichen Thore nach Aussen öffnen und es infolge des Verkehrs nicht möglich war, Schienen zu legen, auf welchen sich die Thore mit Rollen bewegen, die Flügel freischwebend befestigt werden mussten.

Die gewaltigen Verhältnisse des schmiedeisernen Tores der Mittelöffung des Eosander’schen Portales, für deren Beurtheilung man unter anderem auch einen Anhaltspunkt gewinnt, wenn man erfährt, dass der Abschluss des Portales V bei einer Breite von 4,75 m und einer Höhe von 5,75 m das immerhin recht ansehnliche Gewicht von 140 Ctr. hat, mit diesem Gewichte einen Flügel jenes grösseren Thores aber nur mit 40 Ctr. übertrifft, machten natürlich ganz besondere konstruktive Vorrichtungen nöthig, um einestheils das bei grossen Thoranlagen so oft vorkommende Durchbiegen und Senken zu vermeiden, anderntheils aber auch die schweren Flügel, die weder verstrebt, noch auf Rollen gesetzt werden durften, durch die den Eingang bewachende Wache leicht geöffnet und geschlossen werden können. Beide Aufgaben sind vollkommen gelöst. Das Durchbiegen der den Befestigungspunkten zunächst liegenden senkrechten Eisentheile und das Senken der Thorflügel sind durch die kastenförmige, fachwerkartige Durchbildung der senkrechten Eisengruppen und durch eine sehr sorgfältige Einlagerung der Quer- und Nietenverbindungen fast ganz vermieden. Von der 5 Monate betragenden Montirungszeit wurden 3 Monate auf eine gewissenhafte Beobachtung der Konstruktion verwendet, die nur um 5,5 mm nachgegeben hat. In einem Beobachtungs-Zeitraum von weiteren 3 Monaten wurde ein Senken nicht mehr bemerkt. Heute, nach 8 monatlichem Gebrauch, bewegt sich die Konstruktion mit Leichtigkeit, was der sorgfältigen Bettung der Auflager in Hartbronce und Stahl, sowohl der Kernlager, wie auch der oberen Halsbänder zuzuschreiben ist.

Thorabschluss der Seitenöffungöffnungen des Eosander’schen Portals

Die Konstruktion des 7,50 m breiten und 9,65 m hohen Thores ist in ihren bemerkenswerthen Theilen in den nebenstehenden Abbildungen a – d angegeben. Besondere Aufmerksamkeit erregt der mächtige, stark profilirte, geschwungene Kämpfer, der von oben her den 3,15 m hohen krönenden Aufsatz aufzunehmen hat und in welchen von unten her die schweren Thorflügel eingezapft sind. Zur Tragung einer solchen Last waren besondere Vorkehrungen nothwendig, die in der nach Art der Fachwerkträger gebildeten Konstruktion ihre Lösung gefunden haben. Die architektonische Form ist aus starkem Eisenblech, welches in seinen Abmessungen bis zu einer Dicke von 6,5 mm steigt, gebildet, und hat an den hervorragenden Stellen Einlagen aus Rund- Vierkant- und Flacheisen erhalten. Die senkrechten, einmal gedrehten Stäbe bestehen aus 42 mm starkem Quadrateisen. Die Blechverbindungen des geschlossenen Sockels, auf welchem die reichen Ornamente befestigt sind, bestehen aus 5 mm starkem Eisenblech. Die Thorflügel öffnen sich nach aussen, laufen aber nicht, wie bereits angedeutet, auf Rollen und Schienen, da die Höhenverhältnisse des vor dem Thore liegenden, dem Verkehre ausgesetzten Bodens sowie auch Schönheitsrücksichten dies nicht gestatteten; ein solches Auskunftsmittel hätte die ganze Konstruktion wesentlich vereinfacht, ihr aber auch ein weitergehendes Interesse geraubt. Die Thore bewegen sich vielmehr völlig freischwebend an einer senkrechten Achse von 85 mm Durchmesser und zwar nicht unmittelbar am Stein, sondern an einem schmalen Eisenrahmenwerk, welches am Steine anliegt und namentlich mit dem Kämpfer in gute Verbindung gebracht ist. Der Kämpfer ist es denn auch, der die ganze Konstruktion zu tragen hat; seine sinnreiche Gestaltung hat bis heute allen an ihn gestellten Anforderungen Stand gehalten und sich somit gut bewährt. Der Verschluss-Mechanismus des Thores besteht aus einem leicht zu handhabenden Bascule-Verschluss, dessen Verschlussstangen oben in den Kämpfer, unten in ein besonderes Metallager der Steinschwelle eingreifen.

Befestigungen

Bei so aussergewöhnlichen Arbeiten der Schmiedekunst, wie sie die Thore des königlichen Schlosses darstellen, gewährt neben der künstlerischen und der konstruktiven Seite auch der wirthschaftliche Theil des Auftrages Interesse. Wir sind durch das besondere Entgegenkommen der Firma E. Puls in die Lage versetzt, unseren Lesern einen Einblick in die Arbeitszeit sowie die Material- und Lohnausgaben für die Abschlussthore des Eosander’schen Portales geben zu können. Für das mächtige Mittelthor desselben war eine Summe von 20 250 M. für die beiden Seitenthore eine solche von zusammen 18 750 M. für den Abschluss des Eosander’schen Portales mithin insgesammt eine Summe von 39 000 M. angesetzt, ein Betrag, der in Anbetracht der hier gestellten ausserordentlichen Anforderungen als nicht hoch bezeichnet werden darf. Die gesammte Arbeit an den 3 Thoren wurde in 4700 Gesellentagen hergestellt und es wurde hierfür an Arbeitslöhnen 17 980 M. bezahlt. Der Materialienverbrauch war, entsprechend den ausserordentlichen Abmessungen der Thore, auch ein aussergewöhnlicher. Verarbeitet wurden 27 780 kg Schmiedeisen, Stahl- und Hartbronce im Werthe von 7975 M. Die gesammten Geschäfts-Unkosten betrugen 7110 M. Aus diesen Angaben ergeben sich bemerkenswerthe Durchschnittswerthe; so ergibt sich als Verkaufswerth für das Kilogramm der fertigen Thore 1,40 M. und als Gesellenlohn für die gleiche Gewichtseinheit 0,65 M.

Die Thore des königlichen Schlosses in Berlin sind nicht nur hervorragende künstlerische Schöpfungen der Werkstätten, aus denen sie hervorgegangen, sondern legen auch Zeugniss ab von der besonderen technischen Leistungsfähigkeit der betheiligten Firmen. Als bedeutendste Schmiedewerke des Kunsthandwerks der Gegenwart bilden sie einen neuen Schmuck des mächtigen Hohenzollern-Baues und in ihm einen neuen Schmuck der Hauptstadt des deutschen Reichs.

Dieser Artikel erschien zuerst 1891 in der Deutschen Bauzeitung, er war gekennzeichnet mit „-H.-„.