XI. Wissenschaft und Kunst

Unser Archivar, Dr. L. Ennen, gibt uns in seinen Zeitbildern eine lebendige Schilderung des wissenschaftlichen und Kunstlebens Kölns in der Periode, von welcher ich rede!. Auf dieses Werk muß ich verweisen, da meine eigene Erfahrung und Anschauung so weit nicht reicht, mein persönliches Wissen sich nur auf später vernommene Aeußerungen gründet.

Geistiger Zustand Kölns unter Napoleon

Unter der Napoleonischen Soldaten-Despotie konnte an eine freie Geistesbildung nicht gedacht werden. Auch der Geist der Nationen, die unter seiner Zuchtruthe seufzten, war geknechtet, und den Männern, denen die Sendung geworden, geistbefruchtend durch Wort und Schrift zu wirken, war Mund und Hand geknebelt. Da der Despot mit frechem Hohne alle Volksthümlichkeiten niedertrat, unter seinem ehernen Fuße hielt, blieb auch dem Unterrichte, der Bildung alles fern, was Nationalgefühl, den Gedanken politischer Selbstständigkeit nur im entferntesten anregen konnte; die Jugend mußte sich mit dem Griechenthume, dem Römerthume begnügen, das aber auch wieder nach dem Willen des Allmächtigen zugestutzt war. – Militärisch war das kaiserliche Lyceum eingerichtet, die Schüler, uniformirt, standen nach der Trommel auf, und gingen nach der Trommel in die Classe, zu Tisch und zu Bett – unter Napoleon mußte Alles dem Kalbfell folgen. Was man an der Secundär-Schule trieb, darüber belehrt uns Dr. Ennen, mir schwebt nur noch dunkel eine These: „Der Fisch hat keinen Kopf“ im Gedächtniß, welche Dr. Cassel bei einer öffentlichen Feier aufstellte, und die zu allerlei Spöttereien und Zerrbildern Veranlassung gab.

Wallraf’s Bemühungen

Die Heroen der neuen Glanzperiode des deutschen Schriftenthums waren nur wenigen der Auserwählten bekannt, fanden in Köln keinen empfänglichen Boden. Wallraf’s Bemühungen, Köln, die deutsche Stadt, in geistiger Beziehung zum deutschen Vaterlande zu erhalten durch sein „Taschenbuch der Ubier“, an dem Arndt, Cramer, Lindenmayer, Schubart und andere als Mitarbeiter Theil nahmen, scheiterte an der despotischen Bevormundung der Regierung und an der engherzigen Exclusivität der Kölner – am Kölnerthum. Aber auch dieses selbst fand nicht minder seinen eifrigsten Vertreter in unserem Wallraf, der so gelehrt, so vielseitig strebend und wirkend er sein mochte, vor Allem Kölner war, welchem die Liebe zur Vaterstadt eine zweite Religion, für welche er diejenigen Jünger, die sich ihm anschlossen, zu gewinnen, zu begeistern wußte.

Die olympische Gesellschaft

Wallraf war der belebende Mittelpunct, von dem die geistige Lebensthätigkeit im damaligen Köln ausging, die in der von ihm gegründeten „olympischen Gesellschaft“ die einzige Pflegerin fand, und in versittlichender Beziehung eine Fördererin in der musicalischen Liebhaber-Gesellschaft, die sich auch wöchentlich bei ihm versammelte, und alle Gleichgesinnten und Strebenden vereinte. Kunst und Literatur hatte in der olympischen Gesellschaft eine Zufluchtsstätte gefunden, und der kölner Humor, der kölner Dialekt eine fruchtbringende Pflege, indem wir diesen gemüthlichen Zusammenkünften, den Darstellungen dieses Vereins die originelsten Dichtungen in unserem Plattdeutschen verdanken. Ich erinnere mich noch einer in Knittelversen von der olympischen Gesellschaft ausgearbeiteten Travestie des Goethischen „Faust“, in ihrer Art ein Meisterstück, voll schlagenden Witzes und Humors.

