Das französische Heer und seine Führer

Seit dem Dekret vom 27. Juli 1900 über die Reform des obersten Kriegsrats besteht dieser aus folgenden Generalen: Präsident Kriegsminister Louis André (Divisionär seit 12. Mai 1899), Vizepräsident Henri Joseph Brugère; ferner gehören dazu die Generale Saussier, Zurlinden, Pierron, Zédé, Duchesne, Keßler, Lucas und Négrier, endlich der Generalstabschef Pendezec und dessen Stellvertreter.

Von diesen Generalen ist der General Brugére (Porträt) für einen Kriegsfall Generalissimus der Armee. Unter ihm stehn fünf Armeeführer, nämlich General Duchesne (erste Armee, 7., 8., 13. und 16. Korps); General Lucas (zweite Armee, 5., 9., 12. und 17. Korps) General Keßler (dritte Armee, 4., 6., 11., 18. und 20. Korps); General Négrier (vierte Armee, 1., 2., 3. und 10. Korps); General Zédé (fünfte Armee, 14. und 15. Korps), endlich kommt für Europa auch das 19. Korps (Algier) in Betracht. Unter diesen Armeeführern gilt der General de Négrier als der tüchtigste.

Französiche Artilleristen beim Geschützreinigen
General Négrier, der polulärste französische Armeeführer
General Brugére, im Kriegsfall Generalissimus der Armee

Francois Oscar de Négrier (Porträt) wurde am 2. Oktober 1859 geboren, besuchte die Schule von St. Cyr, wo er das Unglück hatte, einen Kameraden im Duell zu töten, kam am 1. Oktober 1859 als Unterleutnant zu den Jägern und nahm als Jägeroffizier an den Kriegen 1864 bis 66 in Afrika, sowie 1870/71 im 4. Korps an dem Krieg gegen Deutschland teil. Négrier wurde bei St. Privat am linken Knie verwundet, lag seitdem in Metz im Lazarett und entwich am 3. November 1870 in Uniform und zu Pferde aus der Festung. Unterwegs hielten ihn zwei Ulanen an. Er zeigte dem einen seinen Lazarettschein, erschoß, während dieser las, den andern und erreichte glücklich belgischen Boden. Er begab sich nach Lille, wo Faidherbe ihn zum Befehlshaber des 24. Marschjägerbataillons ernannte. Seitdem wurde Négrier noch zweimal bei Villers-Bretonneux am 27. November und am 18. Januar 1871 bei Vermand verwundet. Nach dem Krieg von 1870/71 blieb Négrier als besondere Anerkennung seiner Leistungen in seiner Stelle als Bataillonskommandeur, wurde 1875 Oberstleutnant, 1879 Oberst und nach der Provinz Oran zur Bekämpfung einer Empörung geschickt. Durch diesen Kriegszug kam Négrier abermals in aller Mund, weil er einem muselmännischen Denkmal, das der Versammlungsplatz der Empörer gewesen war, unter französischer Ueberwachung einen andern Platz gab. Die Presse griff Négrier wegen seines Eingriffs in die Religion der Muselmänner an, allein Négrier erzielte den erhofften Erfolg, und die Bevölkerung der Provinz verlieh ihm sogar einen Ehrendegen. Négrier lehnte jedoch den Degen unter der Begründung ab, das Bewußtsein seiner Pflichterfüllung untersage ihm die Annahme. Der Degen kam darauf in das Museum zu Oran. Im Jahr 1883 zum General befördert, trat er an die Spitze der 2. Brigade des Tongkinesischen Expeditionskorps, wurde nach der Einnahme von Bac -Ninh und Honghoa Großoffizier der Ehrenlegion, aber bei Lang-Kep, das die Chinesen hartnäckig verteidigten, abermals verwundet, so daß er nach Frankreich zurückkehrte. Nach seiner Genesung erhielt er die 14. Division in Besancon, darauf das 11. Korps in Nantes und später das 7. Korps in Besancon. Bei den Manövern an der Ostgrenze führte Négrier eine Armee. Während der Kritik durch den General Saussier gerieten die beiden Armmeführer Jamont und Négrier heftig aneinander. Die Sache wurde aber beigelegt. In den Dryfusstagen hielt Négrier in der Offigiersmesse zu Besancon eine anti-republikanische Rede, derenthalber der damalige Kriegsminister, General Gallifet, ihn seines Kommandos enthob und aus dem obersten Kriegsrat entfernte Im vergangenen Jahr setzte der Präsident Loubet sich für den General, der inzwischen im Elysée seine Loyalität beteuert hatte, ein, General Négrier erhielt darauf seinen Platz im obersten Kriegsrat zurück. Nésgrier ist bei mittlerer Größe von schlankem Wuchs, hat scharfe Gesichtszüge und einen stählernen Körper. Der völlig geistesfrische General ist in der Armee sehr beliebt und wird wegen seiner hervorragenden Fähigkeiten und militärischen Talente geschätzt.