Die Werkstätte des Buchbinders Aug. Jansen

Die Wenigen, welche sich um Wissenschaft und Literatur kümmerten, fanden sich zusammen in der Werkstätte des Buchbinders Aug. Jansen, in der großen Neugasse, meinem elterlichen Hause gegenüber wohnend. Der vielunterrichtete, biederbe Mann hat einen entschiedenen Einfluß auf meine geistige Richtung gehabt, dem Knaben zuerst den Sinn für das Kunstschöne in Wort und Form geweckt. Unter seiner Werkbank in den Papierspänen liegend, horchte ich andächtig seinen Mährchen und Reise-Erzählungen, wodurch er das kindliche Gemüth in so eigenthümlicher Weise anzuregen und zu fesseln wußte. Noch stehen einzelne der Männer, die dort verkehrten, lebendig vor meiner Seele, so Friedrich Schlegel, unter den Jüngern Gau, Hittorf und vor Allen Ferdinand v. Walter, jetzt Professor des Kirchenrechts in Bonn, der auf den Knaben einen unvergeßlichen Eindruck machte, als er im Jahre 1812 an der Secundär-Schule zweiten Grades alle Preis-Medaillen davon getragen, zu denen er sich bei Jansen die Etuis machen ließ. Die Werkstätte Jansen’s blieb das Stelldichein aller geistigen Notabilitäten, als wir wieder Deutsch geworden, und noch erinnere ich mich aus der ersten Zeit Arndt’s, dann später Follen’s, des Staats-Procurators Mühlenfels, und selbst der Gemahlin, des Sohnes und der Tochter Schiller’s, die alle in meiner Nachbarschaft, beim Brauer Sülzen in der Klucht am Bollwerk wohnten, und auch von Zeit zu Zeit bei Buchbinder Jansen einsprachen, wo man alle literarischen Neuigkeiten aus erster Quelle hatte.

Haus-Lectüre

Wie viele der Bürger auch ihre „sechs oder sieben Schulen“ studirt hatten, worauf sie pochten, da sie noch einige lateinische Floskeln kannten, auch wohl zur Noth mit Hülfe des Gradus ad Parnassum noch ein Carmen oder Chronicon zusammenstoppeln konnten, so war doch Lesen ihre Sache nicht. Die gewöhnliche Familien-Lectüre besteht in Pater Martin von Cochem’s oder einem ähnlichen Leben der Heiligen, in Goffine’s Handpostille – und im hinkenden Boten mit dem großen Einmaleins.

Volksbücher

Hier und da findet man den kölnischen Diogenes von Lindenborn, und in den Mittelclassen die allbeliebten Volksbücher: der gehörnte Siegfried, Kaiser Octavian, die vier Haimons-Kinder, das Riesenbuch, das Schloß Xaxa, die keusche Hirlanda, die treue Genovefa, die schöne Magelone, der Till Eulenspiegel, und wie die Herrlichkeiten der bei Evraerts in diesem Jahr gedruckten Pafeporzer-Bibliothek heißen mögen. Und dennoch hat Köln noch eilf Buchdruckereien und dreizehn Verlags- und Buchhandlungen, wenn auch Keine mehr von den Firmen besteht, die Köln einst als Druckort so berühmt machten, wenn auch Köln nicht mehr seinen Namen hergeben muß mit der erdichteten Firma Jean Marteau zu so scheußlichen, sittenverderbenden Büchern, mit denen Frankreich im achtzehnten Jahrhundert die Welt heimsuchte und verpestete.

Leihbibliothek

Köln besaß nur eine Leih- und Lese-Bibliothek, die des Stadt-Registrators J. Arn. Imhof, in der vorzüglich die Ritterromane von Spieß, Cramer, Veit Weber und die Lafontaine’schen Rühreier spulten.

Vicarius Hardy

Wahre Festtage für mich waren die, dem Knaben zuweilen als Belohnung vergönnten Besuche des Vicarius Hardy († 1819) auf dem Mariengarten-Kloster. Welche Wunder entfalteten dem kindlichen Auge seine mikroskopischen Versuche, seine physicalischen Apparate; eine reiche Welt belebte die Wände seiner kleinen Zimmer in den von ihm bossirten kunstvollen, charalteristischen Wachsbildern und Gruppen. Voller Andacht staunte ich seine Schmelzgemälde an, seinen Heiland nach Carlo Dolce, voll erhabener Milde, sein eigenes Bild in sitzender Figur, die Linke mit der Zeichenfeder auf die Mappe gestützt. Hardy war ein durch und durch reines kindliches Gemüth, eine seltene Künstlernatur, welche, was sie des Bewunderungswürdigen schuf, aus sich selbst schöpfte, dabei das Muster eines katholischen Priesters. Und wie wenige Kölner ahnten damals, welchen Künstler die Vaterstadt in diesem anspruchlosen, bescheidenen Manne besaß!

Gebr. Boisserie / Kölner Maler und Bildhauer

Pflege der zeichnenden und bildenden Künste war ein Charakterzug der Kölner gewesen, als die Stadt noch in ihrer Blüthe, bis ins sechszehnte Jahrhundert. J. Merlo hat uns gezeigt, wie reich die Stadt an Meistern der Malerkunst schon seit dem zwölften Jahrhunderte. Vor fünfzig Jahren war, wie ich schon angedeutet, jedes Bürgerhaus ein kleines Museum, denn es gab keines, wo nicht einige alte „Schildereien“ aufbewahrt wurden.

Aber seit dem Jahre 1804 fingen die Gebrüder Sulpiz und Melchior Boisserèe und Bertram in Köln und Umgegend an, aufzuräumen zum größten Aergerniß Wallraf’s, dem leider nicht immer die Mittel zu Gebote standen, wenn auch die alten Bilder für mehr als Spottpreise verkauft wurden und die Ankäufer so viel von dem eigentlichen Kunstwerthe verstanden, daß sie dieselben nach der Echtheit des Goldgrundes, auf den sie gemalt, abschätzten. Die Boisserée’sche Sammlung kam nach Heidelberg, dann nach Stuttgart, die Besitzer wußten den neuen Aufschwung deutschen Nationalgefühls zu benutzen und Vater Goethe zu gewinnen, und so wurden die Bilder, die einst unseren Kirchen, Klöstern und Kreuzgängen zur frommen Zierde gedient, ein hoher Kunstschmuck der münchener Pinakothek.

Was seit dieser Zeit der Stadt Köln an Kunstgegenständen, Antiquitäten und Curiositäten durch den Kunstschacher entfremdet, zeugt allein von ihrem damaligen Reichthume an solchen Dingen; denn es gibt kein namhaftes Antiquitäten- und Kunst-Cabinet diesseit der Alpen, welches nicht das eine oder andere Curiosum aufzuweisen habe, das Köln einst sein nannte.

Ausübende Künstler besaß Köln vor fünfzig Jahren wenige, die Portraitmaler Mengelberg, Beckenkamp, den Blumenmaler Grein, die Landschafter Gebrüder Manskirsch und vor Allen den selbst von Goethe hochgefeierten, aber leider schon 1812 verstorbenen Maler Hoffmann (geb. 1764, 28. October) Auch De Noël hatte sich der ausübenden Kunst gewidmet und manche Compositionen geliefert, die mehr als ein gewöhnliches Talent verrathen. Die Bildhauerei wurde von der Familie Imhoff geübt.

Musik und Musikfreunde

Wie wir gehört, fand die Bühnenkunst Unterstützung. Musik ist aber der Kölner Lieblingskunst. Die Bauerbänke und die geringeren Bürger begnügen sich mit dem Dudelsack, dem Hackbrett, der Lavumm und der Violine des „Schützengelchen“, eines fahrenden, drei bis vier Fuß hohen Musicanten, der allenthalben ein gern gesehener Gast und bei gar mancher Hochzeit die musicalisch genügsamen Füße der an und für sich tanzlustigen Kölnerinnen in Bewegung setzt. Unsere Großmütter tanzten noch eine sittsame Menuett, das junge Volk aber schon, wie ich mir erzählen ließ, den Walzer, die Française, Ecossaiso und Tempte, den Küßches-Tanz und den Kehraus!