Porträts der Generale André, Gallifet, Zédé & Saussier

Der ebengenannte General de Gallifet (Portträt) ist 1830 geboren, wurde 1853 Unterleutnant, nahm am Krimfeldzug teil, erhielt für sein Verhalten vor Sewastopol die Ehrenlegion, wurde Ordonnanzoffizier Napoleons III., machte den Feldzug in Mexiko als Eskadronchef mit trug bei Puebla eine schwere Verwundung davon und wurde mit den eroberten Feldzeichen nach Frankreich zurückgeschickt. Ein Granatsplitter hatte ihm den Unterleib aufgerissen, und ein eigens konstruierter Apparat ersetzt seitdem das Bauchgewebe. 1867 wurde Gallifet Oberst und erhielt 1870 die 2. Brigade der Kavalleriedivision Marguérite. In dieser Kommandostellung erlangte Gallifet durch seine Attacken in der Schlacht bei Sedan, bei La Garenne, Berühmtheit. Nach der Kapitulation von Sedan kam Gallifet als Kriegsgefangener nach Koblenz, kehrte mit dem Friedensschluß nach Frankreich zurück und erhielt in der Armee von Versaille eine Kavalleriebrigade. Mit dieser nahm er an den Kampf gegen die Kommune teil, schonte aber das Leben Rocheforts, seines Jugendfreundes, als er mit der Exekution der Kommunarden betraut wurde. 1875 wurde Gallifet zum Divisionskommandeur in Dijon befördert, erhielt darauf das 9. Korps in Tours, später das 12. Korps in Limoges, wurde Armeeinspekteur, Vorsitzender des Kavalleriekomitees und Mitglied des obersten Kriegsrats. Er befehligte im Manöver mehrere Armeekorps und gilt als der Reformator der heutigen französischen Kavallerie. Bei seinem ersten Erscheinen als Kriegsminister auf der Ministerbank empfingen die Sozialisten ihn mit den Rufen: „Hoch die Kommune, nieder mit dem Mörder!“ Als Kriegsminister entfernte er einige mit den Nationalisten liebäugelnde Generale und Stabsoffiziere von ihren Posten und war auf die Stärkung der Macht des Kriegsministers bedacht. General de Gallifet ist einundsiebzig Jahre alt, seine körperliche Rüstigkeit hat in den letzten Jahren stark abgenommen, allein seine Verwendung im Kriegsfall ist nicht ausgeschlossen, und deshalb mußte seiner hier gedacht werden. Das Gleiche geschieht mit den Generalen Saussier und Billot, für die die Altersgrenzen nicht gelten, weil sie vor dem Feind kommandiert haben.

Das Automobil im Dienst des französichen Heeres – Transportwagen für Getreide

General Saussier (Porträt) wurde am 16. Januar 1828 in Troyes geboren, verließ 1850 als Unterleutnant die Schule von St. Cyr und wurde schon mit siebenundzwanzig Jahren Bataillonskommandeur. In der Fremdenlegion nahm Saussier an den Feldzügen in Afrika, der Krim, Italien und Mexiko teil, wurde wiederholt verwundet, aber auch ausgezeichnet. 1869 zum Obersten befördert, erhielt er das 41. Linienregiment, das 1870 zum 3. Korps gehörte und sich in der Schlacht bei Colombey mit hervorragender Tapferkeit schlug. Bei der Kapitulation von Metz protestierte er im Namen der Offiziere seines Regiments gegen die Uebergabe, und dieser Schritt war es, der ihn in Frankreich für sein ganzes ferneres Leben populär machte. Nach der Uebergabe von Metz wurde Saussier zunächst in Mainz interniert, darauf in Graudenz. Hier gelang es ihm, nach Rußland zu entkommen und nach Frankreich zurückzukehren. Zu Anfang Januar 1871 wurde er zum General befördert und mit dem Befehl über die 3. Division des 19. Korps betraut. Der Waffenstillstand von Versailles setzte aber seiner Thätigkeit ein Ziel. Nach dem Krieg von 1870/71 unterdrückte Saussier in einem achtmonatlichen Kriegszug die Empörung im östlichen Kabylien, kehrte 1873 nach Frankreich zurück, wurde in die Nationalversammlung gewählt und beteiligte sich an den Debatten über die Umgestaltung des französischen Heeres. 1878 wurde Saussier Divisionskommandeur, 1879 erhielt er das 19. Armeekorps in Algier, darauf das 6. in Chãlons s. M., mußte aber nochmals nach Algier gehen, um die Unruhen in der Provinz Oran zu unterdrücken. Seit dem Jahr 1884 war Saussier Militärgouverneur von Paris, darauf Vizepräsident des obersten Kriegsrats und bis 1898 Generalissimus. Seine starke Beleibtheit, Gicht und hohes Alter lassen seine Verwendung im Feld, obwohl er noch dem obersten Kriegsrat angehört, als ungewiß erscheinen. Nach den neusten Nachrichten soll der dreiundsiebzigjährige General, seit er keine Bureauarbeiten mehr zu leisten hat, bei weitem beweglicher geworden sein, doch fällt das Zupferdesteigen ihm sehr schwer.