Bei den Vornehmen hört man wohl ein Clavier und auch, aber selten, eine Harfe. Musiklehrer waren gewöhnlich die Organisten, noch erinnere ich mich der Namen Bevillagua und Cremer. Eine Niederlage der besten neu gestochenen Musique hält der Organist Godfried Hengen in der Schildergasse.

Den Stamm unseres Orchesters bildet, außer einigen Mitgliedern der aufgelös’ten kurfürstlichen Capelle aus Bonn die ehemalige Dom-Capelle, deren Capellmeister Ignaz Kaa neben der Jesuitenkirche. Er trieb außer der Musik auch Goldmacherei, suchte den Stein der Weisen. Die Alchymie war übrigens eine Krankheit, an welcher noch in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts verschiedene Domgrafen in Köln laborirten.

Als Kind habe ich noch im Keller des Kaa’schen Hauses das alchymistische Laboratorium gesehen.

Marcus DuMont

Stützen der Musik, begeisterte Freunde derselben sind der Bürgermeister Joh. J. von Wittgenstein, der nachmalige Appellationsgerichtsrath Verlenius, die ganze Familie DuMont, besonders der gründlich wissenschaftlich gebildete Buchhändler Marcus DuMont, Gründer der Firma DuMont-Schauberg, Dr. Med. Schmitz, die Brüder Adolph und Joseph Steinberger. In ihren Häusern wird die holde Kunst treu gepflegt, da gibt es Quartette und Quintette und musicalische Kränzchen. Concerte gab es beim Capellmeister Bensberg, in verschiedenen Kirchen musicalischer Gottesdienst, so auch bei den Ursulinerinnen, wo das Orchester von Nonnen besetzt war, dann musicalische Unterhaltungen beim Bürgerhauptmann Etzweiler im Hüttchen Obenmarspforten, größere Aufführungen im Ehl’schen Saale auf dem Domhofe.

Dom-Kirchen-Musik

Den wirklich aufopfernden Anstrengungen der genannten Bürger gelingt es auch, die 1805 wegen Mangels an‘ Mitteln aufgehobene Kirchen-Musik im Dome wieder in’s Leben zu rufen, deren Verschwinden Wallraf am 3. August 1805 in der Kölnischen Zeitung so bitter beklagt. Die musicalische Messe im Dome war mir als Knaben ein Hochgenuß, wie auch später Frank’s Orgelspiel in den Completen. Mit welcher Andacht habe ich im Dom-Chore oft der so milden und doch so metallreichen Tenor-Stimme des Herrn Marcus DuMont gelauscht, welche, selbst der entzückendste Ausdruck seelenvoller Andacht, die Seele dergestalt hinriß, daß man auf den Schwingen seines Gesanges getragen, im andächtigen Entzücken Alles um sich her vergaß. Sein „Herr nicht mein, Dein Wille geschehe“ in Graun’s „Tod Jesu“ klingt mir noch, ein Nachhall der seligsten Minuten, in allen Fibern der Seele wider.

Der Flöten-Virtuose Franz Joseph Langen

Jede Zeit hat für die Diletanten ihr Mode-Instrument, in meiner Kindheit war es in Köln die Flöte, weil Koln in dem Musiler Franz Jos. Langen einen höchst ausgezeichneten Flöten-Virtuosen besaß. Der wackere Künstler erhielt einen Ruf nach Paris, gab ihm aber keine Folge. Als unser Maire, Herr von Wittgenstein, zur Vermählungsfeier Napoleon’s mit Marie Louise nach Paris befohlen war, wurde bei dieser Gelegenheit Mozart’s Zauberflöte gegeben. Der Kaiser fragte den Maire, wie ihm die Aufführung gefallen, und erhielt zur Antwort: Assez bien, Sire, mais la flute énchantée vous manque, nous l’avons à Cologne.

Worauf der Kaiser den Wunsch aussprach, den Künstler in Paris zu besitzen.

Dies ist ein Auschnitt aus dem Buch Köln 1812, mehr Infos dazu hier. Das Inhaltsverzeichnis zum Buch, in dem die online verfügbaren Abschnitte verlinkt sind, ist hier zu finden.

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