Porträts der Generale Pendezee, Davoust, Duchesne & Billot

Seit dem im vergangenen Jahr erfolgten Rücktritt des Generals Jamont ist General Henri Joseph Brugère Generalissimus (Porträt). Brugère ist 1841 geboren, verließ die polytechnische Schule 1861, war 1870 Hauptmann und wurde während des Krieges zum Major befördert. Nach seiner Gefangenschaft in Metz entkam er am 2. November, stellte sich der Regierung der nationalen Verteidigung zur Verfügung und wurde dem 18. Korps (Billot) zugeteilt. In der Schlacht bei Beaune la Rolande am 28. November 1870 veranlaßte Hauptmann Brugére bei Les Cõtelles die Wegnahme eines preußischen Geschützes und hatte die Ehre, das Geschütz selbst nach Tours zu bringen. Diesem Umstand verdankt Brugére hauptsächlich seine Popularität. Brugère bewährte sich aber auch bei den Operationen Bourbakis gegen den General von Werder. Bourbaki machte ihm das Kompliment: „Ich wünschte, die Chefs hätten Ihre Jugend und Energie.“ 1871 nahm Brugére an der Bewältigung des algerischen Aufstandes teil, mit dem Jahr 1879 kam er ins Elysée, und damit beginnt seine politische Periode, die nur für kurze Zeit durch die Teilnahme an der Expedition nach Tunis 1881 und das Kommando über die 12. Division unterbrochen wurde. Als Korpschef befehligte er in Bourges das 8. und in Amiens das 2. Korps. Während der Präsidentschaft Loubets wurde Brugèdre anstelle des Generals Zurlinden Gouverneur von Paris und nach dem kurz darauf erfolgten Rücktritt Jamonts Generalissimus. Er ist noch jünger als General de Négrier, erfreut sich aber weder des Ansehens dieses Generals noch des Generals Jamont.

Das Automobil im Dienst des französichen Heeres – Geschützter Transportwagen für Lebensmittel

Der General Billot hat bereits im Kriege 1870/71 ein Armeekorps befehligt. Er führte es bei Beaune la Rolande unter General d’Aurelle, später unter Bourbaki gegen General von Werder. Wegen des Treffens von Villersexel gilt er in Frankreich als einziger Sieger von 1870/71. Billot ist am 15. August 1828 geboren, verließ 1847 die Schule von St. Cyr und trat neuzehnjährig in den Generalstab als Unterleutnant. In Afrika und Mexiko wurde er in Tagesbefehlen siebenmal lobend erwähnt. Beim Kriegsausbruch 1870 war er Oberstleutnant in Afrika, wurde dem zweiten Korps zugeteilt und nahm an allen seinen Kämpfen teil, wobei er wegen seines Verhaltens bei Spicheren wiederum im Tagesbefehl genannt wurde. Nach der Uebergabe von Metz entkam er nach Luxemburg, wurde am 9. November 1870 Oberst, am 29. November Brigade- und am 6. Dezember Divisionsgeneral. Im Kriegsrat bei Chãteau Farine vertrat Billot den Rückzug auf Auxonne statt auf Pontarlier. Als Bourbaki ihm aber den Befehl anbot, nahm Billot ihn nicht an. Nach dem Friedensschluß erhielt er den Rang eines Brigadegenerals und wurde am 30. März 1878 Divisionskommandeur. Darauf befehligte er das 15. Korps (Marseille), wurde Mitglied des obersten Kriegsrats und zweimal Kriegsminister. Ihm verdankt Frankreich hauptsächlich die heutige Organisation des Generalstabes. Billot hat auch sonst als Kriegsminister segensreich gewirkt und trat zum erstenmal zurück, als die Regierung dem Prinzen von Orléans den militärischen Rang entzog. Hierauf übernahm er das 1. Korps und führte bei den Manövern im Norden Frankreichs eine Armee. Billot ist ein hochgebildeter Offizier; er vertrat Frankreich bei der Beisetzung Kaiser Wilhelms II. Eine seiner letzten Thaten ist die Errichtung der vierten Bataillone, die aber bis heute noch nicht verwirklicht werden konnte und die vielfach als schädlich betrachtet wird.

General Négrier mit seinen Ordonanzoffizieren beim Studium der Manöverkarte im Uebungsfeld
Kommandeur eines französischen Dragonerregiments giebt zwei Husaren nach der Manöverkarte Instruktionen

Ueber die jüngeren Armeeführer ist noch wenig zu sagen, weil sich keiner im Felde in einer höheren Stelle bethätigt hat, bis auf den General Duchesne (Portr.). Dieser General ist 1837 in Sens geboren, verließ St. Cyr 1857, wurde bei Solferino verwundet und zeichnete sich im Feldzug in Tongking aus. Als Divisionskommandeur erhielt er 1894 den Befehl über die Expedition nach Madagaskar. Die Presse griff aber seine Leitung heftig an, weil er unnützerweise, um glänzende Erfolge zu erzielen, viele Leute geopfert haben soll. Zuletzt war er Korpsbefehlshaber in Besancon und führte die Untersuchung gegen den General Pellieux.

General Négrier nimmt die Meldung zweier Kürassieroffiziere entgegen

Charles Jules Zédé (Portr.) trat aus der Schule von St. Cyr für kurze Zeit in den Generalstab, diente vorzugsweise in den Garnisonen des Südens, befehligt gegenwärtig das 14. Korps und ist zugleich Militärgouverneur in Lyon. Er gilt als ein ausgezeichneter Kenner Italiens, ist ein sechziger, steht in hohem Ansehen als Führer und ist der einzige unter den Mitgliedern des obersten Kriegsrats, der ein Armeekorps befehligt. Keßler (Charles) ist 65 Jahre alt. Er verließ St. Cyr 1857, wurde 1864 Kapitän, 1877 Bataillonschef, 1885 Oberst, 1889 Generalmajor und 1893 Divisionskonunandeur.

Französische Feldartillerie mit den neusten Geschützen bei der Uebung
Französische Infantrie beim Aufwerfen von Schützengräben

Er kommandierte die Division in Reims, darauf das 6. Korps in Chalons.

Französische Ambulanz in Thätigkeit – Verwundetentransport auf Wagen
Französische Ambulanz in Thätigkeit – Verwundetentransport auf Maultieren

Der General Lucas befehligte zuerst das 9. Korps in Tours, darauf das 10. Korps in Rennes während des Dreifusprozesses. Er ist einer der überzeugtesten Vertreter der Offensive und gilt in dieser Beziehung als der entschiedenste Anhänger des selbstmörderischen Revanchegenerals Boulanger. Dieser viel verlästerte General hat zwar keine schöne Rolle gespielt, aber das Verdienst kann ihm nicht geraubt werden, der französischen Armee den Geist der Offensive wiedergegeben zu haben. Erst seit Boulanger und durch Boulanger ist dieser Geist in den Dienstvorschriften wieder kräftig zum Ausdruck gelangt, und die sämtlichen fünf jüngeren Armeeführer sind von der Ueberzeugung durchdrungen, daß Frankreichs Heil in einem Krieg nur in der Offensive beruhen kann.

Der General Pendezec (Portr.), dessen kürzliche Reise nach Petersburg so viel besprochen wurde, ist 58 Jahre alt und noch aus dem alten Generalstabskorps hervorgegangen. 1870 war zuerst Generalstabsoffizier der Kavalleriedivision des 5. Korps. Er entkam bei Sedan, wurde der Loirearmee zugeteilt, nahm an den Kämpfen bei Coulmiers und Orleans Teil und darauf an den Operationen der Ostarmee. Als Brugdère das 8. Korps in Bourges befehligte, war er dessen Stabschef und versah bei Brugère dieselbe Funktion während seines Gouvernements von Paris. Ob der General sich an seiner wichtigen Stelle behaupten kann, wird im französischen Heer stark bezweifelt.

Dieser Artikel erschien zuerst am 13.05.1901 in Die Woche, er war gekennzeichnet mit „Miles“.